Finanzfrage des Monats

Wie läuft es mit der Privatinsolvenz? | 12.01.2021

Geld, das von Himmel fällt?

Jobverlust, Kurzarbeit – nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie gerät manch einer in finanzielle Nöte und kommt an einem Verbraucherinsolvenzverfahren nicht vorbei. Aber wie läuft das mit der Privatinsolvenz? Damit befasst sich diesmal unsere Finanzfrage des Monats.

Rechnungen über Rechnungen, doch beim Blick aufs Girokonto oder ins Portemonnaie wächst die Verzweiflung: Es ist kein Geld da. Nicht einmal für Miete, Strom oder Telefon. In eine solche finanzielle Notlage geraten viele Privatpersonen. Die Zahl der Betroffenen könnte sogar steigen – das schließen Experten mit Blick auf die Corona-Krise nicht aus. Aber wie läuft es mit der Privatinsolvenz? Das ist diesmal unsere Finanzfrage des Monats. Die Antwort lautet: Je früher Betroffene sich professionelle Hilfe holen, desto besser.

In der Corona-Krise „besorgniserregend“

Wer nicht mehr in der Lage ist, seine Geld-Angelegenheiten zu regeln und Rechnungen zu bezahlen, sitzt mitten in der Schuldenfalle. Zwar verringerte sich die Zahl der überschuldeten Privatpersonen in Deutschland laut Schuldneratlas 2020 der Wirtschaftsauskunftei Creditreform um 69 000 auf 6,85 Millionen. Wegen der Corona-Krise stuft Creditreform die langfristigen Perspektiven für die Überschuldungsentwicklung aber als „besorgniserregend“ ein.

Schnell handeln und sich Unterstützung suchen

Doch es gibt Hilfsmöglichkeiten. „Je früher Betroffene zu einer Schuldnerberatung gehen und sich beraten lassen, desto besser“, sagt Frank Wiedenhaupt. Er ist seit mehr als 20 Jahren als Schuldnerberater tätig und leitet inzwischen die erste öffentlich finanzierte Schuldner- und Insolvenzberatung für Kleinstselbstständige der Berliner Stadtmission. Christoph Zerhusen von der Verbraucherzentrale NRW in Düsseldorf betont: „Wichtig ist, dass es sich um eine anerkannte Schuldnerberatung handelt.“

Termin bei der Schuldnerberatung vereinbaren

Eine anerkannte Schuldnerberatung ist gefunden - und nun? Einen Termin vereinbaren und los geht’s!

  • Beim ersten Gespräch macht der Verbraucher gemeinsam mit dem Schuldnerberater eine Bestandsaufnahme der Finanzen und listet Einnahmen, Ausgaben sowie Schulden auf.
  • Im nächsten Schritt ist der Verschuldete verpflichtet, auf die Gläubiger zuzugehen und zu versuchen, sich mit ihnen außergerichtlich zu einigen. Dafür erstellt der Betroffene mit Hilfe des Schuldnerberaters einen Schuldenbereinigungsplan.
  • „Anschließend werden die Gläubiger einzeln angeschrieben“, erklärt Wiedenhaupt. In dem Brief erläutert der Schuldner seine Situation und unterbreitet einen Vergleichsvorschlag, zum Beispiel, dass er einen Teil der Schulden in einem bestimmten Zeitraum in Raten abzahlt.
  • Von mehreren Gläubigern sagt ein einziger Nein? In dem Fall ist die außergerichtliche Einigung gescheitert. Denn: Dem Procedere müssen alle Gläubiger zustimmen.
  • Und jetzt? Dem Betroffenen bleibt keine andere Wahl, als mit Hilfe des Schuldnerberaters beim zuständigen Gericht seine Verbraucherinsolvenz mit Restschuldbefreiung zu beantragen.

So geht es weiter

Das Gericht veranlasst, dass der Schuldner einen Insolvenzverwalter als Treuhänder an die Seite bekommt. Er pfändet verwertbares Vermögen, macht es zu Geld und zahlt den Ertrag an die Gläubiger aus. „Pfändbar sind zum Beispiel Schmuck des Schuldners oder teure Fahrzeuge“, sagt Verbraucherschützer Zerhusen. Aber es gibt auch Sachen, die beim Schuldner verbleiben. Zum Beispiel:

  • ein Auto, mit dem der Schuldner zur Arbeit fährt,
  • eine einfache Armbanduhr
  • oder etwa der Ehering.

Das ist die Wohlverhaltensphase

Der Schuldner muss während des Privatinsolvenzverfahrens mit einem Mindestsatz an Gehalt auskommen. Wie hoch der Betrag ist, hängt etwa davon ab, wie viele Kinder er zu versorgen hat. Die sogenannte Pfändungstabelle zeigt an, wie viel von seinem Monatseinkommen der Schuldner behalten darf. Der Rest der Einnahmen geht an die Gläubiger. Wer arbeitslos ist, muss sich nachweisbar um einen zumutbaren Job bemühen. Steht eine Heirat, ein Umzug oder eine andere Änderung der Lebensverhältnisse an, sind Schuldner verpflichtet, das dem Gericht und dem Insolvenzverwalter mitzuteilen. Dieses Procedere nennt sich Wohlverhaltensphase.

So lange dauert das Privatinsolvenzverfahren

Das Privatinsolvenzverfahren kann unterschiedlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Lange Zeit dauerte es generell sechs Jahre.

  • Für alle, die seit dem 1. Oktober 2020 Insolvenz beantragt haben oder den Antrag stellen, dauert das Verfahren nur noch drei Jahre. Damit sollen nach Angaben des Bundesjustizministeriums diejenigen bei einem Neuanfang unterstützt werden, die durch die Corona-Pandemie in eine finanzielle Schieflage geraten sind.
  • Für Insolvenzverfahren, die seit dem 17. Dezember 2019 beantragt wurden, wird das sechsjährige Verfahren monatsweise verkürzt.
  • Für ältere Verfahren gilt: Sie können durch Rückzahlung der Verfahrenskosten auf fünf Jahre verkürzt werden, bei zusätzlicher Zahlung von 35% der Schulden auf drei Jahre.

Achtung: Die Kosten eines Privatinsolvenzverfahrens betragen im Schnitt rund 2.000 Euro und gehen zu Lasten des Schuldners.

Wieder schuldenfrei sein

Nach Ablauf des Privatinsolvenzverfahrens sind Betroffene wieder schuldenfrei. Schulden, die nach Ablauf zum Beispiel von drei Jahren bestehen, müssen nicht mehr zurückgezahlt werden – die Gläubiger bleiben auf dann noch existierenden Forderungen sitzen.

Pfändungsschutzkonto einrichten

Während des Privatinsolvenzverfahrens benötigt ein Schuldner zwingend ein Pfändungsschutzkonto – kurz P-Konto. „Nur dann kommt er überhaupt in den Genuss von Pfändungsfreigrenzen“, sagt Wiedenhaupt. Der Schuldner muss also sein Girokonto in ein P-Konto umwandeln lassen. Das beantragt er bei seinem Kreditinstitut, zum Gericht gehen muss er dafür nicht.

Autor: ING


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