Marktlücke

Es ist Zeit die Nische des positiven Volkswirts zu besetzen | 05.10.2018

© ING-DiBa

Im Markt der Volkswirte gibt es ein Erfolgsrezept: den leicht negativen, immer warnenden Volkswirt. Zuhörer lieben die leicht schaurigen Geschichten und freuen sich so umso mehr, wenn die Wirklichkeit eigentlich viel besser war. Liegt der negative, schwarzmalende Volkswirt dann ein Mal in den zehn oder zwanzig Jahren mit seiner Prognose richtig, erhält er den Guru-Status. Niemand erinnert sich mehr daran, wie häufig er oder sie eigentlich mit den Untergangsprognosen daneben lag. Es überrascht daher nicht, dass sich immer mehr Volkswirte diese Erfolgsstrategie angeeignet haben. Wenn sich der Markt in eine Richtung bewegt, gibt es allerdings immer neue Öffnungen für Nischenspieler. Auch im Markt der Volkswirte. Es ist Zeit die Nische des positiven Volkswirts zu besetzen.

In erster Instanz erscheint es als äußerst naiv, aktuell optimistisch zu sein. Handelskrieg, eine mögliche Abkühlung der US-Wirtschaft, Turbulenzen in Schwellenländern oder Italien. Die Liste der aktuellen Risiken ist lang und könnte jederzeit fast endlos verlängert werden. Trotzdem gibt es etliche Gründe dafür, dass es um die Konjunkturaussichten gar nicht so schlecht bestellt ist.

Die amerikanische Konjunktur boomt. Die Arbeitslosigkeit sinkt weiter, Unternehmen investieren und die Wirtschaft scheint den Anstieg des Leitzinses auch gut zu verkraften. Die Steuererleichterungen sollten im kommenden Jahr etwas an Schwung verlieren. Wenn eine Wirtschaft aber im 11. Jahr des Aufschwungs etwas an Wachstumsdynamik verliert, ist das nun wirklich kein Beinbruch. Beim Handelskrieg muss man gut unterscheiden zwischen Fakten und Fiktion. Fakt ist, dass aktuell nur gut 2,5% des gesamten Welthandels vom Handelskrieg betroffen ist. Viel zu wenig, um die Weltwirtschaft in eine Rezession zu stürzen. Das aktuelle Beispiel NAFTA zeigt auch, dass sich an den Fakten trotz viel Geschrei nicht viel ändert. Die Turbulenzen in den Schwellenländern sind aktuell besser zu verkraften als vor zwanzig Jahren. Das hat vor allem damit zu tun, dass Schwellenländer keine homogene Gruppe mehr sind, sondern ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Länder. Eine Krise in einem Land verursacht daher nicht mehr automatisch einen Flächenbrand. Schwellenländer mit Handelsüberschüssen und Devisenreserven werden weiterhin Wachstumstreiber sein. Zu guter Letzt sollten die Märkte doch verstanden haben, dass Europa bekannt ist für Kompromisse in letzter Minute. Das gilt einerseits für den Brexit, andererseits aber vor allem für Italien. Ein Haushaltsdefizit von 2,4% vom BIP sollte wirklich keine schlaflosen Nächte verursachen. Natürlich tut Italien zu wenig, um den hohen Berg Staatsschulden abzubauen, aber bei der aktuellen Zinslage und politischer Unruhe wird Europa ein Auge zudrücken. Wenn der Haushalt auch noch helfen sollte, etwas mehr Wachstum nach Italien zu bringen, bleibt uns eine erneute Eurokrise im kommenden Jahr auch erspart.

Niedrige Zinsen, ein schwacher Euro sowie anziehende Investitionen und mehr Staatsausgaben sind aktuell starke Argumente für ein anhaltendes solides Wachstum in der Eurozone im nächsten Jahr. Natürlich muss man als Analyst wachsam und nicht naiv sein. Ein wirklich ausufernder Handelskrieg inklusive einer Sanktionswelle, wachsende politische Instabilität, strukturelle Probleme in strategisch wichtigen Sektoren und geopolitische Machtverschiebungen. Das sind alles potentielle Gefahrenherde. Nicht zu Letzt auch für Deutschland. 

Deutschland und die USA befinden sich mittlerweile im zehnten Jahr des Aufschwungs. Natürlich nimmt nach so langer Zeit die Wahrscheinlichkeit auf einen Abschwung zu. Allerdings muss das noch lange nicht nächstes Jahr sein. Es wird Zeit für positive Volkswirte.

Autor: Carsten Brzeski


Ihre Meinung

Kommentare (4)


Kommentare

ING

07.11.2018

Hallo Herr Schönherr, schauen Sie doch gern einfach mal hier: www.ing-diba.de/sparen/tagesgeld/ Viele Grüße, Ihr Social Media Team


Schönherr Volker

06.11.2018

Es gibt angeblich ein Zinsangebot Ihrer Bank. Warum erfährt man das nur extern?


Harold Sternath

06.11.2018

Der Kommentar spricht mir aus der Seele. Auch wenn damit evtl. ein Zweckoptimismus befeuert werden könnte, so lebt doch ein Teil wirtschaftlichen Erfolges durchaus von positivem Denken. Also: Nicht bange machen lassen und auch als Privatfrau-/mann mal in Aktien investieren!! Eine Dividende ist allemal drin!!!


HJ.Salzmann

05.10.2018

An den positiven Volkswirt
Guten Tag Herr Carsten Brzeski

Sie sind in der heutigen medialen Untergangszeit für mich ein Lichtblick für meine Anlage-Finanzen und sogar für mein ganzes Dasein.

Die tägliche Miesmacherei widert mich an. Die Medien wollen Politik, Wirtschaft und mein Leben bestimmen.
Positive Meldungen gibt es nicht, weil nur negative Schlagzeilen Aufmersamkeit erregen und die brauchen die Medien für ihren Erhalt, auf den wiederum die beteiligten Personen für ihr Einkommen angewiesen sind.

Da Sie wissen was ich meine, erspare ich mir Einzelheiten. Nur ein Beispiel, weil Sie Italien erwähnen:
Dieses wunderbare Land mit seinen wunderbaren Menschen kenne ich beruflich und privat sehr gut. Die Italiener sind Lebenskünstler und uns Deutschen in vielem vorraus. Nach der Euro-Einführung wurden wir von den Medien nach kurzer Zeit informiert, dass Italien als erstes Land den EURO schnell wieder verlassen werde.

Auf Ihren nächsten Beitrag in den ING-DiBa-Infos freue ich mich.