Vor oder hinter der Kurve?

„Die Notenbanken sehen mittlerweile auch nicht mehr als der Rest.“, meint Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING. | 07.02.2019

© ING-DiBa AG

Experten reden bei der Analyse der Zentralbankpolitik immer gerne von „vor oder hinter der Kurve“ sein. Sie meinen damit die Frage, ob die Geldpolitik vorausschauend ist oder einfach nur den Tatsachen hinterherhinkt. Während viele Notenbanken in der Vergangenheit immer wieder der Zeit voraus waren, sei es nun durch tatkräftiges Auftreten oder tiefenentspanntes Nichtstun, so gab es in jüngster Zeit immer wieder Beispiele von Notenbanken, die der Musik eher hinterher liefen. Vor oder hinter der Kurve? Diese Frage hat aktuell wieder höchste Relevanz.

Wie groß war die Furcht noch vor ein paar Wochen vor übertriebenen und aggressiven weiteren Zinserhöhungen der US-amerikanischen Notenbank (Fed). Die Börsen reagierten mit Kursverlusten und Präsident Trump kritisierte Notenbankchef Jerome Powell öffentlich. Ob es nun an Trump liegt, den Börsen oder neuen Einsichten, bleibt reine Spekulation, aber ein Ding ist deutlich: die Fed scheint Angst vor der eigenen Courage bekommen zu haben und hat eine Wende von der Zinswende eingeleitet.

Mit ihrer Wende von der Wende ist die Fed nicht allein. Auch die EZB scheint angesichts der drohenden Konjunkturabkühlung immer mehr Angst vor einer weiteren Normalisierung der Geldpolitik in der Eurozone zu bekommen. Die Finanzmärkte haben ihr Urteil schon lange gefällt: die erste Leitzinserhöhung der EZB wird mittlerweile nicht vor der zweiten Jahreshälfte 2020 erwartet. Was nichts anderes heißt, als dass die Finanzmärkte auf absehbare Zeit eigentlich gar keine Zinserhöhung sehen.

„Schuld“ an dieser geldpolitischen Zeitenwende der etwas anderen Art ist die nicht enden wollende Kette von sogenannten Risikofaktoren. Ob nun der Government Shutdown in den USA, der Handelskonflikt zwischen den USA und China, die Abkühlung der chinesischen Konjunktur, Brexit oder bei uns der Automobilsektor. Überall gibt es sie, die Risikofaktoren. Und immer wieder stellt sich die Frage, ob diese Faktoren nun nur Risiko oder schon Tatsache sind, ob sie nur zeitlich oder schon strukturell sind. Experten und Analysten können sich über diese Fragen herzlichst streiten und unterschiedlichster Meinung sein, Notenbanken aber müssen Entscheidungen treffen. Und was macht man, wenn man sich nicht ganz sicher ist? Erst mal gar nichts. Angesichts der großen wirtschaftlichen Unsicherheit das einzig Richtige. Kurz durchschnaufen und abwarten. In der Hoffnung, dass bis zum Sommer deutlicher geworden ist, wo die wirtschaftliche Reise hingeht.

Alle Unsicherheitsfaktoren werden bis zum Sommer nicht unbedingt verschwunden sein. Zu häufig haben wir gesehen, dass Themen wie der Handelskonflikt oder aber auch Brexit immer wieder in unerwartete Verlängerungen gehen können. Trotzdem sollte ab dem Sommer deutlich werden, ob z.B. die US-Wirtschaft weiter auf Wachstumskurs bleibt, die neuen Konjunkturprogramme in China Wirkung zeigen, die deutsche Automobilindustrie wenigstens ihre Zulassungsprobleme in den Griff bekommen hat und wo es beim Brexit hingeht. Sollten die meisten Risikofaktoren glimpflich abgelaufen sein, wird die Fed noch ein paar Zinserhöhungen durchführen und kann auch die EZB die geldpolitische Normalisierung starten. Falls nicht, kann man sich eher auf sinkende, anstelle von steigenden Zinsen einstellen.

Vor Jahrzehnten hatten Notenbanken noch einen ungemeinen Informationsvorsprung auf Finanzmärkte oder Experten. Es war einfach, „vor der Kurve“ zu sein. Finanzkrise, Internet und erhöhte Datentransparenz haben diesen Vorsprung zunichte gemacht. Die Notenbanken sehen mittlerweile auch nicht mehr als der Rest. Das Risiko, um „vor der Kurve“ zu bleiben, ist in den aktuellen Zeiten immens. Die Streuung möglicher Zukunftsszenarien ist so groß, dass ein Danebenliegen mit hohen Kosten kommt. Denn wenn man daneben liegt, liegt man richtig daneben. Daher gibt es für Notenbanker momentan nur eine Lösung: die Kurve vergessen und einfach nur auf Sicht fahren.

Autor: Carsten Brzeski


Ihre Meinung

Kommentare (3)


Kommentare

Kai Tittel

09.02.2019

Offensichtlich scheinen sich die Ökonomien international eher abzuschwächen angesichts der hohen Unsicherheiten, die insbesondere den nationalistische Bestrebungen wie in den USA oder auch in einigen europäischen Ländern geschuldet sind. Bisher hat die Politik der EZB so gut wie nichts gebracht, die Inflation ist nach wie vor, wie schon seit Jahren, unter dem EZB-Ziel von 2 Prozent p.a.
Volkswirtschaftlich galt: Wenn die Zinsen sinken wird die Wirtschaft angekurbelt weil Geld respektive Kredite billig sind und die Unternehmen investieren. Geht es konjunkturell gut, lassen sich auch leichter Preiserhöhungen durchsetzen, was entsprechend zu Inflation führt.
Doch die Realität hat gezeigt, dass das Modell spätestens seit der Finanzkrise 2009 eben nicht mehr funktioniert. Seitdem fallen die Zinsen, mittlerweile muss man sogar Geld bezahlen, wenn man anlegt bzw. muss weniger Kredit zurückzahlen als man aufgenommen hat. Im übrigen hat uns das Japan in den 90-er Jahren schon aufgezeigt, als man dort nach dem Nikkei-Crash die Zinsen ebenfalls ohne die gewünschte Wirkung bis heute auf Null geschleust hat.
Auch nach dem Abschied von Herrn Draghi in diesem Jahr wird der neue Chef der EZB wohl dessen Politik unverdrossen weiter führen und die Zinsen unten lassen anstatt zu realisieren, dass das alles bisher nicht funktioniert hat. Was nur, wenn die Wirtschaft nun wieder schwach wird? Welche Mittel hat die EZB noch, um zu agieren? Noch mehr Geld in die Märkte pumpen, das niemand will oder das nur benutzt wird um bei hochverschuldeten Ländern Nullen von den Kreditsummen streichen zu können?
Vielleicht sollte man tatsächlich einmal einen anderen Weg einschlagen. Meine Erfahrung ist, dass die Kreditnachfrage erst dann steigt, wenn Angst vorherrscht, dass morgen die Zinsen höher sind als heute, also in einer Zinserhöhungsphase. Solange jeder davon ausgeht, dass die Zinsen morgen so niedrig sind wie heute oder gar noch niedriger kann man getrost zuwarten.
Während man angeblich genau davor bei einem Abrutschen in die Deflation Angst hat, negiert man diese psychologische Tatsache offensichtlich hinsichtlich der Ankurbelung der Kreditnachfrage. Aber keine der großen Notenbanken - außer der amerikanischen - traut sich an Zinserhöhungen, weil man Angst vor den Auswirkungen bei den hoch verschuldeten Euro-Ländern hat. Und die, die sparen sind wieder einmal die Dummen, wie so oft.


Hermann Dudda

08.02.2019

Erfrischend klar dargelegt, ohne das übliche Volkswirtsgeschwafel und ohne hochmütige Besserwisserei, der Autor sollte in die Politik gehen, da wird solches Talent, gepaart mit Fachwissen, dringend gebraucht.


Armin Ossadnik

07.02.2019

Sehr guter Artikel, Herr Brzeski, auch für wirtschaftliche Laien gut

nachvollziehbar und verständlich. Danke dafür als jahrzehntelanger
Kunde