Europäischer Zahlensalat

Höhere Algebra oder Hokuspokus? Mathematische Spielereien der Eurozone | 07.11.2019

Kolumne von Carsten Brzeski

© ING-DiBa AG

Volkswirte reden gerne über Politik. So gerne, dass man manchmal den Eindruck bekommen könnte, dass sie gar nicht mehr mit Zahlen umgehen können. Und auch wenn es aktuell wieder so aussieht, als ob es vor allem Politik bzw. Wirtschaftspolitik sind, die die Finanzmärkte bewegen (Stichwort Brexit oder Handelskonflikte), so lohnt sich auch ein Blick auf die Zahlen. Besser gesagt, den europäischen Zahlensalat.

Dabei geht es nicht darum, ob die deutsche Wirtschaft nun in einer Rezession ist oder nicht, weil sie mit 0,1 oder 0,2 Prozent geschrumpft ist (oder nicht). Es geht um Zahlen, die hinter den zwei momentan wohl wichtigsten Fragen für die Eurozone stehen. Frage eins ist dabei, ob Regierungen mehr Geld ausgeben sollen, zur Not auf Kosten von Schulden- bzw. Fiskalregeln. Frage zwei ist, ob die EZB ihr Inflationsziel überdenken sollte und mit einem niedrigeren Ziel als 2% die Zinsen wieder anheben könnte.

Die Gründungsväter des Euros haben sich Anfang der neunziger Jahre auf die sogenannten Maastricht-Kriterien geeinigt. Für die Fiskalpolitik gilt dabei, dass das Haushaltsdefizit nicht höher sein darf als 3% vom BIP und die Staatsverschuldung nicht höher als 60% vom BIP. Entgegen weitläufiger Meinung waren diese Zahlen nicht das Ergebnis langer wissenschaftlicher Berechnungen. Im Gegenteil. Die 60% waren einfach der Tatsache geschuldet, dass zum damaligen Zeitpunkt die durchschnittliche Staatsverschuldung der Kernländer bei 60% lag. Da auch das durchschnittliche nominale Wirtschaftswachstum (reales BIP-Wachstum plus Inflation) bei 5% lag, kam man ganz einfach zu einem Haushaltsdefizit von 3% des BIP, mit dem die Staatsverschuldung langfristig bei 60% des BIP stabilisiert wird. Warum? Drei geteilt durch 5 ist 0,6. So einfach geht europäische Fiskalpolitik.

Natürlich wurde die Interpretation der Regeln im Laufe der Zeit immer feinfühliger, teilweise komplizierter oder selbst ambitionierter, aber die Grundannahmen blieben: 3% und 60%. Ob 60% das einzig wahre Niveau für nachhaltige Staatsfinanzen ist, weiß weiterhin niemand. Was man weiß, ist, dass die fiskalpolitische Formel der frühen neunziger Jahre mittlerweile veraltet ist. In der jetzigen Situation der Eurozone sehe ich mindestens drei Kritikpunkte bzw. Folgen der 3-5-60 Formel:

1.) Eine Politik der Schwarzen Null führt langfristig zu einem kompletten Abbau der Schulden. Denn Null geteilt durch irgendetwas ergibt immer Null. 2.) Da das Nominalwachstum (reales Wachstum plus Inflation) strukturell wohl eher bei 3 oder 4 liegt, müsste entweder das Verschuldungsziel (3 geteilt durch 3 oder 4 ist entweder 100% oder 75%) verändert werden oder aber 3.) das Defizitziel müsste reduziert werden und knapp unter 2% liegen. Schon Kopfschmerzen?

Was ist die Quintessenz von diesen mathematischen Spielchen? Die Grundlagen der haushaltspolitischen Spielregeln der Eurozone waren das Ergebnis von Zufällen, nicht von wissenschaftlichen Forschungen, und müssen den neuen wirtschaftlichen Realitäten angepasst werden. Wenn jetzt Experten von der EZB fordern, ihr Inflationsziel zu senken, um damit Spielraum für Zinserhöhungen zu ermöglichen, würde die Wachstumskomponente in den Schuldenformeln weiter sinken. Die gleichen Experten müssten dann also auch eine Lockerung der Haushalts- (oder besser Schulden-)politik fordern.

Aktuell sind die mathematischen Grundlagen der wirtschaftspolitischen Diskussion in der Eurozone wohl mehr Zahlenunfug als höhere Algebra.

Autor: Carsten Brzeski


Ihre Meinung

Kommentare (12)


Kommentare

Hartmut Assel

10.11.2019

Sehr gute und nachvollziehbare Darstellung für jedermann.


Giftzwerg

08.11.2019

Die Argumente:
Die EZB stellt auf die sog. Kerninflation ab, also ohne Energie, Lebensmittel und Vermögenswerte. Der Durchschnittsbürger kann von den EZB-Werten nur träumen. Und die EZB wird scheitern. Wir leben nicht mehr im 20. Jahrhundert. Ein, zwei Klicks im Internet, und sofort liegen Jedem die Preislevels offen. Bei internationalen, globalen Wettbewerbsverhältnissen versteht sich. Wer zuviel verlangt, verliert Umsatz, riskiert die Existenz. Ggf. wird sich die Wertschöpfung eben verlagern.

Für die Mentalität der stabilitätsorientierten Nordländer ist die Entwicklung fatal. Politik für die Schuldner, die Begünstigung des Lebens auf Pump. In den Staaten bekam fast Jeder den Kredit, wenn der Bankmensch sah, daß der Kopf noch dran war. Die Folgen? Vergessen? Der Club Med. hat seine Mentalität erfolgreich in die Eurozone gerettet und diese bei uns "etabliert". Und die EZB zu seinem Handlanger verpflichtet. Was passiert in Europa, sollten die Zinsen wirklich steigen? Genau. Folgen: Instabilitäten, Verwerfungen, Streit. Und die Währung ist letztlich immer nur so viel wert wie die Wirtschaftskraft, die dahinter steht.

Aus meiner Sicht ist kein Ausweg erkennbar, es sei denn man entschließt sich, Schulden und somit auch Guthaben zu streichen. Schade um die Kultur der Altersvorsorge. Ohne Zinseszinseffekt machen herkömmliche Konzepte keinerlei Sinn mehr.
Die neue Aufgabe der Banken? Finanzbildung vermitteln? Der Staat tut es jedenfalls nicht. Alle unterhalb der Mittelschicht werden die Zeche bezahlen. Darüber redet derzeit noch Niemand.

H.G.


Nomos

08.11.2019

Schulden für Investition, die man auch bedienen kann (Zins und Rückzahlung) sind gute Schulden.

Der Bundesfinanzminister hat einen Amtseid geleistet "Zum Wohle des deutschen Volkes .. Schaden von im wenden..."

Wer für sich vorsorgt ist heute der Dumme, Vorsorge wird sinnlos. Die Existenz seriöser Banken wird durch diese €-Schuldenförderpolitik bedroht. Früher oder später wird für Dritte abkassiert. Hellas wurde aus politischen Gründen in den € gemogelt.Deren €-Anleihen wurden von EX-BFM Eichel als quasi mündelsichere Anlage empfohlen. Vom Staat zugelassen wurde am Ende bis zum Schuldenschnitt schutzlos spekuliert.

Staaten und Politiker sind in dieser EU immun. Es stehen immer noch Zins und Tilgung aus! Die von EX-BFM Eichel empfohlenen €-Staatsaneihen sind trotz Gesetze und Verträge zu Spekulanten- und Schrottpapieren verkommen. Für wen macht man Politik- Amtseid?! Alles nur Makulatur? Vertrag-Gesetz-Bundesgesetzblatt:
http://tinyurl.com/paqft8l

Manche glauben man könne Schulden abwählen. Eine neue Regierung und die gemachten Schulden sind getilgt. So ticken immer mehr in der EU. Auch deshalb hat diese Euro-Schulden-EU keine Zukunft.
Keiner haftet für Dritte, war die Bedingung für die Einführung des Euros. Griechenland hat sich auch mit Unterstützung deutscher Politiker in den Euro gemogelt. Mit billigem Geld konnte man sich so weiter verschulden.

In Deutschland gibt es dafür für den Straftatbestand des Kreditbetrugs. Wer Kredit nimmt ohne ihn bedienen zu können oder zu wollen begeht eine Straftat. In der EU geniessen Politiker und Staaten Immunität. Sie machen was sie wollen. Tarnen, Täuschen, Vertrags- und Rechtsbruch ohne Folgen. Für die Folgen macht man dann fadenscheinig die Banken verantwortlich.

Banken, Versicherungen, und Privatanleger haben viel Geld verloren. Sparer und Steuerzahler werden für die Überschuldung und Finanzierung der €-Staaten weiter zur Kasse gebeten. EZB-Null- und Negativzinspolitik, Staatschuldenfinanzierung über Anleihekäufe in Billionenhöhe.

Nicht der Verkäufer oder die Bank sind verantwortlich, wenn sich der Käufer überschuldet.
Wer über die Verhältnisse lebt, sollte nicht andere für die Folgen verantwortlich machen.
Wir exportieren für fragwürdige Forderungen. Die Exportindustrie und ihr Umfeld profitieren.
Das Risiko tragen die Sparer und Steuerzahler, sie zahlen für die gemachte Zeche.
Das relevante Ergebnis im Sinne des Amtseids zeigt sich erst unter dem Strich und die jetzt vom Bundesfinanzminister Scholz freigegebene Bankenunion hat da eindeutig ein Minuszeichen in der Rechnung.


Nomos

08.11.2019

Schulden für Investition, die man auch bedienen kann (Zins und Rückzahlung) sind gute Schulden.

Der Bundesfinanzminister hat einen Amtseid geleistet "Zum Wohle des deutschen Volkes .. Schaden von im wenden..."

Wer für sich vorsorgt ist heute der Dumme, Vorsorge wird sinnlos. Die Existenz seriöser Banken wird durch diese €-Schuldenförderpolitik bedroht. Früher oder später wird für Dritte abkassiert. Hellas wurde aus politischen Gründen in den € gemogelt.Deren €-Anleihen wurden von EX-BFM Eichel als quasi mündelsichere Anlage empfohlen. Vom Staat zugelassen wurde am Ende bis zum Schuldenschnitt schutzlos spekuliert.

Staaten und Politiker sind in dieser EU immun. Es stehen immer noch Zins und Tilgung aus! Die von EX-BFM Eichel empfohlenen €-Staatsaneihen sind trotz Gesetze und Verträge zu Spekulanten- und Schrottpapieren verkommen. Für wen macht man Politik- Amtseid?! Alles nur Makulatur? Vertrag-Gesetz-Bundesgesetzblatt:
http://tinyurl.com/paqft8l

Manche glauben man könne Schulden abwählen. Eine neue Regierung und die gemachten Schulden sind getilgt. So ticken immer mehr in der EU. Auch deshalb hat diese Euro-Schulden-EU keine Zukunft.
Keiner haftet für Dritte, war die Bedingung für die Einführung des Euros. Griechenland hat sich auch mit Unterstützung deutscher Politiker in den Euro gemogelt. Mit billigem Geld konnte man sich so weiter verschulden.

In Deutschland gibt es dafür für den Straftatbestand des Kreditbetrugs. Wer Kredit nimmt ohne ihn bedienen zu können oder zu wollen begeht eine Straftat. In der EU geniessen Politiker und Staaten Immunität. Sie machen was sie wollen. Tarnen, Täuschen, Vertrags- und Rechtsbruch ohne Folgen. Für die Folgen macht man dann fadenscheinig die Banken verantwortlich.

Banken, Versicherungen, und Privatanleger haben viel Geld verloren. Sparer und Steuerzahler werden für die Überschuldung und Finanzierung der €-Staaten weiter zur Kasse gebeten. EZB-Null- und Negativzinspolitik, Staatschuldenfinanzierung über Anleihekäufe in Billionenhöhe.

Nicht der Verkäufer oder die Bank sind verantwortlich, wenn sich der Käufer überschuldet.
Wer über die Verhältnisse lebt, sollte nicht andere für die Folgen verantwortlich machen.
Wir exportieren für fragwürdige Forderungen. Die Exportindustrie und ihr Umfeld profitieren.
Das Risiko tragen die Sparer und Steuerzahler, sie zahlen für die gemachte Zeche.
Das relevante Ergebnis im Sinne des Amtseids zeigt sich erst unter dem Strich und die jetzt vom Bundesfinanzminister Scholz freigegebene Bankenunion hat da eindeutig ein Minuszeichen in der Rechnung.


Dj-Fi

08.11.2019

Mit Zahlen beeindruckt man Kaufleute - wie die Zahlen zustande kommen, wollen sie aber nicht hören.
1. Wie wird denn die Inflation gemessen? An einem Warenkorb - aber wer füllt den? Die Zusammensetzung des Warenkorbs ist also schon die erste große Fehlerquelle in der Statistik. Wenn ich die aktuelle Inflation bei den Vermögens-Sachwerten sehe, kann ich die behauptete fehlende Inflation nicht mehr erkennen.
2. Staatsschulden: Solange die konsumptiven Ausgaben (e.g. Sozialleistungen) immer weiter ansteigen, wecken zusätzliche Geldmengen im Topf nur neue Begehrlichkeiten, neue Armutsfälle zu entdecken. Zuerst müssen also die konsumptiven Ausgaben in den öffentlichen Haushalten drastisch zurückgefahren werden, bevor man sich über gute Schulden für Investitionen unterhalten kann.


Dirk

08.11.2019

Ich halte weder was von bewusst herbeigeführter Inflation, noch von bewusst angestrebter Verschuldung.
Geld sollte wie im ausgehenden 19 Jh. (siehe Friedman/Schwarz: Monetary History of the United States 1867-1963) seinen Wert möglichst beibehalten, damit ich weiß, was ich jetzt spare, das kann ich in 40, 50 Jahren als Rentner wieder ausgeben.
Falls sich Wachstum ergibt, weil entweder die Mengen an Gütern & Diensten oder die Qualität oder Produktivität verändert ist das i.O. Es aber als Ziel anzustreben & dafür Schulden aufzunehmen ist abwegig.
Drittens Schulden sollten nur in Ausnahmefällen & rein rechnerisch für große Projekte aufgenommen werden, wenn deren Nutzungsdauer sehr lang ist & eine verteilende Abschreibung eine Verschuldung rechtfertigt.
Kurz von aktueller EZB- & Fiskalpolitik halte ich nichts. Ist beides nicht nachhaltig & maßen sich jeweils Wissen an, was sie nicht haben.


Machdadrausnix

07.11.2019

Eine sollide Finanzpolitik kommt immer den kleinen Mann zugute. Der kann leider nur sparen, große Objekte, beidenen mehr verdient ist, bleiben immer dem Großkapital vorbehalten. Eine höhere Staatsverschuldung, ist immer gut für die Reichen. Nur wenn der Staat Schulden macht, werden die Reicher. Von irgend jemanden, muss er sich letztendlich das Geld ja leihen! Also die angestrebte Grundrente wird wieder vom kleinen Mann bezahlt. Wenn in 20 Jahren alles zusammen kracht wird mann die Verantwortlichen nicht mehr zurechenschaft ziehen können (siehe Griechenland) Die ersten Auswirkungen bemerkt mann bereits, wenn eine Kapitallebensversicherung ausbezahlt wird. Dabei muss man noch festhalten: Glücklich die, die ihr Geld bereits erhalten haben, es kann noch schlimmer kommen!


Coelstin VI

07.11.2019

Gut, dass mal jemand auf den Punkt bringt!


Ralf Orth

07.11.2019

Der Beitrag verschleiert doch die Realitäten in Europa und insbesondere in der BRD. Die schwarze Null ist eine schöne Fiktion, wenn man genauer hin schaut sind die Staatsausgaben in Deutschland seit 2008 im konsumtiven Bereich erheblich angestiegen. vordergründig wurden 70 Mrd. Schulden abgebaut die Einsparungen durch die Niedrigzinsen betrugen aber ca. 130 Mrd. €. Details finden sich im folgenden Artikel, der auf Aussagen des Ökonomen Dr. Daniel Stelter basiert:: https://www.finanzen100.de/finanznachrichten/boerse/die-schwarze-null-ist-keine-leistung-sondern-eine-luege-und-eine-grosse-dummheit_H943009874_11317325/

Dr. Daniel Stelter


Michael

07.11.2019

Sie gehen bei Ihren Berechnungen stillschweigend vom obersten Ziel aus, dass die Schulden bloß nicht zurückgezahlt werden dürfen. Dieses Ziel widerspricht m.E. jedem betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Ziel, möglichst große Handlungsmöglichkeiten zu haben, wenn man mal für etwas Geld braucht. Die hat man nämlich dann, wenn man ggf. für diesen Zweck Schulden machen kann oder noch besser was auf der Seite hat.


matt22

07.11.2019

... so einfach geht´s halt doch nicht:
1. Im Grundgesetz lautet es: "Die Haushalte von Bund und Ländern sind grundsätzlich ohne Einnahmen aus Krediten auszugleichen." Das kann man für falsch halten. Es ist aber zu beachten.
2. Auch der Fiskalvertrag der EUR-Länder sieht keine rechnerisch auseinander abgeleiteten Wert vor, sondern formuliert zwingende voneinander unabhängige Grenzwerte für Verschuldensziel und Neuverschuldung. Kann man auch für falsch halten, ist aber als geltender Recht ebenfalls zu beachten.
3. Allein die EZB unterläuft zZ diese Vorgaben. Die Folgen dieser "Währungspolitisierung" der Zentralbank könnten langfristig fatal sein. Vertrauen ist nämlich keine beliebig reproduzierbare Größe.
Also: So einfach, wie es hier dargestellt wird, ist die Sache leider nicht. Zu großer Besorgnis besteht m.E. aller Anlass.


GRausSchSch

07.11.2019

Sie schreiben: "Wer für die EZB ein niedrigeres Inflationsziel fordert, um Zinserhöhungen möglich zu machen, muss auch eine lockerere Fiskalpolitik fordern." Mit zufälligen Daten und Formeln kann man alles beweisen, nämlich nichts. - Erst hat uns die Politik in die private Vorsorge gelockt, die wg. der desolaten Zinsen impotent wurde. Und bei 2% Inflation ist 35 Jahre später die ohnehin kümmerliche Rente nur noch die Hälfte wert.