Die Augen weit geschlossen

Was die deutsche Konjunktur von der Bundesliga lernen sollte | 08.08.2019

Kolumne von Carsten Brzeski

© ING-DiBa AG

Beim Fußball gibt es eigentlich jedes Jahr mindestens ein Team, dass mit hohen Erwartungen in die neue Saison geht, im Laufe des Jahres aber an das Tabellenende durchgereicht wird. Dabei wird die sportliche Krise häufig zu lange abgestritten, schlechte Ergebnisse schöngeredet oder zu lange am Altbewährten festgehalten; bis es dann zu spät ist und der Negativtrend nicht mehr gedreht werden kann. Die Liste der unerwarteten Absteiger am Ende einer Bundesligasaison, die mit offenen Augen aber Ignoranz ihrem sportlichen Schicksal entgegen glitten, ist lang. Man kann es auch das Symptom der weit geschlossenen Augen nennen. Die deutsche Wirtschaft läuft gerade Gefahr, Opfer genau dieses gleichen Symptoms zu werden.

Die aktuellen konjunkturellen Widersprüche in Europa waren am Tag des letzten EZB-Treffens zu bestaunen. Während EZB-Präsident Mario Draghi die Finanzmärkte auf ein neues geldpolitisches Feuerwerk im September vorbereitete, gab zeitgleich Bundesfinanzminister Olaf Scholz dem Nachrichtensender Bloomberg ein Interview, in dem er weder eine wirtschaftliche Krise noch die Notwendigkeit für Konjunkturpakete sah. Schiebt Mario Draghi nur Panik oder sieht er etwas, was Olaf Scholz nicht sieht?

Lange sah es so aus, als ob die inländische Konjunktur stark genug ist, um die deutsche Wirtschaft vor Handelskriegen und Problemen in der Industrie zu schützen bzw die negativen Folgen einigermaßen aufzufangen. Diese Sichtweise wird zunehmend problematisch. Der Abschwung in der Industrie nimmt kein Ende und aus einmaligen Faktoren wie neuen Abgasnormen oder Niedrigwasser scheint sich eine strukturelle Schwäche zu entwickeln. Hinzu kommt, dass sich der Arbeitsmarkt abkühlt, Unternehmen mit Gewinnwarnungen kommen, Kurzarbeit wieder eingeführt wird und der Konsum schwächelt. Ja, es sind nur erste Zeichen und absolut betrachtet liegt z.B. die Kurzarbeit meilenweit unter dem Niveau der 2009 Rezession. Es wäre allerdings fatal, die aktuellen Warnsignale zu unterschätzen.

Natürlich kann es immer noch ein Happy End geben, wenn sich die Handelskonflikte entspannen und deutsche Unternehmen trotz globaler Unsicherheiten die extrem günstigen Finanzierungsbedingen nutzen und investieren. Das Prinzip Hoffnung reicht aber nicht. Bei den aktuellen Zinsständen könnte der deutsche Staat in den kommenden Jahren Haushaltsdefizite von rund 1.5% BIP fahren und die Schuldenquote würde sich immer noch bei 60% BIP stabilisieren.

Anders als zum Beginn der großen Rezession 2008/2009 hilft aktuell allerdings kein typisch Keynesianisches Konjunkturpaket. Damals waren staatliche Maßnahmen wie Bankenrettungen, Abwrackprämie und Kurzarbeit erfolgreich, weil sich vor der Finanzkrise in Deutschland keine gravierenden strukturellen Probleme angehäuft hatten. Die Wirtschaft benötigte nur eine Anschubhilfe, um die Negativspirale zu unterbrechen. Das wird dieses Mal nicht reichen. Ein kurzfristig orientiertes Konjunkturprogramm würde schnell verpuffen. Besser und hilfreicher wäre ein Investitionsprogramm, das auf eine langfristige Stärkung und Veränderung der deutschen Wirtschaft abzielt. Die Schlagwörter sind bekannt: Digitalisierung, Klimaschutz, Energiewende, Infrastruktur und Bildung.

Also, investieren und zwar richtig. Mario Draghi würde sich ganz nebenbei auch freuen, da er dann nicht mehr der einzige Feuerwehrmann der Eurozone wäre. Die deutsche Wirtschaft braucht nun wirklich nicht eine Saison in der zweiten Liga, um sich mal grundlegend zu erneuern. Vorsorge ist definitiv besser als Nachsorge. Olaf Scholz muss sich nur mal mit den Fußballfreunden in Hamburg und Stuttgart unterhalten.

Autor: Carsten Brzeski


Ihre Meinung

Kommentare (6)


Kommentare

Hans Kampfer

06.09.2019

Am 05.09.19 hat die Bundesvorsitzende der CDU AKK in der Talkshow Maybrit Illner das Ziel konservativer Politik für 2020 definiert. Die Ziele:
Infrastrukturmassnahmen
Digitalisierung
Energiewende
Klimaschutz
Bildung
Wenn jetzt noch billiges Geld in die Hand genommen wird, hat AKK verstanden,
oder Ihren Artikel gelesen.


Mirko

11.08.2019

Hans Müller, danke, ich dachte schon das alle deutschen schlafen. Aber es gibt noch einige wenige die noch wach sind. Unsere Politiker sind die größten kriminellen die es gibt in Deutschland, nach den arabischen Clans.


Hans Müller

09.08.2019

Wenn man das Geld nur verjubelt und sich dann wundert, wenn die Geldbörse leer ist, dann noch mit ungedeckten Schuldscheinen angibt (= Target 2) und letztlich sich noch als Krösus darstellt, darf man nur "Gute Nacht Deutschland" sagen und schlaft bitte weiter - das Erwachen wird sehr interessant werden!!


Claus Glashagen

09.08.2019

Sehr gut der Vergleich der beiden Fußballvereine Stuttgart und der HSV in meiner Stadt. Fin.Min. Scholz tut nichts und schweigt ?
Kann sein, ist mir aber lieber als tolle Sprüche. Immerhin hat Fr. Merkel die letzte Bundestagswahl mit dem Slogan "Weiter so" gut gewonnen.
Die bürgerl. Wähler sind beständig und Änderungen abhold.
Glas.


P. Roth

09.08.2019

Hallo Carsten,
Danke für Ihren klaren, verständlichen und mahnenden Ausblick.
Wir brauchen wie in der täglichen Praxis mehr "Feuerwehrmänner"
und weniger Brandstifter oder gar Ignoranten...
Gruß


Bernd Koltermann

09.08.2019

Sehr gut der Vergleich mit dem Fußball ! Nicht nur Deutschland sondern in fast allen Regionen der Welt stehen die Zeichen auf Rezession. Und eine Rezession wird leider auch dringend benötigt um eine reinigende Wirkung zu entfalten. Die Märkte ewig nur mit billigen Geld zu stabilisieren wird nicht dauerhaft funktionieren. Die Politik ruht sich weltweit durch die Geldschwemme der Zentralbanken aus. In Deutschland ist das leider besonders schlimm um nicht zu sagen eine Katastrophe.