„Zeit ist das Wertvollste, was wir zu geben haben“

Louisa Kilgus hält in einem schicken braunen Kleid, mit einem Mikrofon in der Hand, eine Hochzeitsrede

Aus einer spontanen Anfrage entstand ein Business: Louisa Kilgus ist freie Trau- und Trauerrednerin und hat mit LOUVE ein wachsendes Unternehmen aufgebaut. Im Interview gibt die ING-Kundin Einblicke in ihren Weg in die Selbstständigkeit, die Herausforderungen eines stark saisonalen Geschäfts – und erklärt, warum Nähe und Authentizität ihre Arbeit prägen.

Manchmal ist es ein scheinbar kleiner Moment, der Beruf, Berufung, das Leben verändern könnte – und dann ist die Frage, nimmt man ihn an? Louisa Kilgus wurde eines Abends ganz unvermittelt von ihrer Cousine gefragt, ob sie die Traurede auf ihrer bevorstehenden Hochzeit halten würde. Vielleicht war es da schon ein bisschen spät und vielleicht war das eine oder andere Getränk im Spiel, jedenfalls hat sie Ja gesagt. Und dann am nächsten Tag nochmal angerufen und gefragt: Bist du sicher, dass ich das machen soll? 

„Manchmal“, sagt Louisa heute, „wenn ich von einer Hochzeit zurückfahre, auf der ich die Traurede gehalten habe, rufe ich meine Cousine an und sage ihr nochmal Danke. Das war wirklich lebensverändernd.“ 

 

Deine erste Traurede hast Du auf der Hochzeit Deiner Cousine gehalten – wie war das? 

Louisa Kilgus: Ich war vorher schon auf zwei freien Trauungen und hätte nicht mehr wiedergeben können, was da gesagt wurde. Bei der einen habe ich akustisch nichts verstanden und bei der anderen war ich so gelangweilt, dass ich nach 3 Minuten gedanklich ausgestiegen bin. Ich habe das dann so gestaltet, wie ich es schön finden würde, in Absprache mit meiner Cousine und ihrem Verlobten. Und dann lief das ziemlich gut. Ich habe das währenddessen schon gemerkt, mir gehts gut, die beiden haben Spaß, die Gäste genießen das. 

Wie wurde dann ein Business daraus? 

Im Anschluss kamen zwei Gäste von dieser Hochzeit und haben mich gefragt, ob ich das für sie auch machen wollen würde. Das ist ein Job, da hast du immer potenzielle Kundinnen und Kunden vor dir sitzen. Das wurde dann immer mehr, und irgendwann musste ich entscheiden, gehe ich „all in“ und mache das voll selbstständig, oder bleibt das für immer Kleinunternehmertum? Heute sind wir bei LOUVE insgesamt fünf Redner/-innen in Esslingen und Kassel.

Louisa Kilgus sitzt am Tisch in ihrem Büro, spricht entspannt und lächelt, vor ihr eine Tasse mit der Aufschrift "Amore"
„Eine gute Traurede lebt von ganz viel Nähe und von Authentizität. Das geht aber nur, wenn ich es schaffe, dass die Paare sich hier an diesem Tisch öffnen.“


Wie war das für Dich, der Schritt in die Selbstständigkeit? 

Ich komme aus einer absoluten Banker-Familie, meine drei Geschwister und meine Eltern arbeiten alle bei einer Bank. Ich bin die Einzige, die ein bisschen kreativ ausschlägt, bin aber schon ein sehr sicherheitsliebender Mensch. Wenn ich nicht wüsste, was ich im nächsten Monat verdiene, da könnte ich nicht gut schlafen. Das Gute ist, bei den Hochzeiten weiß ich immer ein, zwei Jahre zuvor, was mein Einkommen sein wird. Das ist eine total dankbare Selbständigkeit. Aber was da alles mit einhergeht! 

Was meinst Du? 

Plötzlich bist du für deine Altersvorsorge selbst verantwortlich und alles hängt an dir. Wenn du krank bist, kannst du nicht arbeiten. Ich habe praktisch 10 Monate Zeit, mein komplettes Jahreseinkommen zu verdienen, denn einen Monat ist man krank im Schnitt und einen Monat im Urlaub. Die Saison geht aber nicht mal 10 Monate, die geht eigentlich nur über den Sommer. Das heißt sogar, ich muss von Mai bis Oktober fast mein ganzes Jahreseinkommen verdienen. Das ist schon tough. 

Wie gehst Du eine Traurede an? 

Die Hälfte von uns im Team kommt aus der Werbung und ich glaube, an eine gute Werbung erinnert man sich ewig und an eine gute Traurede auch. Die Menschen, die da sind, schenken mir eine Stunde ihrer Zeit und ich finde, Zeit ist das Wertvollste, was wir zu geben haben. Nichts liegt mir ferner, als die Menschen dann zu langweilen. 

Wie gelingt das? 

Unsere Reden sind sehr individuell und persönlich. Ganz oft fragen Gäste danach: „Wart ihr zusammen auf der Schule oder woher kennst du die Sarah?“ Und das ist mit das größte Kompliment, wenn die Gäste denken, das Paar und ich kennen uns schon lange. Eine gute Traurede lebt von ganz viel Nähe und von Authentizität und nicht nur von Schönmalerei. Also, ich feiere meine Couples nicht eine Dreiviertelstunde ab; jedes Paar hat sich auch schon mal an seinen Grenzen kennengelernt und auch das benennen wir. Eine Ehe ist auch Arbeit, und Liebe ist auch irgendwie Arbeit und nicht jeden Tag voller rosa Wolken. Das lassen wir eigentlich immer einfließen in die Rede. Und das geht aber nur, wenn ich es schaffe, dass die Paare sich hier an diesem Tisch öffnen. 

Du hast ein Büro in der Innenstadt. 

Ich bin eine der wenigen Traurednerinnen, die sich ein Büro in der Innenstadt oder überhaupt ein Büro leisten. Ich brauche diesen Raum, damit meine Arbeit besser wird, habe ich gemerkt. Es ist außerdem ein Beruf, der sehr an meiner Person verhaftet ist. Deswegen wollte ich auch unbedingt ein Büro mit einer großen Glasscheibe, damit man ganz unverbindlich so ein bisschen gucken kann, wer ist das denn eigentlich.

  

Man blickt von außen auf die Fensterscheibe zu Louisa Kilgus Büro, darauf ist ein Aufdruck "LOUVE - Good Days & Goodbyes"
„Ich wollte unbedingt ein Büro mit einer großen Glasscheibe, damit man ganz unverbindlich so ein bisschen gucken kann, wer ist das denn eigentlich.“


Hältst Du auf den Hochzeiten nur die Traurede oder machst du noch mehr? 

Ich bin immer mit die Erste, die an der Location ist, und koordiniere ein bisschen. Ich spreche zum Beispiel mit der Fotografin oder dem Fotografen, weil ich am besten weiß, was passiert – wer die Ringe bringt, wie das Paar sitzen möchte. Und dann bin ich so eine Art Gastgeber, nehme die Gäste in Empfang und zeige ihnen ihre Plätze. Bevor die Trauung losgeht, mache ich dann ein kleines Warm-up – bringe die Gäste schon mal in Stimmung und erkläre den Ablauf. Ich hole alle ein bisschen ab, zum Beispiel auch zum Thema Kinder. Kein Kind muss eine Stunde auf dem Po sitzen, die dürfen auch rumlaufen und laut sein, das ist das Leben und sehr willkommen. Alle sollen sich wohlfühlen. 

Du machst nicht nur Traureden, sondern auch Trauerreden. Warum machst Du beides – Hochzeiten und Beerdigungen sind ja sehr gegensätzliche Anlässe? 

Das erdet mich total. Ich liebe die Hochzeiten und den Spaß, aber das Leben besteht eben nicht nur daraus. Ich habe selten in meinem Leben etwas Sinnstiftenderes gemacht, als auf dem Friedhof Trost zu spenden. Ich bekomme ganz oft noch im Jahr danach Briefe zum Todestag von Menschen, die sich noch mal bedanken. 

Wie schützt Du Dich emotional? 

Meine Familie hilft mir da sehr. Wir teilen hier schon auch einen gewissen Humor. Jarvis Cocker, der Sänger der Band Pulp, hat das mal gesagt: Wenn du etwas in Humor verwandeln kannst, kann es dir nicht mehr so weh tun. Das stimmt schon, aber ich weiß auch mit meiner Trauer gut umzugehen. Wenn auf einer Trauerfeier Lieder laufen, die mir gut gefallen, dann füge ich die meiner Spotify-Playlist hinzu. Gerade heute Morgen, während ich die Kinder fertig gemacht habe, ging plötzlich ein Lied an, das auf der Trauerfeier von einer Frau lief, die ich sehr mochte. Dann denke ich, ah ja, Edda besucht mich gerade, das war schön mit ihren Zugehörigen und hoffentlich geht es allen gut. Also irgendwie besuchen die mich regelmäßig, aber auf eine gute Art.

Louisa Kilgus sitzt an ihrem Schreibtisch und schaut ein bisschen nachdenklich
„Ich liebe die Hochzeiten und den Spaß, aber das Leben besteht eben nicht nur daraus.“


Machst Du mehr Hochzeiten oder mehr Beerdigungen? 

Ich mache genauso viele Hochzeiten wie Beerdigungen, aber ich verdiene an der Hochzeit fast das Dreifache. Bis vor ein paar Jahren haben immer die Bestatter die Preise bestimmt, und der Preis für eine Trauerrede liegt da zwischen 450 und 500 Euro. Das ist ein Stundenlohn von 25 Euro, das ist nicht tragbar für Selbstständige. Wir nehmen 980 Euro für eine Trauerrede. 

Du gehst sehr transparent mit Deinen Preisen um. 

Das macht sonst kaum jemand. Aber wer sich das nicht leisten möchte – und das sind viele und das verstehe ich auch –, der fragt einfach nicht an. Es steht sogar richtig frech auf der Website, dass wir keine Rabatte geben, denn diese Diskussion möchte ich nicht mehr führen. Wir sind mit die teuersten am Markt: Eine Hochzeitsrede kostet um die 2.500 Euro. Das ist echt ein Batzen Geld. Viele kosten gerade mal die Hälfte. 

Wie kalkulierst Du Deinen Preis? 

Vielleicht vorab: Ich habe natürlich auch einmal mit anderen Preisen angefangen. Wir haben uns über die Jahre als Team und als Marke entwickelt, und unsere Preise sind mit dieser Entwicklung mitgewachsen. Bei uns zahlen Paare nicht nur für die sichtbaren Stunden am Hochzeitstag. Sie zahlen für den kompletten Prozess dahinter – vor allem aber für unsere Erfahrung. Wir haben bereits etliche Paare im In- und Ausland begleitet, davon profitieren alle. 35 Stunden reine Vorbereitung sind bei uns keine Seltenheit. Wir sind viel im Austausch, denken mit, beraten und helfen, wo wir können. Wenn man den Preis herunterbricht, ist der Stundenlohn nach Abzug der Mehrwertsteuer und bei all den Stunden dahinter oft gar nicht so hoch, wie viele denken.

Louisa im Blauen Saal, einer Hochzeitslocation in Esslingen. Sie trägt ein schickes braunes Kleid, hat ein Mikrofon in der Hand und hält eine Hochzeitsrede.
Louisa im Blauen Saal, einer Hochzeitslocation in Esslingen. LOUVE hat vier Redner/-innen in Esslingen und zusätzlich einen Standort mit einer Rednerin in Kassel.


Gerade das Hochzeitsgeschäft ist sehr saison-abhängig. Wie planst Du da die Liquidität? 

Ja, das ist wirklich ein großes Thema. Der Juli muss eben auch den Januar mittragen. Ich plane also über das ganze Jahr. Wir bilden Rücklagen, kalkulieren unsere Fixkosten sehr genau und wissen, welche Monate welche Last tragen müssen. Denn Miete, Gehälter, Steuern, Versicherungen, Tools oder Marketing machen ja keine Winterpause. Was viele nicht sehen: In den ruhigeren Monaten passiert trotzdem sehr viel. Wir führen unsere Gespräche, schreiben Reden, planen Trauungen, verbessern Prozesse, machen Content, entwickeln Angebote weiter und bereiten die kommende Saison vor. Nur weil weniger Trauungen stattfinden, steht das Unternehmen nicht still. 

Und fürs Finanzielle nutzt Du unser Geschäftskonto und das Business Extra-Konto? 

Das ist alles so wunderbar einfach bei der ING. Ich war wirklich so froh, als ich von meiner alten Bank rüberwechseln konnte.