Christines erste Reifeprüfung

Das Coronavirus ist die erste große Reifeprüfung für EZB-Präsidentin Christine Lagarde | 05.03.2020

Kolumne von Carsten Brzeski

© ING-DiBa AG

Bei vielen war der Jubel groß nach der Ankündigung, dass Christine Lagarde Nachfolgerin von Mario Draghi an der Spitze der EZB werden sollte. Eine großartige Kommunikatorin, die sowohl die Sprache der „normalen“ Menschen als auch die der Europäischen Regierungschefs spricht, so die häufig gehörten Kommentare. Für diese Kommentatoren war Mario Draghi zu technisch und zu akademisch. Eins konnte Mario Draghi allerdings wie kein anderer: die Finanzmärkte lesen, einschätzen und steuern. Nächste Woche wird Christine Lagarde beweisen müssen, dass die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt waren.

Covid-19 oder einfach gesagt “Corona” hält die Welt, die Finanzmärkte und die Konjunktur weiter in Atem. Die wirtschaftlichen Folgen sind immer noch nicht zu quantifizieren. Es gibt zu viele offene Fragen. Dadurch, dass sich das Virus immer noch weiter über die Welt verbreitet, werden auch die wirtschaftlichen Folgen in einer globalisierten und stark verlinkten Welt immer grösser. Mittlerweile sieht sich die Konjunktur mit einer Kombination aus Nachfrage- und Angebotsmangeln konfrontiert. Nachfrage, die wegfällt, weil vor allem die chinesische Wirtschaft, und damit 20 % der Weltwirtschaft, in den Seilen hängt. Aber auch ein Angebotsschock, da nicht nur chinesische Zulieferer zeitlich wegfallen, sondern auch in den westlichen Ländern aus Vorsicht auch gesunde Menschen Reisen absagen werden, weniger einkaufen oder nicht zur Arbeit gehen.

Wirtschafts- und Finanzexperten hoffen gerade fast genauso aussichtslos, dass es eine einheitliche Meinung und Analyse von Virologen gibt, wie Virologen in normalen Zeiten wahrscheinlichen hoffen, dass es eine einheitliche Analyse von Wirtschaftsexperten gibt. Natürlich gibt es offizielle Zahlen. Da ein Träger des Virus aber symptomfrei sein kann, werden wir die Dunkelziffern wohl nie kennen. Eine Frage für die Wirtschaft wird wohl sein, ob die Behörden bei weiterer (nicht unwahrscheinlicher) Verbreitung irgendwann dazu übergehen, Quarantäne-Situationen aufzugeben und die “Welle” einfach rollen zu lassen. Diese Unsicherheit erklärt die Panik an den Finanzmärkten.

Wie in der Finanzkrise von 2008 nehmen die Rufe nach koordinierten Aktionen von Notenbanken und Regierungen wieder zu. Nur so kann der Fall an den Börsen gestoppt werden. Dabei wird aber vergessen, dass die Finanzkrise ihre Wurzeln im Finanzsektor hatte. Die aktuelle Krise definitiv nicht. Weitere Zinssenkungen oder Konjunkturprogramms sind bestenfalls vertrauensbildende Maßnahmen für die Finanzmärkte, heilen aber nicht infizierte Patienten und stoppen eine weitere Verbreitung des Virus.

Für Christine Lagarde wird das Coronavirus und die Panik an den Finanzmärkten die erste große Reifeprüfung. Die Instrumente der EZB sind eigentlich mehr oder weniger ausgereizt. Zweifel über den Mehrwert der letzten Entscheidungen im September sind immer noch nicht verschwunden. Immer mehr EZB-Notenbanker haben in den letzten Wochen auch auf die negativen Folgen der ultra-lockeren Geldpolitik hingewiesen. Vor diesem Hintergrund, Turbulenzen an den Börsen und einer möglichen Rezession in der Eurozone sind Lagardes Qualitäten als Krisenmanagerin gefragt. Eigentlich kann und will die EZB nichts machen, während die Erwartungen der Märkte auf schnelle Notenbank-Aktionen mit dem Tag steigen. Ihr Vorgänger Mario Draghi hat es in den letzten Jahren immer wieder geschafft, die Finanzmärkte mit Worten zu beruhigen. Bisher fiel Lagarde nicht großartig auf als Zauberin der Geldpolitik oder Dompteurin der Finanzmärkte. Es wäre gut, wenn sie noch schnell ein paar Tipps bei Super Mario einholt.

Autor: Carsten Brzeski


Ihre Meinung

Kommentare (9)


Kommentare

Moni

09.04.2020

Ich stimme "Bernd"zu und erwarte hier bei ING korrekte deutsche Rechtschreibung!


Thomas

15.03.2020

Zinssenkungen und Kredite helfen jetzt überhaupt nicht !!!
Bei Geschäftsschließungen durch Quarantänemaßnahmen und Produktionsausfall durch unterbrochene Lieferketten. Der Verdienstausfall muss kompensiert werden. Am einfachsten wäre dann doch gedrucktes Geld der Notenbank(en) EZB an bestimmte Personenkreise oder gleich an alle (mindestens volljährigen) Bürger ?


Thomas

09.03.2020

Tja,
m. E. letztes Instrument der EZB ist Helikoptergeld für alle (nicht zu wenig) ,
da der Normalbürger von den Minuszinsen nicht wirklich profitiert, und Dinge die man z.B. als Ersatz benötigt, wenn etwas nicht mehr funktioniert kauft man (ich) wenn es benötigt wird und nicht wenn die Zinsen billig (aber dafür manche Dinge wie Immobilien auch teuer sind). Darüberhinaus gehen die Banken an den Minuszinsen zugrunde , auch die ING . Bankaktien überdurchschnittlich verloren im schwachen Gesamtmarkt. Mal sehen ob die EZB Durchblick hat .


Rosenau

06.03.2020

Eine Zinssenkung der EZB wäre das falsche Signal. Sie wird wirkungslos verpuffen. Wichtig ist vor allem, die Banken liquide zu halten und ggf. mit Notmaßnahmen zu unterstützen. Eine besonne europäische Geldpolitik, die sich nicht von Marktschwankungen treiben lässt, wäre sicherlich die beste Antwort sein.


Bernd

06.03.2020

Ich mag die Anglizismen nicht, auch nicht bei der ING:
Den Genitiv mit Apostroph-s kennt die deutsche Grammatik nur in Ausnahmefällen. Siehe Überschrift.


E.Eck

06.03.2020

Verstehe die Zinssenkungen nicht mehr. es ist sowiso nur Giralgeld die man nur auf dem Papier schreibt. Außerdem kann man die Minuszinsen nicht mehr mit mehr Minus Doppen. Oder sehe ich da was falsch?


R. Dorfner

06.03.2020

Es wäre eher schlecht noch ein paar Tipps bei Mario Draghi einzuholen. Dem fiele bestimmt nichts besseres ein, als die Zinsen weiter zu senken.


ING

06.03.2020

Hallo Frau Schmitt, danke für Ihr Feedback - wir passen es an. Viele Grüße, Ihr Social Media Team


Christiane Schmitt

06.03.2020

Sehr geehrter Herr Brzeski,
in die Überschrift gehört bei Christines kein Apostroph.
Das ist der 2. Fall, es hieße auch Carstens Fehler oder Carsten Brzeskis Fehler. Fehler kann jeder machen, aber das in der Überschrift in einer Informationsschrift, die Tausende von Diba-Kunden erreichen, zeigt, dass man keinen besonderen Wert auf Korrekturen und korrekte Schreibweise legt.
Mit freundlichen Grüßen C. Schmitt