Chinas neue Handelswege

Die Wiederbelebung der Seidenstraße | 07.11.2019

Rezession vor der Tür?

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Die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China halten Wirtschaft und Finanzmärkte seit fast zwei Jahren in Atem. Aufgrund eines deutlichen Ungleichgewichts in der Handelsbilanz zuungunsten der USA, erhob US-Präsident Donald Trump mehrfach Zölle auf chinesische Warenimporte. China reagierte darauf mit Gegenzöllen.

Inzwischen beeinträchtigt der Handelskonflikt das Wachstum der beiden weltgrößten Volkswirtschaften. So prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem im Oktober veröffentlichten World Economic Outlook der US-Wirtschaft für das laufende Jahr ein Wachstum von 2,4 % (2018: 2,9 %) sowie 2,1 % im Jahr 2020. Für China liegen die aktuellen Prognosen bei 6,1 % für 2019 (2018: 6,6 %) sowie 5,8 % für 2020.

Milliarden für neue Seidenstraße

Um die Abhängigkeit von China zu verringern, hat Donald Trump US-amerikanische Unternehmen aufgefordert, ihre Produktionsstätten und Lieferketten aus China zu verlagern. Doch das Reich der Mitte ist ebenfalls nicht untätig und arbeitet seit Jahren daran, alte Handelswege zu beleben und neue Routen zu erschließen. Im Fokus stehen vor allem Asien, Afrika und Europa. Die 2013 vom chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping ins Leben gerufene „Belt and Road Initiative“ (BRI) ist auch unter dem Namen „Neue Seidenstraße“ bekannt – in Anlehnung an die alte Seidenstraße, auf der bereits in der Antike Waren (u. a. Seide) zwischen Asien und Europa ausgetauscht wurden.

Die BRI sieht den Ausbau mehrerer Festlandrouten vor, die China stärker mit Zentralasien, Süd- und Südostasien, den Nahen Osten sowie Europa verbinden. Zudem soll eine maritime Seidenstraße China auch über den Seeweg besser an Süd- und Südostasien, Afrika sowie Europa anbinden. Die Kosten für die Umsetzung der Initiative schätzen Ökonomen auf bis zu 1 Billion US-Dollar. Ein Großteil der Mittel wird in den Aufbau bzw. die Modernisierung von Straßen, Brücken Schienennetzen, Flug- und Seehäfen fließen.

Doch die Investitionen beschränken sich nicht allein auf die Verkehrsinfrastruktur, sondern umfassen auch die Telekommunikations- oder Energieinfrastruktur (Bau von Pipelines, Kraftwerken). Zudem ist der Aufbau von Produktionsstätten entlang der neuen Seidenstraße geplant, wodurch die Handelsrouten zu einer Art verlängerter Werkbank für chinesische Unternehmen werden. Diese können in Afrika und einigen Ländern Südostasien aufgrund des niedrigeren Lohnniveaus günstiger produzieren als in der Heimat. Mit Blick auf die Zukunft ist der Aufbau von Entwicklungszentren für den Bereich der künstlichen Intelligenz geplant, wobei man Kooperationen mit westlichen Unternehmen angestrebt.

Ausbau der Handelsrouten stärkt Chinas Einfluss in der Welt

China verfolgt mit seiner BRI mehrere Ziele. So wird sich der Einfluss der Volksrepublik auf die globale Wirtschaft weiter erhöhen, während sich für chinesische Unternehmen neue Absatzmärkte öffnen und das Land erweiterten Zugang zu Rohstoffen erhält. In diesem Zusammenhang sei das starke Engagement in Afrika genannt, wo chinesische Firmen am Bau bzw. Betrieb von mehr als 45 Häfen beteiligt sind. In Griechenland übernahm der staatliche chinesische Logistikkonzern Cosco im Jahr 2016 die Mehrheit an der Betreibergesellschaft des Hafens von Piräus, um ihn zu einem zentralen Drehkreuz für den Containerverkehr zwischen China und Europa auszubauen. Nach Angaben des chinesischen Außenministeriums existiert mit 125 Ländern eine sogenannte „Seidenstraßen-Absichtserklärung“ (Stand: April 2019).

Die neuen Routen tragen auch zur Diversifikation der Handelswege bei und steigern darüber hinaus den politische Einfluss Chinas in den Regionen, mit denen intensive Handelsbeziehungen gepflegt werden. Insbesondere in Ländern, die wirtschaftlich noch nicht so stark entwickelt sind und die sich durch die Realisierung der Projekte gegenüber China verschulden. Das Risiko, hierdurch in ein Abhängigkeitsverhältnis zu geraten, ist einer der Kritikpunkte an der BRI. Dass bei der Vergabe der zum überwiegenden Teil durch China finanzierten Projekte chinesische Unternehmen stark bevorzugt werden, stößt international ebenfalls auf Kritik.

Ein Mehrjahresplan, in dem verbindliche Ziele oder Termine festgeschrieben sind, existiert nicht. Vielmehr besteht die BRI aus zahlreichen einzelnen Projekten, die jedes für sich zur Verwirklichung des Vorhabens beitragen sollen. Dies ist durchaus von Vorteil, denn verzögert sich ein Projekt, sind andere Projekte oder gar die Initiative als Ganzen dadurch nicht unmittelbar in ihrer Realisierung gefährdet.

Autor: ING-DiBa AG


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Kommentare (3)


Kommentare

Norbert B.

11.11.2019

China verfolgt eine langfristige Entwicklungsstrategie und ist dabei, die USA als alleinige Weltmacht abzulösen. Das ist grundsätzlich zu begrüßen. Europa muss seine Interessen besser bündeln und alles tun, um nicht zwischen den beiden Weltmächten zerrieben zu werden.
Dazu muss es koordiniert insbesondere mehr in Wissenschaft, Forschung und Technik investieren. Auch Afrika darf angesichts seiner langfristigen Wachstumschancen nicht länger vernachlässigt werden.


Michael Sacher

09.11.2019

China verschafft sich Wettbewerbsvorteile indem es fast in jeder Stadt Konzentrations/Arbeitslager gibt, in denen Oppositionelle u.a. unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten müssen. Ändern lässt sich das nur, indem die Zustände angeprangert und die Waren aus diesen Lagern konsequent boykottiert werden.


Mich Hoff

08.11.2019

Die EU hätte sich schon längst stärker mit China und Asien zusammen tun sollen um so ein Gegenpol zu USA zu bilden. Der asiatische Raum ist vielfach größer und wirtschaftlich attraktiver als "Trump-Country"