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Chart of the Week | 13.10.2017

Wir sind keine Computer

Am Montag dieser Woche gab die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften bekannt, dass der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 2017 an Richard Thaler von der University of Chicago geht. Die Auszeichnung geht damit an einen Ökonomen, der seine Forschungsarbeit auf das alltägliche wirtschaftliche Handeln von Menschen richtet. In der Vergangenheit war die Jury öfter dafür kritisiert worden, dass es sich bei den Preisträgern um Spezialisten handelte, die sich unter größtmöglicher mathematischer Präzision mit einem eng umrissenen Teilaspekt ihres Fachgebiets auseinandergesetzt hatten. Zu kurz kamen nach Ansicht der Kritiker hingegen Beiträge von eher grundlegender Bedeutung. Die historische und politische Dimension der Wirtschaftswissenschaften werde vernachlässigt und Forschung, die einen wirklichen Nutzen für die Lebensverhältnisse vieler Menschen stiften könnte, nicht hinreichend gewürdigt. Zu selten gehe der Preis an interdisziplinär tätige Forscher, wie beispielsweise 2002 an den Psychologen Daniel Kahnemann. Auch wenn die University of Chicago bereits 28 Wirtschaftsnobelpreisträger zu verzeichnen hat, ist im Falle Thalers wohl kaum Kritik für eine zu konventionelle Wahl zu befürchten.

Denn der 72jährige Verhaltensökonom steht für die Auseinandersetzung mit den irrationalen Aspekten wirtschaftlichen Handelns – während klassische volkswirtschaftliche Modelle den rationalen, nutzenmaximierenden Homo oeconomicus zur Grundlage haben, weist Thaler darauf hin, dass Menschen keine Computer sind, und untersucht den Einfluss von Einstellungen, Vorurteilen oder fehlender Impulskontrolle. Seine Arbeit soll helfen, Entscheidungsprozesse so zu gestalten, dass Menschen möglichst gute Entscheidungen treffen können – als Kritikpunkt wird dabei allerdings die Frage gesehen, wer denn festlegen soll, was eine „gute“ Entscheidung eigentlich ist.

Anlässlich der Vergabe des „Preises der Schwedischen Reichsbank in Wirtschaftswissenschaft zur Erinnerung an Alfred Nobel“, wie der Preis offiziell heißt, an Richard Thaler illustriert unser Chart der Woche eines der verhaltensökonomischen Phänomene, die die Grundlage seiner Arbeit bilden. Zunächst einmal stellt das Abflachen der Kurve den Umstand dar, dass Menschen Gütern abnehmenden Nutzen beimessen – das zweite Steak ist ein geringerer Genuss als das erste; wer zwei Häuser besitzt, ist damit nicht doppelt so zufrieden wie jemand mit einem Haus. Dieser Umstand ist in der Verhaltensforschung gut dokumentiert. Beispielsweise entscheiden sich Versuchspersonen, denen man entweder 10 Euro oder aber eine 50%-Chance auf 20 Euro (beispielsweise durch Münzwurf) anbietet, weit überwiegend für die erste Variante. Würde man 20 Euro doppelt so hoch bewerten wie 10, wären beide Varianten gleichwertig, trotzdem wählt eine große Mehrheit den sicheren Zehner. Der Ökonom nennt dieses Ergebnis „Risikoaversion“, der Volksmund spricht vom Spatz in der Hand und der Taube auf dem Dach.

Der ebenfalls abflachende, aber insgesamt steilere Verlauf der Kurve im negativen Bereich illustriert die sogenannte „Verlustaversion“: Menschen neigen dazu, einen Verlust höher zu bewerten als einen Gewinn in gleicher Höhe. Außerdem kehrt sich im Verlustbereich die Auswirkung des abnehmenden Nutzens um: Menschen werden „risikoaffin.“ Die Verlustaversion bildet auch die Grundlage für den von Thaler formulierten „Endowment Effect“ (deutsch etwa „Besitztumseffekt“). Dieser Begriff beschreibt die empirisch festgestellte Tatsache, dass Menschen in der Regel einerseits eine höhere Entschädigung verlangen, um den Besitz an einem Gut aufzugeben, als sie andererseits bereits wären, für den Erwerb desselben Guts zu bezahlen. Offenbar wird die Abgabe des Guts als Verlust empfunden – und wirkt sich somit stärker aus als der Gewinn, den wir durch den Zugang desselben Guts wahrnehmen würden.

Dass wir mehr für etwas haben wollen, als wir aufwenden würden, um es wieder zu erwerben, hat aus rationaler Sicht natürlich nicht viel Sinn – doch wir Menschen sind halt selten so rational, wie wir das selbst gerne hätten. Dank der Arbeit von Verhaltensökonomen wie Thaler wird das in zunehmendem Maße auch denen klar, die die Rahmenbedingungen unseres ökonomischen Handelns setzen. Zur Verwendung seines Preisgelds äußerte er sich bereits: Er wolle es „so irrational wie möglich ausgeben“.

 

Ebenfalls interessant aus verhaltensökonomischer Sicht: die Beziehung der Deutschen zum Bargeld