Von Glaskugeln und Buchstabensuppen

Warum die Glaskugeln dieses Jahr im Keller bleiben können. | 05.12.2019

Kolumne von Carsten Brzeski

© ING-DiBa AG

Es ist wieder diese Zeit des Jahres. Wenn die Adventsmärkte öffnen, Plätzchen gebacken werden und Glühwein getrunken wird, entstauben Volkswirte ihre Glaskugeln und versuchen sich als konjunkturelle Wahrsager. Die Treffsicherheit der Prognosen ist dabei häufig nicht besser als die vom Bleigießen. Dieses Jahr kann man die Glaskugeln eigentlich im Keller lassen. Es geht um etwas ganz anderes.

Warum? Für den kurzfristigen Konjunkturausblick braucht man eigentlich nur die Prophezeiungen vom letzten Jahr wieder auszugraben. Der Handelskonflikt und Brexit werden auch (in den ersten Monaten des Jahres) 2020 die alles bestimmenden Themen sein. Wie sie ausgehen? Eine Münze werfen geht schneller als der Blick in die volkswirtschaftliche Glaskugel und bringt das gleiche Resultat. Hinzu kommen weitere politische Themen wie die amerikanischen Präsidentschaftswahlen, Spannungen in unserer eigenen großen Koalition und auch Italien könnte schneller wieder auf den Schirm der Finanzmärkte kommen als es verschwunden war.

Unter all diesen politischen Themen bewegt sich eine weiterhin fragile Weltwirtschaft, die je nach Ausgang der politischen Ereignisse etwas an Schwung gewinnen, aber halt auch verlieren kann. Der große Befreiungsschlag wird dabei wohl genauso wenig kommen wie die tiefe Rezession. Die Notenbanken werden weiterhin alles tun, um ein Sicherheitsnetz unter der Konjunktur aufzuspannen und Regierungen werden ganz langsam etwas mehr Geld ausgeben. Daher kann man aktuell von noch ein bis zwei Zinssenkungen in den USA ausgehen und einer EZB, die die eigenen Wunden leckt und erst mal gar nichts macht, vor einer weiteren Zinssenkung aber nicht zurückschrecken würde.

Mit einer mehr oder weniger stagnierenden wirtschaftlichen Entwicklung wird das Jahr 2020 für die Eurozone und Deutschland wohl das Jahr der Buchstabensuppe. Welchen Buchstaben werden wir bekommen? Der V-förmige Aufschwung wird es wohl definitiv nicht. Hoch im Kurs stehen eher das “L” – bei den Anhängern der Japanifizierungsthese – oder das “J” bei den Zweckoptimisten.

Glaskugeln hin, Buchstabensuppe her, interessanter als der Blick auf 2020 ist eigentlich der Blick auf das neue Jahrzehnt. Nach einem goldenen Jahrzehnt für die deutsche Wirtschaft mit Rekordbeschäftigung und Haushaltsüberschüssen, könnten im kommenden Jahrzehnt strukturelle Themen und Veränderungen Wirtschaft und Finanzmärkte dominieren. Einige Themen zeichnen sich jetzt schon ab. Man sollte sie aber im Großen-Ganzen sehen und nicht mit der kurzfristigen Aufgeregtheit der Finanzmärkte.

Der Streit um die Weltmacht zwischen den USA und China wird weitergehen. Er wird sich ausdehnen in andere Bereiche als den reinen Handel. High Tech Giganten teilen sich jetzt schon die Welt untereinander auf und diese Giganten kommen nicht aus Deutschland. Die Frage wird sein, welche Rolle Europa in diesem Streit noch spielen will und kann. Im Jahr 2030 werden 80% des weltweiten Mittelstands nicht mehr in den USA oder der EU leben. Digitalisierung wird das bestimmende Thema sein. Die Disruption in wichtigen Branchen wie der Automobilindustrie oder der Finanzindustrie wird fortschreiten. Der demographische Wandel trifft fast die gesamte westliche Welt und mit ihm kommt der Verteilungskampf bzw die Umverteilung. Nicht zu vergessen ist der Kampf gegen den Klimawandel, der im kommenden Jahrzehnt an Fahrt gewinnen wird und muss. All diese Herausforderungen werden meiner Meinung nach dazu führen, dass das kommende Jahrzehnt das Jahrzehnt der Fiskalpolitik und steigender Staatsverschuldung wird. Wahrscheinlich durch eine Kombination von Investitionen und Umverteilung.

Wer denkt, dass es zu so viel Umwälzungen in den kommenden zehn Jahren schon nicht kommen wird, der sollte sich nur kurz in das Jahr 2009 zurückdenken. Begriffe wie QE, SSM, EFSF, ESM, SMP, SRB, Eurokrise, Bail-out und Bail-in standen damals in keiner Glaskugel.

Autor: Carsten Brzeski


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