Totgesagte leben länger

"Totgesagte leben länger. So kann man wohl den Zustand der europäischen Wirtschaft am besten beschreiben", meint Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING. | 09.05.2019

Kolumne von Carsten Brzeski

© ING-DiBa AG

Totgesagte leben länger. So kann man wohl den Zustand der europäischen Wirtschaft am besten beschreiben. Vor kurzem wieder mal abgeschrieben als Wachstumswüste der Weltwirtschaft, überraschte die europäische Konjunktur mit recht guten Wachstumsdaten im ersten Quartal. Wenn mein Eindruck stimmt, könnten die deutschen Daten nächste Woche sogar noch besser sein. Rezession ist jedenfalls erst mal wieder abgesagt. Ruhe wird es aber wohl trotzdem nicht geben. Die Finanzmärkte werden mit Argusaugen die bevorstehenden Europawahlen begutachten.

Wieder mal Schicksalswahlen. Wie oft hat man diesen Begriff nicht in den letzten Jahren gehört. Nahezu inflationär. Regionalwahlen in Spanien waren Schicksalswahlen für Europa, genauso wie Landtagswahlen in Deutschland oder nationale Wahlen in eigentlich jedem europäischen Land. Die Europawahlen waren da eigentlich fast schon eine Ausnahme. Nur wenige Bürger oder Finanzmarktteilnehmer interessierten sich dafür. Das wird dieses Jahr anders sein.

Auch wenn die Wählerbeteiligung wohl weiterhin nicht an die von nationalen Wahlen herankommen wird, so haben Politiker, Märkte und Medien die Europawahlen Ende des Monats erfolgreich zum nächsten Make-it-or-break-it Ereignis hochstilisiert. Ich will nicht falsch verstanden werden. Die Europawahlen sind extrem wichtig. Viele verstehen immer noch nicht, wie einflussreich Europa und damit auch das Europäische Parlament auf unser tägliches Leben sind. Aber egal wie die Wahlen ausgehen werden: Europa fällt auch Ende Mai nicht auseinander.

Die Finanzmärkte werden sich wohl ausschließend auf die Ergebnisse der EU-skeptischen Parteien richten. Jeder Anstieg wird als problematisch gesehen. Der verschobene Brexit macht die Interpretation der Ergebnisse leider problematischer, da die Teilnahme Großbritanniens an den Wahlen erst einmal die EU-skeptischen Kräfte stärken wird. Darüber hinaus darf man allerdings nicht vergessen, dass es wohl eher Verschiebungen innerhalb der EU-Skeptiker geben wird als einen starken absoluten Anstieg. Die meisten Parteien feierten ihre ersten Erfolge nämlich genau bei den letzten Europawahlen, bevor nationale Erfolge gebucht wurden. Hinzu kommt, dass EU-skeptische Parteien bisher nur sehr selten im Parlament zusammenarbeiten konnten. Es gibt aktuell drei Gruppen und viele ungruppierte EU-skeptische Parlamentarier, die häufig untereinander zerstritten sind. Es bleibt einfach schwierig, um Nationalisten auf einen gemeinsamen europäischen Nenner zu bringen.

Was bleibt, ist ein Europäisches Parlament, in dem die pro-europäischen oder Europe-konstruktiven Kräfte in der Mehrheit bleiben werden. Wie in vielen nationalen Parlamenten werden allerdings zwei Parteien nicht mehr ausreichen, um eine absolute Mehrheit zu formen. Konservative, Sozialdemokraten, Grüne und Liberale werden mehr zusammenarbeiten müssen. Das muss nicht schlecht sein, sondern macht die Politik vielseitiger und stimuliert die Debatte. Genau das, was Europa braucht.

Jegliche mögliche Aufregung an den Finanzmärkten aufgrund der Europawahlen sollte sich also auch legen. Wenn dann noch der Welthandel wieder anzieht, die Investitionen steigen und die Konjunktur weiterhin positiv überrascht, könnten Euro(pa)-Pessimisten dieses Jahr noch einige Male eines besseren belehrt werden. Das heißt jedoch nicht, dass alles gut ist. Im Gegenteil, Europa und die Eurozone haben genügend Probleme, die das Leben von Europa-Optimisten weiterhin schwer machen. Angst braucht man jedoch nicht zu haben. Europa bleibt nun mal der Kontinent, auf dem Durchwurschteln zur hohen Kunst geworden ist. Oder anders gesagt: ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

Autor: Carsten Brzeski


Ihre Meinung

Kommentare (5)


Kommentare

ING

13.05.2019

Hallo Hehlke, dazu können wir Ihnen leider keine Einschätzung geben. Viele Grüße, Ihr Social Media Team


Hehlke

12.05.2019

Wo sehen sie ( ING ) dieses Jahr die Bandbreite für den DAX?


Hans- Jürgen Werndt

11.05.2019

...vielen Dank für einen sachlichen Beitrag. Dieser hebt sich wohltuend von der Hysterie ab, die allerseits in der Berichterstattung und Kommentierung Einzug gehalten hat.


Manfred Gilles

10.05.2019

Und was soll ich jetzt mit diesem Kommentar , der aus meiner Sicht vieles richtig bescheibt,anfangen ? Aktien kaufen ( welche ?) oder verkaufen (alle)?
Z.B. Gold oder Palladium kaufen oder verkaufen ? Immobilien kaufen oder verkaufen ?


Johann-Friedrich Pella

10.05.2019

Selbst renomierte Wirtschaftsblätter bieten jeden Tag mindestens 2 Kommentare; der eine sieht die Wirtschaft schon untergehen, der andere lobt die Aktien (DAX; MDAX) und die Börse bis zum abwinken.
Vielen Dank für Ihren ruhigen und sachlichen Gedankengang.
Wenn wir Hellseher wären, hätten wir sicherlich einen anderen Beruf.
Ein schönes Wochenende
wünscht H. Pella