Panik

Das Coronavirus ist schon der zweite schwarze Schwan in diesem Jahr. | 06.02.2020

Kolumne von Carsten Brzeski

© ING-DiBa AG

Der erste Monat des neuen Jahres ist kaum vorbei und es wimmelt an den Finanzmärkten nur so von sogenannten schwarzen Schwänen. Dem unwahrscheinlichen, aber nicht ganz unmöglichem Risikoereignis, das die Finanzmärkte aus dem Gleichgewicht bringen kann. Vor ein paar Wochen war es noch der Konflikt zwischen den USA und dem Iran, jetzt ist es das Coronavirus. Und während sich der Iran-USA-Konflikt schon wieder von den Radarschirmen der Märkte verabschiedet hat, werden das Coronavirus und seine Folgen die Märkte noch eine Weile beschäftigen. Grund zur Panik?

Die aktuelle Unruhe an den Finanzmärkten deckt sich mit der Unruhe in der Bevölkerung: wie schlimm ist dieser Virus nun wirklich und wie schnell verbreitet er sich? Selbst medizinische Experten kennen die Antwort (noch) nicht. Als medizinischer Laie würde ich einfach mal davon ausgehen, dass sich das Virus stärker und schneller im Rest der Welt verbreiten wird als das beim SARS Virus 2003 der Fall war. Mittlerweile fliegen weltweit doppelt so viele Menschen durch die Welt als noch 2003. Durch den hohen und zugenommenen wirtschaftlichen Wohlstand sind chinesische Touristen auf der ganzen Welt unterwegs und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden. Die Fälle in Bayern zeigen, wie stark chinesische Unternehmen inzwischen in die internationale Produktionskette integriert sind. Ein weiterer Grund für verstärkte Ansteckungseffekte. Zu guter Letzt sollte man auch nicht vergessen, dass viele chinesische Expats für die Neujahrsfeierlichkeiten nach China gekommen sind und jetzt wieder zurückkehren in die USA, Europa oder andere Regionen. Die Meldungen über steigende Infektionsfälle in den USA und Europa werden in den kommenden Wochen wohl sehr wahrscheinlich zunehmen.

Was heißt das nun für die Weltwirtschaft? Schwierig zu sagen, so lange man nicht weiß, wie schlimm das Coronavirus nun wirklich ist. Lassen wir das Untergangsszenario einer weltweiten Pandemie mal weg. Allein in seiner jetzigen Form und mit der Unsicherheit über die wirkliche Schwere wird das Coronavirus die chinesische Wirtschaft im ersten Quartal an den Rand des Stillstands bringen. Ganze Städte stehen unter Quarantäne, der Einzelhandel bricht ein, trotz eines wahrscheinlichen Anstiegs des Online-Handels und Unternehmen werden geschlossen. Damit hört es aber nicht auf. Fluggesellschaften aus den USA und Europa stellen Flüge ein, Hotelketten werden Einbußen haben und Unternehmen, die entweder Unterteil sind der chinesischen Produktionskette oder direkt und indirekt Handelsbeziehungen mit China haben, werden wohl auch unter Druck kommen. Diese Verflechtungen sind deutlich größer als 2003. Und dann ist da noch der Verbraucher. Vor allem in Europa hat der Verbraucher im letzten Jahr die Konjunktur vor einem Abrutschen in die Rezession gerettet. Angst und Verunsicherung durch das Coronavirus könnten diesen Motor jetzt zum Stottern oder sogar zum abrupten Stoppen bringen.

Was die wirtschaftlichen Folgen angeht, wird es mit dem Coronavirus wohl erst einmal schlechter werden, bevor es wieder besser geht. Es gibt aber mindestens einen positiven Aspekt: wie schlimm sie auch sein mögen, rein durch die makroökonomische Brille betrachtet, gilt für Naturkatastrophen eigentlich immer, dass das Wirtschaftswachstum durch Nachholeffekte im Laufe des Jahres wieder zurückfordern wird. Bei aller aktuellen Dramatik gilt auch jetzt wieder: Untergangsprophezeiungen treten eigentlich nie ein. Schwarze Schwäne schon.

Autor: Carsten Brzeski


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Kommentare (3)


Kommentare

Malcolmix

10.02.2020

@cui bono
Auf cui bono lautet die korrekte Antwort in diesem Zusammenhang cum hoc ergo propter hoc (mit diesem, folglich wegen diesem). So bezeichnet man Fehlschlüsse, die auf eine Scheinkausalität getroffen werden.

Es sei denn, Sie wollen hier ernsthaft behaupten, Unternehmen hätten in China einen Virus verbreitet. Der Nachweis wird Ihnen nicht gelingen. Interessant an Ihrer Behauptung ist auch, Sie gehen davon aus, pharmazeutische Forschung gäbe es nur in den USA und in UK. Ich kann Ihnen zusichern, auch andere Länder besitzen pharmazeutische Labore, die ein Gegenmittel entwickeln können.

Noch ein Einwand. Menschen erwarten für Leistungen eine Entlohnung und keinen warmen Händedruck. Das mag man bedauern, aber die Menschen sind nun einmal so. Es waren die Systeme am Erfolgreichsten, in denen möglichst viele Bürger einen Gewinn erzielen können. Sei es der Geldgeber, der mittels Kapital die Forschung ermöglicht, sei der Profit, den das Unternehmen und die Apotheken machen können. Nicht zu vergessen all die vielen Angestellten, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen.


cui bono

08.02.2020

Am Ende wird auf jeden Fall der ein oder andere anglo-/amerikanisch dominierte Pharmakonzern einen dicken Reibach machen.


Malcolmix

07.02.2020

Nicht nur Bayern hat starke wirtschaftliche Verbindungen zu China. Wenn man sich Sachsens Exportpartner aus dem Jahre 2018 betrachtet, steht China mit weitem Vorsprung auf Platz 1 (6,78 Mrd. €), die USA folgt auf Platz 2 (3,59 Mrd. €). Süffisant angemerkt: Russland ist weder bei den Exporten, noch bei den Importen unter den zehn wichtigsten Wirtschaftspartnern zu finden, was zunächst verwundert anlässlich der Äußerungen des Ministerpräsidenten Kretschmer bei seinem Russlandbesuch im vergangenen Jahr, die aber wohl wahltaktisch motiviert waren.

Zu den wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus. Unsicherheit entsteht auch, wenn Informationen geschönt oder unzureichend an die Öffentlichkeit gelangen. Diesen Vorwurf bekommt die Regierung in China zur Zeit auch zu hören. Öffentlichkeitswirksam werden innerhalb weniger Tage Krankenhäuser hochgezogen, die aber nichts weiter als aneinandergereihte Container sind. Videos, die eine andere Wirklichkeit zeigen, werden gelöscht und der Blogger wird verhaftet (nach massiven Protesten der Bevölkerung wurde er wieder freigelassen, das Video ist in China noch immer nicht zu sehen).

Unklare Nachrichten führen bei einer nervös agierenden Börse bekanntermaßen zu stärkeren Schwankungen. Menschen agieren auf Nachrichten schon immer nervöser, als es die tatsächliche Nachrichtenlage hergibt. Generell gilt natürlich: Jahr für Jahr steigt die Gefahr für weltweite Epidemien, weil die Menschen immer schneller und immer öfter reisen.

In diesem Zusammenhang noch eine Bitte an alle. Wenn man mal hustet oder einen Chinesen trifft: Bitte nicht gleich zur Notaufnahme rennen! Das tun nämlich vorbeugend gerade zu viele Menschen.