Wirbel um Gamestop-Aktien

Darum ging die Aktie des Spieleverkäufers jüngst durch die Medien | 17.02.2021

Geld, das von Himmel fällt?

Leerverkauf und Short Squeeze – die Aktien des Videospiele-Händlers Gamestop hatten jüngst für Kurskapriolen an der Börse gesorgt. Wir erläutern Begriffe und erklären den Hintergrund.

Vor kurzem geriet das Thema „Leerverkäufe“ wieder in die Schlagzeilen. Grund waren die Kurskapriolen der Aktien des Videospiele-Händlers Gamestop – eine US-amerikanische Einzelhandelskette, die Filialen auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz betreibt. Um nachvollziehen zu können, was an der Börse genau passiert ist, erläutern wir einige Begriffe.

Das ist eine Short Position

Die Börse in Frankfurt am Main definiert eine Short Position als eine „Anlagesituation, in der ein Investor Wertpapiere verkauft, die er noch nicht besitzt, mit der Absicht, diese zu einem späteren Zeitpunkt günstig einzukaufen.“

Das ist ein Leerverkauf

Ein Leerverkauf – auch „Short Selling“ – ist die Veräußerung von Vermögenswerten, die ein Anleger aktuell gar nicht besitzt.
 
Ein Beispiel: Mal angenommen, die Aktie eines Unternehmens ist derzeit 200 Euro wert. Ein Anleger geht nun davon aus, dass der Wert dieser Aktie in absehbarer Zeit an Wert verliert. Er leiht sich nun von einem Broker 100 Aktien und verkauft sie umgehend zum aktuellen Preis von 200 Euro. Wenige Tage später tritt das erhoffte Szenario ein: Der Kurs der Aktie fällt, und zwar auf 150 Euro. Der Anleger kauft nun 100 Aktien zurück und gibt sie dem Broker wieder. Der Gewinn des Anlegers: Die Differenz zwischen dem Preis zum Zeitpunkt der Aktienausleihe – 200 Euro multipliziert mit 100 = 20.000 Euro – und dem Rückkaufwert der Aktien (150 Euro multipliziert mit 100 = 15.000 Euro), in dem Fall also 5.000 Euro.
 
Allerdings: Die Entwicklungen an der Börse sind unkalkulierbar. Mit anderen Worten: Short Selling ist nicht ohne Risiko. Es kann nämlich alles anders kommen – der Kurs sinkt eben nicht, sondern steigt. Dann muss der Anleger Verluste hinnehmen.

Warum es Leerverkäufe gibt

Leerverkäufe sind nicht unumstritten. Mit Leerverkäufen können Firmen und andere Investoren versuchen, sich gegen Kursrisiken abzusichern.
 
Ein Beispiel: Ein Unternehmen muss in einigen Monaten Rohstoffe einkaufen. Es rechnet mit höheren Preisen. Für einen Ausgleich kann es durch einen erfolgreichen Leerverkauf in anderen Bereichen sorgen – wenn denn diese Rechnung angesichts des unkalkulierbaren Geschehens an der Börse aufgeht.

Das ist ein Short Squeeze

Die Bezeichnung besteht aus zwei Wörtern. „Short“ sind Personen oder Institutionen, die Aktien leer verkauft haben. Das englische Wort „to squeeze“ heißt übersetzt „ausquetschen“.
 
Beim Short Squeeze passiert folgendes: Der Kurs einer Aktie steigt über mehrere Tage hinweg rasant und überraschend. Das hat zur Folge, dass Anleger, die Leerverkäufe getätigt haben und somit short sind, massiv in finanzielle Bedrängnis geraten. Da der Kurs entgegen ihres Kalküls stark zulegt, drohen ihnen enorme Verluste – sie müssen ja die leer verkauften Aktien zurückkaufen und haben dafür in aller Regel Fristen zu beachten. Jetzt kommt es zum Short Squeeze, die Short Seller werden finanziell „ausgequetscht“.
 
Ein weiteres Beispiel: Die Aktie eines Unternehmens ist derzeit 200 Euro wert. Ein Anleger geht nun davon aus, dass der Wert dieser Aktie in absehbarer Zeit an Wert verliert. Er leiht sich nun von einem Broker 100 Aktien und verkauft sie umgehend zum aktuellen Preis von 200 Euro. Wenige Tage später tritt das Gegenteil des erhofften Szenarios ein: Der Kurs der Aktie steigt, und zwar auf 250 Euro. Der Anleger muss trotzdem 100 Aktien bis zum Fristende zurückkaufen und dem Broker wiedergeben. Der Verlust des Anlegers: Die Differenz zwischen dem Preis zum Zeitpunkt der Aktienausleihe – 200 Euro multipliziert mit 100 = 20.000 Euro – und dem Rückkaufwert der Aktien (250 Euro multipliziert mit 100 = 25.000 Euro), in dem Fall also 5.000 Euro.
 
Bekanntestes Beispiel für einen Short Squeeze in Deutschland: Zu einem Short Squeeze kam es bei den Kurskapriolen von Volkswagen im Zusammenhang mit der gescheiterten Übernahme durch Porsche im Jahr 2008. Der Kurs schoss innerhalb weniger Tage von etwa 200 auf rund 1.000 Euro, da nur wenige Anteilsscheine frei handelbar waren.

Das passierte im Fall der Gamestop-Aktien

Es begann am 12. Januar 2021. An dem Tag war die Gamestop-Aktie an der Frankfurter Börse etwa 16 Euro wert. Hedgefonds – das ist eine Form von Investmentfonds mit sehr spekulativen Anlagestrategien – hatten viele Aktien des Videospiele-Händlers geliehen, leer verkauft und spekulierten auf einen fallenden Kurs. Es kam anders. Kleinanleger organisierten sich im Internet und kauften massenweise Gamestop-Aktien. In der Folge stieg der Kurs rasant in die Höhe. Zwei Wochen nach dem 12. Januar 2021 war der Wert der Aktie zwischenzeitlich auf mehr als 400 Euro gestiegen.

Den Short Sellern der Hedgefonds blieb nichts anderes übrig, als die leer verkauften Aktien zu einem deutlich höheren Preis zurückzukaufen. Einige der Hedgefonds könnte dies finanziell an den Rand des Ruins getrieben haben.

Am Ende könnten durch die Kurskapriolen viele als Verlierer dastehen, warnte etwa der weltweite Hedgefonds-Verband Aima in einem Brief an seine Mitglieder.
 
Beim Verfassen des Textes lag der Wert einer Gamestop-Aktie bei rund 43 Euro.

Autor: ING


Ihre Meinung

Kommentare (7)


Kommentare

Anfänger

25.02.2021

Ein informativer Artikel und noch besser die Ergänzung und Einordnung von Joe


Anleger

25.02.2021

Die Aktie geht derzeit wieder gewaltig hoch. Man kann an der Börse aus sehr wenig sehr viel machen - natürlich es es auch umgekehrt. Aber das letzte Hemd hat bekanntlich sowieso keine Taschen ... . Und die dummfaulen Enkel würden nicht mal "Danke" sagen.


Fabian

25.02.2021

Joes letzten Absatz sehe ich genauso: "Das Problem mit den Privatanlegern ist nur, dass diese sich vom Zug mitreißen ließen. Die ersten wollten den Hedgefonds eins auswischen und haben noch einigermaßen günstig gekauft. Die späteren Käufer haben aber zu hohen Kursen gekauft und sitzen nach dem Ende der Aktion auf relativ wertlosen Aktien. Und wahrscheinlich gab es auch etliche, die sich am Anfang billig eingedeckt und dann Hochjubeln kräftig verdient haben, indem sie zu hohen Kursen ausstiegen."

So nobel der Gedanke auch sein mag: wer da als Privatanleger mitmacht, geht ein enormes Risiko ein und ist möglicherweise am Ende der Dumme. Außer, man ist einer der Ersten - sowohl beim Einkauf als auch später wieder beim Verkauf.


Joe

22.02.2021

Nun, sie ruinieren die Firmen nicht bewusst. Sie suchen sich Firmen, von denen sie erwarten, dass diese von selbst abschmieren. Ok, gelegentlich wird auch der eine oder andere Artikel in der Presse lanciert, der das Opfer madig macht. Und dann warten sie darauf, bis der Kurs sinkt.
Viel schlimmer sind die Aktivisten wie Elliott, die sich mit einem oder ein paar Prozent beteiligen und dann so lange Psychoterror machen, bis die Firma das tut, was die Hedgefonds erwarten, z.B. Firmenteile abspalten oder Sonderdividenden zahlen. Es ist erstaunlich, wie gut ihnen das mit minimalen Anteilen gelingt.


Bob

22.02.2021

Sehr gut erklärt. Danke!


Xenia Gorisek

22.02.2021

Ich möchte meine Aktien nicht unbewusst verleihen. Vor allem nicht an solch miesen Spekulanten, die bewusst Firmen ruinieren


Joe

19.02.2021

Es kommt mir schon sehr komisch vor, wenn man für das Absichern von Vermögenspositionen Leerverkäufe benutzt. Dafür nimmt man normalerweise Put-Optionen. Dafür zahlt man eine Gebühr, sozusagen eine Versicherungsprämie, und erhält dafür das Recht, die Aktie zu einem vorher festgelegten Preis (z.B. 200€) zu verkaufen. Fällt der Preis z.B. auf 150€, so muss mir mein Gegenüber trotzdem 200€ dafür zahlen. Bleibt die Aktie gleich oder steigt sie, so ist die Versicherungsprämie verloren. Das ist wie mit jeder anderen Versicherung auch so. Ich zahle etwas und bin dafür in Sicherheit.
Mit Leerverkäufen sichert man nichts ab, im Gegenteil, man geht unbegrenzt ins Risiko. Da der Preis unbegrenzt steigen kann, ist auch das Risiko nicht begrenzt. Das Problem bei Gamestop war, dass die Leerverkäufe ungedeckt waren und dass mehr Aktien leerverkauft wurden als überhaupt verfügbar waren. Dann müssen sich die Leerverkäufer beim Zurückkaufen um die wenigen vorhandenen Aktien quasi streiten. Sie müssen kaufen, egal wie.
Das Problem mit den Privatanlegern ist nur, dass diese sich vom Zug mitreißen ließen. Die ersten wollten den Hedgefonds eins auswischen und haben noch einigermaßen günstig gekauft. Die späteren Käufer haben aber zu hohen Kursen gekauft und sitzen nach dem Ende der Aktion auf relativ wertlosen Aktien. Und wahrscheinlich gab es auch etliche, die sich am Anfang billig eingedeckt und dann Hochjubeln kräftig verdient haben, indem sie zu hohen Kursen ausstiegen.