Das Unerwartete erwarten

Das Beste hoffen, doch auf das Schlimmste vorbereitet sein | 10.01.2020

Kolumne von Carsten Brzeski

© ING-DiBa AG

Das neue Jahr fängt ja gut an. Der neu entfachte Konflikt zwischen den USA und dem Iran hat das Potential große Schockwellen auszulösen. Wieder mal ein Beweis, dass die schönsten Prognosen für Konjunktur und Finanzmärkte ganz schnell über den Haufen geworfen werden können. Beweis, dass man zu Anfang des Jahres doch noch mal über den Tellerrand hinausschauen sollte und sich das Unerwartete und teilweise Irrwitzige doch näher anschauen sollte. Neben dem potentiellen Krisenherd im Mittleren Osten, sind hier fünf weitere Ereignisse, die aktuell sehr unwahrscheinlich sind (aber halt nicht ganz und gar).

1. Die EZB erhöht spätestens Anfang 2021 die Zinsen.

Die negativen Folgen der unkonventionellen Geldpolitik für Sparer, Versicherer und Banken nehmen zu und innerhalb der EZB machen sich immer mehr Stimmen breit, die Schritte aus dem September 2019 zurückzudrehen. Hinzu kommt, dass die strategische Überprüfung der eigenen Geldpolitik ergibt, dass die Inflationszielstellung symmetrisch sein sollte. Die geldpolitischen Falken stimmen dieser Veränderung nur unter der Bedingung zu, dass die EZB das Anleihenkaufprogramm zurückfährt und langsam aus der Negativzinspolitik aussteigt. Die EZB kommuniziert erfolgreich, dass der Ausstieg aus den unkonventionellen Maßnahmen nicht der Einstieg in einer Reihe von Zinserhöhungen ist.

2. Italien bringt die Euro-Krise zurück.

Neuwahlen im Laufe des Jahres bringen Lega wieder zurück in die Regierung Italiens, die sofort auf Konfrontationskurs geht mit Brüssel. Gleichzeitig drückt der neue italienische EU-Kommissar Gentiloni so stark auf eine Auflockerung des Stabilitätspaktes, dass zaghafte Bemühungen der deutschen Regierung, doch mehr zu investieren, dem Reflex von Sparpolitik und Verteidigung der Haushaltsregeln zum Opfer fallen. Spekulationen über einen möglichen Austritt Italiens aus der Eurozone nehmen wieder zu.

3. Der nächste US-Präsident ist ein Demokrat.

Entgegen den aktuellen Erwartungen gewinnt der Kandidat der Demokraten die US-Wahl im November. Mit einem Programm, dass sich vor allem auf soziale Ungleichheit und den Klimawandel richtet. 

4. Schuldenfalle China.

Trotz neuer Seidenstraße und der Strategie 2025 stagniert die chinesische Konjunktur und wird immer mehr gefangen in starker Verschuldung, demographischem Wandel und Handelskrieg. Als Folge dessen kehrt China dem Welthandel den Rücken zu und fährt eine eigene protektionistische Politik.

5. Brexit 2.0.

Im Kielsog des Brexit Chaos überlegt auch Ungarn, der EU den Rücken zu zukehren. Weitere Eingriffe in die Meinungsfreiheit im eigenen Land erhöhen den Konflikt mit der EU. Die unterschiedlichen Auffassungen zwischen Ungarn und der EU werden unüberbrückbar. 

Nur zur Deutlichkeit: unser Basisszenario eines langsamen und schwachen Konjunkturaufschwungs mit weiterhin lockerer Geldpolitik hat sich nicht verändert. Die hier beschriebenen Ereignisse sind sogenannte Risikoereignisse; schwarze Schwäne. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie eintreten, aber halt nicht komplett unwahrscheinlich. Und wie heißt es doch immer: das Beste hoffen, doch auf das Schlimmste vorbereitet sein. In diesem Sinne, wünsche ich einen guten Start in das neue Jahr.

Autor: Carsten Brzeski


Ihre Meinung

Kommentare (11)


Kommentare

Malcolmix

30.01.2020

Vor dem ersten Punkt ist zurecht eine Einschränkung aufgeführt worden, auch wenn es sich nach einigen Wochen erwiesen hat, der Konflikt zwischen dem Iran und den USA hatte zumindest bislang nicht die befürchteten weitreichenden Folgen.

Zu Punkt 1: Ein Ende der Niedrigzinspolitik ist nicht so einfach zu bewerkstelligen. Da die meisten Staaten kaum noch neue Schulden aufnehmen und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen dies nicht auffangen kann, sehe ich nicht, wie die EZB bei den politischen Vorgaben (u.a. 2% Inflationsrate) höhere Zinsen durchsetzen will. Zumal die positive Seite wie hohe Beschäftigungszahlen nie aufgeführt wird.

Zu Punkt 2: Was soll man dazu sagen, wenn solche Schaumschläger wie Salvini (oder wahlweise Orban und Putin) mit den ganz einfachen Antworten Wahlen gewinnen...

Zu Punkt 3: Wenn die Demokraten mit den Themen soziale Ungleichheit und dem Klimawandel antreten, wird Trump die Wahl gewinnen. Mit den Themen kann man nur an der Ostküste und in wenigen Staaten der Westküste punkten.

Zu Punkt 4: China ist der interessanteste Punkt. Eines kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Das China die Investitionen in Afrika oder Ländern wie Montenegro einfach so verpuffen lässt. China treibt Länder in die Schuldenfalle und Länder wie Montenegro haben teilweise sogar Souveränitätsrechte an China abgetreten.

Zu Punkt 5: Ungarn hat mit einer Demokratie kaum noch etwas zu tun. Eine Pressefreiheit existiert nur noch in Ansätzen. Orban behauptet, sein Volk zu verteidigen, dieses flieht aber aus dem Land, um woanders mehr zu verdienen. Wer in Ungarn studiert, verpflichtet sich, jahrelang im Land bleiben zu müssen. Wer in den 90er Jahren einen Kredit aufgenommen hatte, tat dies in Schweizer Franken. Die ungarischen Banken können den Zinssatz verändern und der Schuldner hat keine Chance, seine Schulden loszuwerden. Eine Privatinsolvenz wie in Deutschland gibts in Ungarn nicht mehr. Ungarn ist ein Musterbeispiel dafür, wie man ein Land unfrei machen und wirtschaftlich nicht entwickeln kann.

Aber ein Lob an die Rubrik von Carsten Brzeski. Dinge einfach erklärt ohne zu simplifizieren.


inba

12.01.2020

Klar macht sich der Autor Carsten Brzeki hier laut Gedanken über mögliche schwarze Schwäne. Ich freue mich über solche Aussagen, die mich selbst wacher auf mögliche Folgen aufmerksam machen sollen. DAS ist die Hilfe. Konkret kann das nicht gehen. Ein Ereignis im Rahmen der genannten Beispiele kommt ja nicht von jetzt auf sofort. Man erkennt die mögliche Entwicklung; sieht vielleicht nun aber kritischer HIN. Ich sehe z.B. nicht eine Meinungsführung des Autors, dass etwa ein neuer Präsident in USA "ein nicht wünschenswertes Risikoereignis" beurteilt. Nur: egal, welche der 5 Szenarien sich - wie auch immer- einstellen könnten: Handlungsbedarf haben wir dann selbst.
Der eigene Blickwinkel sollte dann ein anderer sein.
Nichts bleibt, wie es ist.


Test Leser

12.01.2020

Ich kann mich Johann-Peter Pausch nur anschließen...ohne Schlussfolgerungen und aufgezeigte Konsequenzen für die Markte ziemlich wertlos.


MichaelH

11.01.2020

Zu 5: ein "Ungarn-Exit" ist nahezu ausgeschlossen. Allen Unkenrufen zum Trotz kann die dortige Regierung rechnen. Laut Bundeszentrale für politische Bildung ist Ungarn mit 4,1% (bezogen auf das jeweilige BIP) der größte Nettoempfänger von EU Geldern. Das war beim Brexit andres, die Briten waren Nettozahler, mit ca. 6,95 Mrd EUR (in absoluten Zahlen) der zweitgrößte nach Deutschland.


Andreas R.

10.01.2020

Für so unwahrscheinlich halte ich einen Zinsrichtungswechsel mittelfristig nicht. Es gibt viele Stakeholder, die ein normales Niveau anstreben - Banken, Versicherungen, Unternehmen mit hohen Einlagen, sparende Privatpersonen und nicht zuletzt Rentner. Wenn die EZB die Geldentwertung fortsetzt, gelangen immer mehr Euro-Rentner in die Altersarmut und dies wird in Anbetracht der Demografie mittelfristig nicht tragbar sein. Der Hauptfehler liegt aus meiner Sicht am Warenkorb, den die EZB zur Berechnung der Inflationsrate heranzieht: Dieser enthält keine Rate zum Erwerb von Wohneigentum. Sobald nachhaltig agierende Politiker oder Zentralbanker diesen Umstand argumentieren und korrigieren, wird sich das Zinsniveau wieder normalisieren.


GRausSch-Sch

10.01.2020

99 % Zustimmung für Britta Martini (9.1.2020) !


Andreas Bentrup

10.01.2020

Ich sehe das ähnlich wie Johann-Peter Pausch.
Mir als Kleinanleger fehlt oftmals der Durchblick. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit mich um geo- und finanzpolitische Aspekte zu kümmern.
Ein paar Tipps und Tricks, wie man sein Kapital ggf. schützen und mehren oder sich wenigstens gegen finanzielle Verluste absichern könnte, wären durchaus hilfreich.
Eine totale Sicherheit gibt es natürlich nirgendwo, aber eine Risikoeinschätzung mit einem "Was wäre wenn"-Szenario könnte durchaus hilfreich sein.
Die jetzigen Aussagen zu den schwarzen Schwänen sind da nicht viel wert.


Johann-Peter Pausch

09.01.2020

Und was sind die Konsequenzen und Maßnahmen bei Eintritt dieser Ereignisse?
Handlungsteil fehlt im Artikel vollkommen - für mich wertlos.


Elke Seyrer

09.01.2020

Da sehe ich noch ganz andere Risiken . . . . Schau'n wir mal


Britta Martini

09.01.2020

Die Wahl eines demokratischen, für soziale Gerechtigkeit und gegen den Klimawandel kämpfenden US-Präsidenten als nicht wünschenswertes Risikoereignis zu bezeichnen ist, glaube ich, auch in weltwirtschaftlicher Hinsicht sehr kurzsichtig. Ich hoffe, daß meine ethischen ETFs negativ auf die nicht unwahrscheinliche Wiederwahl Trumps reagieren und dermaleinst die Wahl eines demokratischen, umweltbewußten und für soziale Gerechtigkeit eintretenden Präsidenten mit Kursgewinnen belohnen.


Rolf Molter

09.01.2020

Fast so aussagekräftig wie die Horoskope der Astrologen