Heißer Herbst

Die Unsicherheit der aktuellen Lage | 03.09.2020

Kolumne von Carsten Brzeski

© ING-DiBa AG

Vielleicht waren es die Temperaturen oder einfach nur die Sehnsucht nach weniger Aufregung, aber die Finanzmärkte plätscherten in den Sommerwochen nur vor sich hin. Wenig Richtung suchend und auch wenig Richtung gebend. Das sollte sich in den kommenden Wochen ziemlich schnell ändern, denn Märkten und Wirtschaft steht ein heißer Herbst bevor.

Unter dem Eindruck der Bilder von Demonstranten, die den Reichstag stürmen wollen, kann der Herbst auch politisch heiß werden. Denn die Themen, die Finanzmärkte und Wirtschaft bewegen werden, sind auch politisch. Wie werden und müssen Regierungen auf eine zweite Welle des Virus reagieren? Oder selbst wenn es irgendwann einen Impfstoff gibt, wie wird dieser verteilt und mit welcher Geschwindigkeit? Die Abwägungen zwischen Menschenleben, Volksgesundheit und wirtschaftlichen Interessen werden nicht einfacher. Dass dazu auch noch politische Abwägungen kommen könnten, dass man z.B. nicht in ein Wahljahr gehen möchte mit höherer Mehrwertsteuer, steigender Arbeitslosigkeit und Insolvenzen, bringt noch eine zusätzliche Dimension ins Spiel. 

Die Tatsache, dass in den Protokollen der letzten EZB Sitzung das Wort “Unsicherheit” mehr als 20 Mal auftauchte, ist eigentlich die beste Beschreibung der aktuellen Situation. Daher überrascht auch der scheinbar unerschütterliche Optimismus an den Finanzmärkten. Der heiße Herbst könnte diesen Optimismus durchaus aus der Ruhe bringen. Denn die kommenden Wochen werden zeigen, welche Form der Aufschwung nach der ersten v-förmigen Wiederbelebung haben wird. Die letzten Konjunkturindikatoren zeigen, dass sich die Dynamik wieder abgeschwächt hat. Ferien im eigenen Land, unterschiedlich hohe Regierungsprogramme und verschiedene Dauern von Kurzarbeitsprogrammen werden die Konjunkturunterschiede zwischen den Ländern wohl vergrößern. Eine Fortsetzung des ‘V’s ist allerdings in keinem einzigen Land zu erwarten. Hinzu kommt, dass im Herbst wohl die ersten strukturellen Folgen der Krise sichtbar werden sollten.

Konjunkturenttäuschungen, politische Spannungen und zunehmende Unsicherheit können eigentlich nur auch zwei Arten kaschiert werden: noch lockerere Geldpolitik und noch mehr fiskalpolitischer Wumms. Funktionieren wird das nur, wenn es schnell einen Impfstoff gibt. Falls nicht, nimmt das Risiko zu, dass konjunkturpolitisch richtige Maßnahmen, strukturpolitisch falsch werden könnten. Dass Notenbanken und Regierungen geneigt sind, alles zu unternehmen, um die Konjunktur zu unterstützen, zeigte sich in den letzten Tagen z.B. in der Ankündigung der Fed, sich in der Zukunft auf einen Inflationsdurchschnitt zu richten, und der Entscheidung der Bundesregierung, die Kurzarbeit bis 2022 zu verlängern.

Was macht man jetzt mit all diesen, teilweise sehr gegenläufigen, Entwicklungen? Man schließt sich der EZB an und hat ein Wort ganz oben im beruflichen Wortschatz stehen: Unsicherheit.

Autor: Carsten Brzeski


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