Corona-Krise: Was braucht es für eine Erholung?

Finanzkrise taugt nur bedingt als Blaupause | 07.05.2020

Rezession vor der Tür?

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Noch immer beherrschen das Coronavirus und die Folgen der Pandemie das Geschehen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Ökonomen prognostizieren vielen Staaten eine bevorstehende Rezession. Doch wenn die Vergangenheit eines gezeigt hat, dann dass Volkswirtschaften bei der richtigen Dosierung von Hilfsmaßnahmen eine gute Prognose zur Rekonvaleszenz besitzen. Zu viel des Guten kann aber auch hier zu unerwünschten Nebenwirkungen führen.

Finanzkrise nur bedingt Blaupause für Corona-Krise

Die Finanzkrise von 2008 dürfte vielen Anlegern noch in Erinnerung sein. Damals führte das Platzen der Immobilienblase in den USA zu massiven Verwerfungen an den Finanzmärkten. Dies hinterließ auch Spuren in der realen Wirtschaft. Begünstigt wurde der Boom am US-Immobilienmarkt durch ein niedriges Zinsniveau und die expansive Geldpolitik der US-Notenbank in den Jahren 2001 bis 2004. Mit diesen Maßnahmen stützte die Fed die nach dem Platzen der Dotcom-Blase und den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stark geschwächte US-Wirtschaft. Der durch steigende Immobilienpreise, niedrige Zinsen und lasche Standards bei der Kreditvergabe angefachte Bauboom führte mit der Zeit zu einem Überangebot an Immobilien. Zugleich ging die Fed Mitte 2004 dazu über, die Zinsen schrittweise anzuheben. In der Folge stiegen die Zinsbelastungen für die Hausbesitzer, während die Preise für Immobilien zu sinken begannen. Zunehmende Kreditausfälle brachten 2007 und 2008 immer mehr Hypotheken- und Investmentbanken in Bedrängnis. Die Pleite der US-Investmentbank sorgte für einen Systemschock. Kreditinstitute liehen sich aufgrund der unklaren Risiken untereinander kein Geld mehr, der Interbankenhandel kam zum Erliegen.

Aus heutiger Sicht urteilen Ökonomen, dass es 2008 durchaus besser gewesen wäre, Lehmann Brothers ebenso zu unterstützen wie die Hypothekenbanken und Versicherer, die zuvor noch staatliche Hilfe erhielten. Dies umso mehr, da ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass bereits 1929 eher unglücklich agiert wurde, als man nach dem Platzen einer kreditfinanzierten Spekulationsblase am US-Aktienmarkt die Banken nicht vor dem Zusammenbruch rettete. In der Folge schlossen damals zahlreiche Finanzinstitute, der Immobilienmarkt brach ein, die Arbeitslosenzahlen schnellten nach oben und eine lange Rezession der US-Wirtschaft mündete in einer Depression.

Wirtschaftliche Effekte der Corona-Pandemie

In der Finanzkrise hatten die Verwerfungen im Finanzsektor starke negative Auswirkungen auf die Nachfrage seitens der Verbraucher. Diese hielten ihr Geld aufgrund der Unsicherheit über die weitere Entwicklung beisammen und mussten unter anderen durch staatliche Anreize zum Kauf von Investitionsgütern animiert werden. In Deutschland war die sogenannte Umweltprämie oder auch Abwrackprämie für ältere PKW ein Beispiel dafür.

Im Unterschied zur Finanzkrise trafen die Folgen der Corona-Pandemie jedoch die gesamte Wirtschaft. Auf der Angebotsseite führten unterbrochene Lieferketten und Schutzmaßnahmen zu Produktionsstillständen in der Industrie und erzwungenen Geschäftsschließungen. Auf die Nachfrageseite wirkten sich das Virus und die Maßnahmen zu dessen Eindämmung ebenfalls belastend aus. So wurden beispielsweise zahlreiche Urlaubs- oder Dienstreisen storniert und der Konsum musste sich auf das Lebensnotwendige beschränken. Die Finanzmärkte reagierten auf die Aussicht schwerer Rezessionen in vielen Volkswirtschaften und das gestiegene Risiko von Kreditausfällen bei den Banken mit einem Crash und extremen Kursschwankungen. An den Rohstoffmärkten führte der Konjunktureinbruch zu einer niedrigeren Nachfrage nach Rohstoffen, allen voran beim Rohöl.

Um dem gleichzeitigen Ausfall der Angebots- und Nachfrageseite zu begegnen und die Auswirkungen auf die Wirtschaft so weit wie möglich zu lindern, beschlossen zahlreiche Staaten milliardenschwere Hilfspakete. Zusätzliche Unterstützung gab es von Seiten der Notenbanken durch eine Expansion der Geldpolitik mit Zinssenkungen und den Ankauf von Anleihen.

Voraussetzungen für eine Erholung

Die massiven finanziellen Hilfen werden nicht verhindern, dass Staaten in eine Rezession abrutschen. Allerdings sind die Mittel wichtig, um Liquiditätsengpässen bei den Unternehmen vorzusorgen und deren Fortbestand zu sichern – wesentliche Voraussetzung, um eine Erholung der Wirtschaft überhaupt zu ermöglichen. Bei den deutschen Automobilherstellern liefen die Bänder nach Ostern langsam wieder an. Auch Teile des Einzelhandels konnten unter Auflagen öffnen. Trotz der ersten Lockerungen ist noch für mehrere Monate mit Einschränkungen des öffentlichen Lebens zu rechnen. Im Zuge des Wiederanfahrens der Wirtschaft wird es dann vor allem darauf ankommen, dass bestehende Schutzmaßnahmen (Abstand halten, Hygieneregeln) eingehalten werden, um ein Wiederaufflammen der Pandemie zu vermeiden.

Zugleich sind die Unternehmen gefordert, komplexe Lieferketten, die sich in den letzten Monaten als anfällig erwiesen haben, zu optimieren und durch Back-up-Lösungen für künftige Fälle gewappnet zu sein. Denkbar ist beispielsweise der verstärkte Einsatz von 3-D-Druck in den Bereichen, wie dies bereits heute möglich ist (z. B. Automobilbau, Flugzeugbau).

Ein weiterer wichtiger Schritt zur Bewältigung der Krise ist die Zulassung von Medikamenten zur Behandlung von COVID-19. Die Rückkehr zur Normalität ist jedoch erst mit der Zulassung von Impfstoffen zu erwarten, die eine dauerhafte Immunität gegen das Coronavirus ermöglichen.

Konkrete Prognosen, wann eine Erholung einsetzt, sind zum jetzigen Zeitpunkt nur unter Vorbehalt möglich und entsprechend mit Vorsicht zu genießen. Aktuelle Anhaltspunkte zur Lage und den Erwartungen der deutschen Wirtschaft geben monatlich erhobene Konjunkturindikatoren wie das ifo-Geschäftsklima, das die Stimmung in rund 9.000 Unternehmen der deutschen Wirtschaft misst, oder das GfK-Konsumklima, das die Stimmung der Verbraucher sowie deren Einkommenserwartungen und Anschaffungsneigung erfasst.

Autor: ING-DiBa AG


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Kommentare (1)


Kommentare

Blaupause

28.05.2020

Schöner Artikel. Nur würde für die vollständige Blaupause die Information fehlen, wie unsere Gesellschaft wirklich mit solchen Krisen umgeht. Coronaviren haben 2003 SARS ausgelöst. Seitdem versuchen Forscher, Medikamente dagegen zu entwickeln. Jedenfalls wenn sie neben dem Ausfüllen der Anträge für Forschungsgelder noch dazu kommen. Anträge, die selbstverständlich abgelehnt werden, denn wir brauchen ja kein wirksames Medikament. Und für die liquiden Pharmakonzerne sind 8.000 SARS-Fälle einfach nicht lukrativ genug, Geld in die Entwicklung eines Medikaments zu investieren.
Weiter: Ich kann mich an Zeiten erinnern, da brauchte man mit einer Erkältung oder ähnlichen Krankheiten gar nicht erst zum Arzt gehen, man wurde weder untersucht, noch behandelt, sondern mit Hustensaft zum Selbstkostenpreis wieder nach Hause geschickt. Und heute? Bekommt man eine Krankschreibung per Ferndiagnose, aber keine Untersuchung oder Behandlung. Mir ist erst jüngst ein Fall zugetragen worden, wo selbst der Notarzt bei eindeutigem Coronaverdacht zweimal nicht reagiert hat. Der Patient hat schließlich sogar einen Herzinfarkt erlitten, der auch erst am nächsten Tag behandelt wurde. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. So geht unsere Gesellschaft (Gesundheitssystem) mit dem Virus um.
Erholung? - Fehlanzeige, solange die grundlegenden Probleme weiter bestehen.