Mit „Wenn und Aber“ ins Jahr 2026 – wirtschaftliche Hoffnung unter Vorbehalt

Eine lächelnde Frau erklärt ihrem Team im Büro etwas

Was wir aus 2025 mitnehmen? Es hätte schlimmer kommen können. Zeitgleich hätte aber auch vieles besser laufen können. Zusammengefasst in einem Wort bedeutet das für die deutsche Wirtschaft: Stagnation. Die hat 2025 nämlich angehalten. Allerdings beenden wir das Jahr mit vorsichtigem Optimismus für das vor uns liegende Jahr – wenn da doch nur das Wörtchen „wenn“ nicht wär…

Sowohl für die globale als auch für die deutsche Wirtschaft waren die vergangenen zwölf Monate eine echte Achterbahnfahrt. Nicht nur handelspolitisch hat Donald Trump im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit die bisherige Ordnung auf den Kopf gestellt. Es wuchsen zudem Zweifel darüber, ob die USA noch als verlässlicher Partner in Sicherheitsfragen zur Verfügung stehen. Die deutsche Bundesregierung vollzog eine weitere historische Zeitenwende, dieses Mal in der Haushaltspolitik: Ein 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturfonds soll die Wirtschaft ankurbeln, und bei den Verteidigungsausgaben gilt seit Jahresbeginn „Whatever it takes“ – zumindest auf dem Papier.

Allerdings haben diese Maßnahmen die erhofften Wirkungen bisher noch nicht gezeigt. Stattdessen nehmen die Spannungen innerhalb der Regierung zu – sichtbar auch nach außen. Für Haushalte wie Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Unsicherheit über die Richtung der Wirtschaftspolitik. Und unter Unsicherheit wird nicht gern Geld ausgegeben – weswegen aktuell sowohl die Unternehmensinvestitionen als auch der private Konsum noch hinterherhinken. Mit Blick auf die Zukunft dürfte das Fiskalpaket der Bundesregierung im kommenden Jahr allerdings anfangen Wirkung zu zeigen. Insbesondere die Tatsache, dass zum Jahresende noch Verteidigungsausgaben in Höhe von 52 Milliarden Euro genehmigt werden sollen, so viel, wie im Jahr 2024 insgesamt im regulären Haushalt für Verteidigung ausgegeben wurde, schenkt Hoffnung. Vielleicht verhält es sich wie mit der berühmten Ketchupflasche. Erst kommt nichts, dann alles auf einmal. Im Jahr 2027 sollten dann die vollen Effekte des Fiskalpakets sichtbar werden.

Porträtfoto von Franziska Biehl
Autorin: Franziska Biehl, Economic Research Team der ING

Doch nicht nur von fiskalpolitischer Seite gibt es Hoffnung auf zumindest einen zyklischen Aufschwung. Auch die Industrie sendet vorsichtige Signale: Der Boden scheint erreicht. Steigende Auftragseingänge und sinkende Lagerbestände sprechen für eine leichte Erholung. Die angekündigte Senkung des Industriestrompreises dürfte zusätzlich helfen. Aber: Das sind Anzeichen für einen zyklischen Aufschwung – strukturell stärker wird die Industrie dadurch nicht.

Und die strukturellen Herausforderungen werden auch nicht so schnell verschwinden – China ist nicht mehr nur dankbarer Abnehmer deutscher Produkte, sondern mittlerweile ein ernstzunehmender Konkurrent. Und um ein wirklich zukunftsfähiges Geschäftsmodell an den Start zu bringen, braucht die deutsche Wirtschaft deutlich mehr als einen Facelift.

Im Dienstleistungssektor ist die Stimmung besser, aber noch lange nicht gut. Unter den deutschen Dienstleistungsunternehmen ist die Stimmung zwar besser als im herstellenden Gewerbe, liegt aber noch immer deutlich unterhalb des langfristigen Durchschnitts. Was auch damit zutun haben dürfte, dass die Verbraucher die Portemonnaies aktuell noch weitestgehend verschlossen halten. Die Sparneigung ist weiterhin überdurchschnittlich hoch, die Kaufbereitschaft unterdurchschnittlich niedrig.

Kein Wunder, denn fünf Jahre Stagnation müssen sich zwangsläufig irgendwann am Arbeitsmarkt niederschlagen. Und genau das sehen wir aktuell – der deutsche Arbeitsmarkt kühlt sich ab, wobei strukturelle Faktoren wie der demographische Wandel hier die negativen Effekte etwas begrenzen. Auch am deutschen Arbeitsmarkt könnte es, angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Schwäche, schlimmer sein. Dennoch – in Anbetracht anhaltender Neuigkeiten über Insolvenzen, Restrukturierungen und Stellenkürzungen ist die Sorge vor einer Verschlechterung der Lage am Arbeitsmarkt groß.

Die Abkühlung des Arbeitsmarktes, die wir nicht nur in Deutschland, sondern in weniger stark ausgeprägter Form auch in der Eurozone insgesamt sehen, spricht allerdings auch für nachlassenden Lohndruck. Und das wiederum für nachlassenden Inflationsdruck. Und da die Eurozone-Wirtschaft, anders als die deutsche, relativ moderat wächst, dürfte der Job der Europäischen Zentralbank damit dann doch erledigt sein.

Die Frage, die sich aktuell gestellt werden muss, ist nicht, was will die EZB sehen, um die Zinsen weiter zu senken, sondern: was müsste schief gehen, damit sie sich dazu veranlasst sieht. Denn in der aktuellen Situation dürfte es extrem schwierig sein, sie aus ihrem „Good Place“, in dem der Einlagenzins bei 2 Prozent liegt, zu vertreiben. Das gemütliche Plätzchen könnte allerdings doch noch etwas weniger heimelig werden – der stärkere Euro beispielsweise könnte die importierte Inflation noch weiter drücken, gleichzeitig besteht die Möglichkeit, dass die US-Zollpolitik die Preise auf dem europäischen Markt drückt, z.B. durch eine Flut chinesischer Produkte zu Dumpingpreisen. Schlicht und ergreifend, weil die Produkte nicht mehr so stark im US-Markt abgesetzt werden.

Wenn wir den Blick noch weiter nach vorn schweifen lassen, gibt es allerdings mehr inflationären Druck. Durch Fiskalpakete, demographischen Wandel, Dekarbonisierung und sich verändernde Handelsströme. Aber das ist ein Thema für später.

Das Jahr 2025 endete mit Licht am Ende des Tunnels. Es müsste schon ein großes Unglück passieren, um die deutsche Wirtschaft nicht endlich wieder wachsen zu sehen. Nach der fast endlosen Stagnation wird es auch Zeit. Die Rückkehr des Wachstums darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ernsthafter Reformen bedarf, um die verlorene Wettbewerbsfähigkeit wieder zurückzugewinnen. Der Weg aus der Krise bleibt noch lang.