Zwischen Aufbruch und Realitätsschock – Risiken, Unsicherheiten und Rückschläge im ersten Gründungsjahr

Drei gestresst aussehende Menschen sitzen zusammen an einem Tisch

Das Gründungsjahr ist oft ein Stresstest für Kopf und Herz. Warum Rückschläge dazugehören und wie man trotzdem dranbleibt, erklärt Gründungsexpertin und Gründerin von WHO:IN Svenja Bremer.

„Emilia und Timo hatten sich gut vorbereitet: Businessplan, Pilotkund:innen, ein durchdachtes Tool für digitale Buchhaltung. Der Start ihrer gemeinsamen Gründung verlief vielversprechend – bis eine zugesagte Förderung überraschend zurückgezogen wurde. Kurz darauf platzte ein wichtiger Kooperationsdeal, ein Freelancer sprang ab, und die ersten Einnahmen blieben unter den Erwartungen. Innerhalb weniger Wochen verwandelte sich die anfängliche Euphorie in Unsicherheit und Frustration.“

Was Emilia und Timo erlebten, ist kein Einzelfall. Denn das erste Jahr einer Gründung ist oft weniger Raketenstart als Stresstest. Es geht nicht nur um gute Ideen und Einsatz, sondern auch um die Fähigkeit, Rückschläge auszuhalten und Unsicherheiten auszubalancieren – wirtschaftlich, emotional und strukturell.

Ein zentrales Risiko liegt in der Finanzierung. Viele Gründer:innen verlassen sich auf Förderzusagen, Investor:innen oder größere Kundenanfragen, die zunächst vielversprechend wirken – und sich dann doch zerschlagen. Gerade öffentliche Förderungen können sich durch politische Entscheidungen, Zuständigkeitswechsel oder formale Fehler verzögern oder ganz entfallen. Das kann nicht nur die Liquidität gefährden, sondern auch die eigene Motivation massiv unter Druck setzen. Wer von Anfang an einen finanziellen Puffer einplant und flexibel bleibt, kann solche Phasen besser abfedern. Kleine, schrittweise Investments statt großer, riskanter Sprünge helfen, handlungsfähig zu bleiben.

Foto von Svenja Bremer, Gründungsexpertin
Autorin: Svenja Bremer, Gründungsexpertin und Gründerin von WHO:IN

Auch die Kund:innengewinnung läuft oft anders als erwartet. Ein gutes Produkt und eine klare Vision reichen selten aus – Vertrauen muss erst aufgebaut werden, besonders bei erklärungsbedürftigen Angeboten. Manche Zielgruppen reagieren langsamer als geplant, manche Marketingkanäle bringen nicht die erhoffte Resonanz. Hier ist es wichtig, realistische Erwartungen zu entwickeln: Sichtbarkeit bedeutet nicht sofort Umsatz, und ein holpriger Start ist keine Seltenheit. Viel hilfreicher als Panik ist es, in den Austausch zu gehen – mit den ersten Kund:innen, mit Mentor:innen oder anderen Gründer:innen. Oft liegt die Lösung nicht in einem kompletten Strategiewechsel, sondern in der Feinjustierung der Kommunikation.

Eine weitere, oft unterschätzte Herausforderung ist der Umgang mit Kritik – insbesondere auf Social Media. Wer sich und sein Produkt sichtbar macht, öffnet sich automatisch auch für Feedback, das nicht immer konstruktiv ist. Das kann schmerzen, vor allem wenn man noch am Anfang steht und viel persönliche Energie investiert hat. Gründer:innen berichten von Kommentaren, die sie tagelang beschäftigten, obwohl sie sachlich unbegründet waren. Hier hilft es, zwischen relevanter Rückmeldung und bloßer Projektion zu unterscheiden. Wer Kritik gezielt filtert – und nicht alles gleich als Angriff versteht – bleibt handlungsfähig und spart emotionale Energie.

Neben diesen äußeren Faktoren sind es oft die inneren Prozesse, die im ersten Jahr besonders herausfordernd sind. Viele erleben zum ersten Mal, was es heißt, dauerhaft in Unsicherheit zu arbeiten. Es gibt keine Garantie auf Erfolg, keine monatlich sichere Einnahme, keine klare Linie, wie der Weg verlaufen wird. Das kann lähmend wirken – oder zur Quelle von innerem Wachstum werden. Gründer:innen, die lernen, mit dieser Unsicherheit umzugehen, entwickeln oft eine hohe Resilienz. Routinen helfen hier enorm: ein klarer Tagesablauf, regelmäßige Reflektion, konkrete Ziele in kleinen Etappen. Auch die bewusste Trennung von Arbeit und Erholung ist essenziell. Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern Grundlage langfristiger Leistungsfähigkeit.

In Teams oder Beziehungen bringt die Gründung häufig zusätzliche Spannung mit sich. Wenn Erwartungen unausgesprochen bleiben, sich Rollen unklar vermischen oder private Konflikte mit ins Unternehmen getragen werden, kann das belastend sein. Auch hier gilt: Kommunikation ist zentral. Gründer:innen sollten sich regelmäßig austauschen – nicht nur über To-dos, sondern auch über Befindlichkeiten und Visionen. Externe Moderation oder Coaching kann gerade in sensiblen Phasen helfen, wieder in den Dialog zu kommen.

Und manchmal passieren Dinge, auf die niemand Einfluss hat. Märkte brechen weg, neue gesetzliche Vorgaben ändern Spielregeln, Mitbewerber:innen kopieren Produkte oder bringen sie günstiger auf den Markt. Das fühlt sich unfair an – und ist doch Teil der unternehmerischen Realität. Wer hier nicht in die Selbstzweifel abrutscht, sondern gezielt zwischen eigenem Einflussbereich und externen Faktoren unterscheidet, bleibt klarer im Handeln.

Was also hilft in einem Jahr voller Unsicherheiten? Vor allem: ehrlicher Austausch, belastbare Strukturen, finanzielle Flexibilität und emotionale Stabilität. Rückschläge sind kein Zeichen von Scheitern, sondern Teil des Prozesses. Viele erfolgreiche Unternehmen sind nicht trotz, sondern wegen ihrer schwierigen Anfangszeit gewachsen.

Auch Emilia und Timo standen mehrfach kurz davor, alles hinzuwerfen. Doch sie haben sich Unterstützung geholt, ihr Geschäftsmodell verschlankt, die Zielgruppe geschärft – und heute, gut 14 Monate später, stehen sie auf soliderem Boden. Nicht, weil alles glatt lief, sondern weil sie gelernt haben, mit dem Chaos zu arbeiten.

Was sie ebenfalls gelernt haben: Niemand muss das alles allein schaffen. Sich einem Netzwerk anzuschließen, mit anderen Gründer:innen offen ins Gespräch zu gehen, sich vielleicht sogar gezielt eine Mentorin oder einen Mentor zu suchen – das macht den entscheidenden Unterschied. Denn viele Herausforderungen fühlen sich weniger bedrohlich an, wenn man merkt, dass andere sie auch erleben. Der vertrauensvolle Austausch – gerade in Momenten, in denen man selbst zweifelt – schafft Perspektive, Mut und oft auch ganz praktische Lösungen. Wer nicht nur für sich arbeitet, sondern mit anderen denkt, wächst resilienter – und oft auch schneller.