Selbstständig mit 70 Kilo Magie
Mit elf sieht Toby Rudolph einen Zauberer auf der Straße – und weiß sofort: „Das will ich auch können.“ Heute macht der Kölner Zauberkünstler genau das beruflich. Er verbindet Magie, Comedy und Wissenschaft und wurde 2024 Deutscher Meister der Close-Up-Zauberkunst.
Kindheitstraum mit Umweg
Eigentlich wusste Toby früh, wohin es gehen soll. „Ich habe mich eigentlich schon im Alter von elf entschlossen, Zaubern hauptberuflich zu machen“, sagt er. Trotzdem studiert er Physik und geht in die Forschung. Als sein Vertrag ausläuft, steht er vor einer Frage, die viele Gründerinnen und Gründer kennen: Noch einmal Sicherheit suchen oder ausprobieren, wovon er schon so lange träumt?
Für Toby ist schnell klar: „Jetzt ist der Moment, das auszuprobieren.“ Er schreibt seinen Businessplan, beantragt einen Gründerzuschuss und setzt sich einen klaren Horizont: drei Jahre. Dann will er wissen, ob sein Plan wirklich trägt. „Wenn ich das erreiche, läuft alles super. Und wenn nicht, muss ich gucken, was ich ändern muss.“ Sein Plan B? „Notfalls werde ich halt Physiklehrer.“
Zauberei ohne Klischee
Wer bei Zauberei zuerst an Zylinder, Kaninchen und Kindergeburtstage denkt, liegt bei Toby ziemlich falsch. Seine Shows sind Abendprogramme: nahbar, witzig und manchmal wissenschaftlich. „Ich möchte alle davon überzeugen, wie wunderbar Zauberei ist“, sagt er.
Seine Mischung: rund 60 Prozent Zauberei, 30 Prozent Comedy und 10 Prozent Wissenschaft. In seinem Solo-Programm steckt sogar ein kurzer Science-Slam über seine Masterarbeit. Denn für Toby schließen sich Magie und Wissenschaft nicht aus. Sie treffen sich dort, wo Menschen sich fragen: Wie kann das sein?
Magie auf Augenhöhe
Große Bühne? Mag er auch, denn „da fühlt man sich wie ein Rockstar.“ Aber sein Herz schlägt für Close-Up-Zauberei, also für Magie in direkter Nähe zum Publikum. „Da kann man dieses ehrliche Wow richtig individuell und tief erzeugen“, findet Toby.
Ein Feedback ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Nach einer Show berichtet ihm ein Zuschauer, er habe lange überlegt, überhaupt zu kommen, weil er gerade eine schwere Zeit durchmachte. Danach erzählt er Toby, er habe 90 Minuten lang alles vergessen können. Für Toby ist das mehr als Applaus: „Das ist sehr bedeutend.“
Von der Bühne in den Alltag
Was Toby aus der Zauberei auch abseits der Bühne mitnimmt? Vor allem zwei Dinge: sicher auftreten und schnell reagieren. Wer regelmäßig vor Publikum steht, lernt, klar zu kommunizieren und auch dann ruhig zu bleiben, wenn viele Augen auf einen gerichtet sind. Und wenn ein Trick anders läuft als geplant, zählt Improvisation. Toby nennt das mit einem Augenzwinkern „Inkompetenzkompensationskompetenz“: Probleme so schnell und souverän lösen, dass am Ende trotzdem ein toller Moment entsteht.
Unterwegs mit 70 Kilo Magie
So leicht Zauberei auf der Bühne erscheint, so viel Arbeit steckt dahinter. „Beim Jonglieren übst du einen Skill, um ihn zu zeigen. Im Zaubern übst du genauso viel und zeigst es nicht.“ Was das Publikum nicht sieht: Proben, neue Programme, To-do-Listen, Buchhaltung. Kurz: sehr viel Organisation.
Die größte Herausforderung? „Sich nicht zu verzetteln.“ Dazu kommt ein innerer Spagat, den viele Selbstständige kennen: kreativ arbeiten und gleichzeitig unternehmerisch denken. Auch Toby musste erst für sich verinnerlichen: „Ich darf mich bezahlen lassen für einen Auftritt.“
Selbstständigkeit klingt nach mehr Freiheit, bedeutet aber nicht automatisch mehr Freizeit. „Ich arbeite, wenn andere Menschen Spaß haben“, sagt Toby. Während andere ins Wochenende starten, ist er freitag- und samstagabends mit seinem Koffer unterwegs. Und der ist ganz klar das Schwerste an seinem Job: „Mein Koffer für Shows wiegt 60 bis 70 Kilo.“
Das Netzwerk zaubert mit
Zweifel gehören dazu. Toby fragt sich oft: „Reicht das? Darf ich das? Bin ich gut genug? Ganz klassisches Impostor-Syndrom.“ Was hilft, ist nicht der eine perfekte Trick, sondern Routine, Feedback und Menschen, die an ihn glauben.
Sein Netzwerk ist für ihn besonders wichtig: Das sind Zauberkolleginnen und -kollegen, Freunde und Familie, die mitdenken, gegenlesen, Feedback geben oder einfach zu seinen Shows kommen. „Ich kenne glücklicherweise nur Leute, die mich stark supporten. Da bin ich sehr dankbar für.“
Tobys wichtigster Tipp an andere Kreative: früh Rat holen. Gerade bei Steuern, Finanzen und Rechtsfragen. Denn „oft ist man nur aus Unwissenheit gehemmt“. Eine Steuerberatung hat ihm geholfen, beim Thema Steuern ruhiger zu schlafen. Auch beim Banking hat er es gern unkompliziert. Toby ist ING-Kunde, damit Finanzen im Alltag möglichst wenig Bühne brauchen und mehr Raum für das bleibt, was er eigentlich tun will: zaubern.
Am Ende zählt das Wow
Der größte Meilenstein ist für Toby nicht nur sein Meistertitel. Es ist auch das stolze Gefühl, sagen zu können: „Ich habe eine Zauberkarriere. Und ein eigenes 90-Minuten-Programm.“
Er hat sich getraut, seinen Kindheitstraum wahr werden zu lassen. Und das mit Leidenschaft und dem Mut, auch Unsicherheit auszuhalten. Sein klares Ziel: Menschen für einen Moment aus dem Alltag zu holen. Damit am Ende genau das bleibt, was für ihn Zauberei ausmacht: „so ein Wow.“