Denn sie wissen (nicht), was sie tun

Zentralbanken zwischen Inflation und Aktionismus | 04.07.2019

Kolumne von Carsten Brzeski

© ING-DiBa AG

Als sogenannter Zentralbank-Watcher hat man immer mindestens zwei Aufgaben: Erstens, man muss vorhersagen, was die Notenbank wann und warum tun wird und, zweitens, man muss Kommentare und Meinungen zum Handeln der Notenbank abgeben. In den letzten Jahren war es für mich einfach, beide Aufgaben zu vereinen. Entscheidungen der EZB waren nicht nur nachvollziehbar, sie waren meiner Meinung nach auch zwingend nötig. Ohne Zinssenkungen und Ankaufprogramme hätte die Eurozone wohl nicht den Aufschwung der letzten Jahre genießen können. Aktuell wird es allerdings immer schwieriger, beide Aufgaben als Zentralbank-Watcher unter einen Hut zu bekommen.

Es war wohl das Ereignis an den Finanzmärkten im Monat Juni: die Kehrtwende der Notenbanken. Statt geldpolitischer Normalisierung oder sogar Zinserhöhungen, die Ende letzten Jahres noch in den USA und der Eurozone diskutiert wurden, haben jetzt Fed und EZB eine erneute geldpolitische Lockerung in Aussicht gestellt. Was ist passiert?

In den USA fürchtet man, dass die Handelsstreitigkeiten der letzten Monate langsam auch Spuren in der amerikanischen Konjunktur hinterlassen können. In der Eurozone geht die Angst um, dass die lange Schwächephase der Industrie so langsam auch die Binnenkonjunktur angreift. Anders als in der Vergangenheit probieren beide Zentralbanken präventiv einzugreifen, um Schlimmeres zu verhindern.

Vor allem für die EZB gilt dabei, dass aktuell zwei Faktoren die geldpolitischen Entscheidungen bestimmen: Inflation und Aktionismus. Die EZB unter Mario Draghi nimmt ihr Mandat, Preisstabilität zu erreichen, sehr ernst. Solange die Inflationsprognosen für die kommenden Jahre deutlich unter der 2%-Marke bleiben, heißt es „Feuer frei“. Hinzu kommt, dass es für die EZB unter Draghi eigentlich nichts Schlimmeres gibt als eine Notenbank, die zugeben muss, keine Munition mehr zu haben. Beide Faktoren zusammen bedeuten, dass sich in der Eurozone nicht mehr die Frage stellt, was alles noch schlechter gehen kann, um die EZB zum Handeln zu zwingen, sondern eher, was die EZB noch vom Handeln abhalten kann. Zinssenkungen, ein Neustart des Anleihekaufprogramms bis hin zu Aktienkäufen sollten langfristig nicht mehr komplett ausgeschlossen werden.

Bleibt die klitzekleine Frage, ob mehr Aktionismus der Wirtschaft auch wirklich helfen würde. Und hier hat der EZB-Watcher doch zunehmende Zweifel. In vielen Eurozonen-Ländern wächst die Kreditvergabe für Unternehmen schon mit mehr als 5% pro Jahr. Die Zinsen sind schon extrem niedrig und ob nun ein noch schwächerer Euro in Zeiten von Handelskonflikten wirklich hilft, ist fragwürdig. Anstelle von neuem Aktionismus könnte die EZB auch einfach sagen, dass es nun Zeit für die europäische Politik ist, den Ball aufzunehmen. An einem Strang ziehen für die Zukunft der Währungsunion und geschlossen mehr Investitionen durchziehen, würden der Wirtschaft und den Bürgern deutlich mehr bringen als neuer geldpolitischer Erfindergeist. Zumindest der hier unterzeichnende EZB-Watcher hätte dann weniger Gewissenskonflikte bei der Ausübung seines Jobs.

Autor: Carsten Brzeski


Ihre Meinung

Kommentare (4)


Kommentare

Rothfuß, Erwin

09.07.2019

Die Bürger bekommen keine Zinsen, diese würden dringend für die Altersvorsorge benötigt.
Der zweite Punkt ist, die niedrigen Zinsen sollen den Staaten
in der EU Zeit für die notwendigen Reformen schaffen, doch leider erfolglos. Die EZB schafft zwar den Rahmen, kann aber keinen Druck ausüben.


Stemmler Frank

06.07.2019

Ich sage hierzu nur eins : Der Bürger wird betrogen = Diese Zins Politik heisst auch weiterhin Reiche werden immer Reicher Der kleine Sparer wird immer Ärmer Zins - Inflation Man könnte hier noch weiter ausholen aber das würde hier nicht ausreichen . Aber der Deutsche Michel lässt sich alles gefallen !


Hans Pella

05.07.2019

Es ist schon beruhigend, wenn man weiß, dass der Verfasser weder einem italienschen noch einen französichen Bankhaus angehört.
Wie würden die Briten rufen:
Hört, hört.


Hartmut Leinweber

05.07.2019

Brzeskis Zweifel an der Wirksamkeit der ZB Politik sind berechtigt, aber was bleibt übrig, wenn der Deutsche Michel sich stur stellt. Es fehlt für fiskalpolitisches Agieren nicht an Hinweisen von Draghi, Lagarde uva. Statt die überlebenswichtigen Investition in Klima, Infrastruktur und Digitalisierung zu forcieren betet die GroKo weiter die "Schwarze Null" an. Für o.g. Investitionen winkt hoher Ertrag und dies zum Dire Straits Finanzierungs-Motto "Money for Nothing".