Geldpolitik braucht keinen Schönheitspreis

Warum die EZB diesen Monat noch ein letztes geldpolitisches Feuerwerk zünden wird | 05.09.2019

Kolumne von Carsten Brzeski

© ING-DiBa AG

72 Torschüsse, 2 Tore. Ziel Titelverteidigung grandios verfehlt. Nach dem frühzeitigen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft letztes Jahr in Russland hat niemand  gefragt, die Tore zu vergrößern oder die Spielregeln zu verändern. Jogi Löw hat auch nicht gestreikt, weil er vielleicht fand, dass die Vereine nicht genug für ihre Spieler gemacht hätten. Niemand hat sich offiziell darüber beschwert, dass der Getränkeumsatz beim Public Viewing einbrach oder Fanartikel verramscht werden mussten. Nein, es geht beim Fußball weiterhin darum, Tore zu erzielen. Egal wie. Nun ist Mario Draghi sicherlich nicht der Jogi Löw der Geldpolitik, aber auch die EZB hat nur ein Ziel: die Inflation in der Eurozone in die Nähe der 2% Marke zu bekommen. Egal wie.

Die Konjunktur in Deutschland und Europa hat sich abgekühlt. Vor allem in Deutschland hat sich das Blatt innerhalb von 12 Monaten dramatisch gewendet. Vor einem Jahr gab es noch die Gefahr einer Überhitzung der deutschen Konjunktur, Unternehmen konnten sich vor Aufträgen nicht mehr retten, der Fachkräftemangel und aus den Nähten brechende Fabriken und Maschinen behinderten noch stärkeres Wachstum. Es war nur eine Frage der Zeit, bis mehr Investitionen das Wachstum stärken würden. Nun, nach Autokrise, zu wenig Wasser in den Flüssen, Handelskonflikten und einer Abkühlung der chinesischen Konjunktur steckt die Industrie in einer Mini-Rezession, ist die Unsicherheit so hoch wie lange nicht mehr und bröckelt der letzte Schutzwall: die inländische Konjunktur. Mittlerweile gibt es erste Anzeichen einer Abkühlung des Arbeitsmarktes und vorsichtigeren Verbrauchern. Das alles ist noch keine Krise, sondern eher eine Konsolidierung oder Stagnation auf hohem Niveau. Doch die Gefahr, dass aus dieser Stagnation ein handfester Abschwung wird, nimmt monatlich zu.

Letztendlich liegt das Schicksal der deutschen Konjunktur in den kommenden Monaten in den Händen von Donald Trump und der deutschen Regierung. Je nachdem wie der Handelskonflikt ausgeht, kann die deutsche Exportwirtschaft einen Aufschwung genießen aber auch einen weiteren Tiefschlag erleiden. Sollte die Bundesregierung sich doch zu einem Konjunktur- bzw. Investitionsprogramm entschließen, das sowohl kurz- als auch langfristige Elemente enthält, dann war der aktuelle Abschwung nur eine kurze Episode. Man kann dabei z.B. an ein Programm mit einer grünen Abwrackprämie, Steuersenkungen für Unternehmen bzw. Investitionsanreizen für Unternehmen denken, kombiniert mit einem Investitionsprogramm für Klimaschutz, erneuerbare Energien, Infrastruktur, Digitalisierung und Bildung. Falls nicht, droht eine längere Phase der Nulllinie der etwas anderen Art. Dabei gilt es auch zu bedenken, dass die deutsche Wirtschaft anders als in der Rezession 2008/9 dieses Mal einige strukturelle Schwächen hat, wodurch die Wirkung eines rein kurzfristig angelegten Konjunkturprogramms schnell wieder verpuffen würde.

Die gesamte Eurozone steht aktuell noch etwas besser da als die deutsche Konjunktur. Vor allem der branchenspezifische Schock in der Automobilindustrie macht gerade den negativen Unterschied. Das heißt allerdings nicht, dass man sich im Rest der Eurozone grenzenlosen Wachstums erfreuen kann. Im Gegenteil. Auch hier droht durch Brexit, politischen Turbulenzen und Handelskonflikten auch eine längere Stagnation.

Die EZB sieht die stockende Konjunktur und gleichzeitig eine Inflation von weit unter 2%. Noch schlimmer. Trotz aller guten Absichten ist der erhoffte Anstieg von Inflation und Inflationserwartungen in den letzten Jahren ausgeblieben. Da ist sie wieder die Torschussstatistik der letzten Fußball-WM. Das Mandat der EZB sieht das Erreichen von Preisstabilität vor. Was allerdings von vielen Kritikern immer gerne vergessen wird: das Mandat verpflichtet die EZB auch die allgemeinen wirtschaftspolitischen Ziele der Eurozone zu unterstützen, sprich das Erreichen von Vollbeschäftigung und „ausbalanciertem“ Wirtschaftswachstum.

So bleibt der EZB eigentlich gar nichts anderes übrig als zu handeln. Wenn sie ihr Mandat jedenfalls ernst nimmt. Auch wenn es vielleicht gar nicht mehr so viel hilft und wenn es eigentlich viel besser wäre, wenn Regierungen mit ihrer Haushaltspolitik die EZB nicht mehr alleine im Regen stehen lassen, sondern anfangen würden zu investieren. Daher wird der Monat September wohl im Zeichen stehen eines letzten geldpolitischen Feuerwerks von Mario Draghi. Erneute Zinssenkungen und ein Neustart des Anleihenkaufprogramms sind wahrscheinlich. Denn letztendlich ist es doch so wie beim Fußball: es geht nicht um das Schönspielen, sondern um das Gewinnen.

Autor: Carsten Brzeski


Ihre Meinung

Kommentare (13)


Kommentare

Shangri-La

24.10.2019

Man kann aus dem eines lernen - lieber spekulieren als garantiert 0,5 % mit seinem Kapital verloren zu haben. Alternativ Geld nichtmehr zur Bank zu bringen so trägt man 'nur noch' die Inflationsrate


Tim

09.10.2019

Danke für den guten Kommentar, Herr Brzeski.
@Bernhard: Sie argumentieren planwirtschaftlich. Am Kapitalmarkt gibt es nicht nur ein Angebot (Sparer), sondern auch Nachfrager (Investoren, Staat etc.). Wenn das Angebot nun mal größer ist, als die Nachfrage, wäre es reine Planwirtschaft, wenn man den Preis (auf dem Kapitalmarkt ist dies der Zins) noch weiter erhöhen würde.
Es steht jedem frei vom Kapitalanbieter (Sparer) zum Kapitalnachfrager (Investor) zu werden und von dem geliehenen Geld Investitionsgüter zu kaufen. Wenn viele Menschen dies machen, steigt die Nachfrage, Produktionsfaktoren werden knapp und steigen im Preis so dass schließlich das Preisniveau steigt. Der EZB bliebe dann gar nichts anderes übrig als die Zinsen anzuheben.


Bernhard

13.09.2019

Ja herzlichen Glückwunsch uns Sparern. Die Karawane zieht weiter ins Minus. Die Deutsche Rentenversicherung soll im letzten Jahr allein 50 Millionen Euro Strafzinsen bezahlt haben. Die legen ihre Gelder bei der Deutschen Bundesbank an und die wiederum bei der EZB. Die EZB verlangte bis gestern -0,4 % Strafzinsen und ab heute -0,5 %. Dann dürften aus den 50 Millionen schnell 62,5 Millionen werden. Und hier gibt es immer mehr arme Rentner wie ich heute in der Tageszeitung las. Dazu als Schmankerl kommt noch ab
November diesen Jahres ein neues Anleihekaufprogramm (QE Programm). Ich verstehe gar nicht, wieso der Draghi und seine Mannschaft das noch beschließen konnte. Dann ist der doch nicht mehr da. Sein Mandat endet Ende Oktober. Irgendwie kommt mir das vor, als würde man mit einem Auto mit 50 km/h in eine Sackgasse fahren und dann Vollgas geben. Wir Deutschen lassen uns alles gefallen und nehmen alles als gegeben hin. Zum Glück gibt es noch andere Länder in der Eurozone, die da eher auf die Barrikaden gehen. Denen müsste man Applaus spendieren. Ich kann da nur sagen "gute Nacht John Boy"


Hoepfl

12.09.2019

Wie abgehoben muss man sein, von einer zu niedrigen Inflation zu sprechen. Das können die, die nicht 'rechnen' müssen. Der Otto-Normal-Verbraucher kämpft längst mit deutlich höheren Preissteigerungen für Wohnen, Wohnneben-, Energie-, allgemeinen Lebenshaltungs-, Bankkosten, ... . EZB und Politik führen uns nach meinem Dafürhalten in eine Krise unglaublichen Ausmasses. Leistung wird nicht mehr gefördert, sondern bestraft. Menschen die sich zurücklehnen, werden belohnt. Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung..., obgleich man nicht weiß, wie die Renten künftig finanziert werden sollen...


Jäger

08.09.2019

Wer sein Geld noch auf dem Sparbuch hat oder Festgeld für unter 2,5% hat ist selbst Schuld, da darf man nicht anderen die Schuld geben, es gibt so viele andere Anlagemöglichkeiten und die hätten in den letzten Jahren richtig Kohle gebracht. Die Deutsche Rentenversicherung legt unser Geld auch falsch an, die hätten vor 20 Jahren einen Staatsfond auflegen sollen, der würde heute explodieren, die zahlen lieber Strafzinsen. Draghi ist im Hamsterrad gefangen, daß geht so oder so schief, jetzt verlängert er es nur und wird es wohl verschlimmbessern.


Joachim Wolfram

07.09.2019

Ein völlig einseitige Darstellung! Die negativen Auswirkungen der inflationären Geldpolitik der EZB (Sparer werden Zinsen vorenthalten, Geldvermögen werden entwertet, Realvermögenbesitzer gewinnen, unrentable Firmen werden am Leben erhalten, Geldemittenten gewinnen, die Geschäftsmodelle der Banken funktionieren nicht mehr usw ...) werden unterschlagen.


Lindner Wolfgang

06.09.2019

Sehr geehrter Herr Brzeski,

es macht mich sprachlos, dass Sie die verfehlte und erfolglos gefahrene Nullzinspolitik des Herr Draghi noch verteidigen.


OheimWilli

06.09.2019

Die offiziellen Zahlen über die Inflation decken nur den Teil der Ausgaben ab, die für den täglichen Gebrauch erforderlich sind - und das auch nur unzureichend. Ich denke wegen der technischen Erneuerung sind hier etwa 0,5 bis 1,0% hinzuzurechnen.
Wenn man die Vermögenskomponente anschaut, stellt man fest das Euro-Anlagen etwa eine Wertsteigerung von 0 % haben, während alle anderen Anlagen in den letzten 10 Jahren etwa eine Wertsteigerung von ca. 5% p.a. hatten. Es findet also eine massive Enteignung der Leute statt die Vermögen in Euro haben (Sparverträge, Festgeld, Lebensversicherung). Für mich ist das der Hammer - viel bedenklicher ist aber, das der größte Teil unserer Bevölkerung das noch nicht einmal merkt. Um das zu verstehen muss man sich die Themen anschauen, die in unseren Medien thematisiert werden. Wir werden - mit Erfolg - massiv verdummt.


W. Reinhard

05.09.2019

Einem Laien fallen eigentlich nur Fragen ein:
Zyklen gibt es immer, sollte man sie nicht einfach akzeptieren?
In Japan hat es nicht funktioniert, sollte es in der EU funktionieren?
Wie hoch sind die Schäden, die die EZB bei Rentenversicherungen anrichtet?
Wie sieht das Geschäftsmodell einer Privatbank bei Negativzinsen aus?
Wenn Negativzinsen für Private verboten werden, dann nennt man sie eben Gebühren!


Thomas

05.09.2019

Es gibt Teilbereiche der Inflation die weit über 2 % liegen ( August Durchschnitt D 1,4 % , Lebensmittel schon 2,7 %, die braucht jeder von der Entwicklung der MIeten gar nicht zu sprechen), ein weiteres Feuerwerk noch niedriger Zinsen wird nicht helfen und wenn die Wirtschaft besser läuft, erhöht die EZB die Zinsen ja auch nicht sondern wartet bis zur nächsten Krise und dann gehen Sie immer weiter runter ... und es wird nicht dauerhaft besser.
Die Kommentare sind mir irgendwie zu unkritisch bezogen auf die EZB Politik. Es ist ja m. E. auch so, dass große Bevölerungsteile keine Vorteile durch niedrige Zinsen haben.
Da würden Direktgeldzahlungen (Helikoptergeld) an die europäische Bevölkerung (z.B. ab 18 Jahren) , z.B. als Konjunktureuro vielleicht wirklich etwas bringen , aber auch hier müsste dann eine recht hohe Summe kommen... und wahrscheinlich wiederholt werden ..


PJ

05.09.2019

Also ich weiss nicht..., wenn ich so ungewiss in die Zukunft schaue und meine Zinserträge ständig im Keller sich befinden, gebe ich sicher nicht mehr Geld aus. Also wie soll sich da eine höhere Nachfrage ergeben die eine Preiserhöhung bei Gütern (Inflation )bedingt, denn stattfinden ?


Jobst Kilian

05.09.2019

Draghi hinterläßt einen zerstörten Markt bei Staatsanleihen, finanziert die Schulden der EU - und Sie meinen, das noch loben zu müssen!
Lächerlich. Pennen Sie weiter, und fröhliches Aufwachen in 2020-22.


Peter

05.09.2019

Alles in allem geht es letztendlich nur darum unser Erspartes zu entwerten!