Rezession vor der Tür?

Warum eine vorübergehende Wachstumsdelle ganz normal ist | 08.10.2019

Rezession vor der Tür?

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Seit Monaten schon geistert das Rezessionsgespenst durch die deutsche Wirtschaft. Unter dem Eindruck des Handelsstreits zwischen China und den USA sowie der Abschwächung der Weltkonjunktur hat sich auch das Wachstumstempo der deutschen Wirtschaft spürbar verlangsamt. Im zweiten Quartal dieses Jahres fiel die Wirtschaftsleistung des Landes gemessen am Bruttoinlandsprodukt gar um 0,1 % niedriger aus als im ersten Quartal 2019.

Die aktuellen Konjunkturdaten verheißen kaum Besserung. Der vom Münchner Ifo-Institut auf Basis einer Umfrage unter rund 9.000 Managern berechnete Geschäftsklimaindex notierte im August auf dem tiefsten Stand seit sieben Jahren. Sowohl die aktuelle Lage wie auch die weiteren Zukunftsaussichten wurden von den befragten Unternehmensvorständen nochmals schlechter als im Vormonat beurteilt. Auch beim ebenfalls viel beachteten ZEW-Index fielen die Konjunkturerwartungen im August auf den niedrigsten Stand seit fast acht Jahren.

Aktuelle Daten signalisieren Rezessionsgefahr

Laut Ifo-Institut mehren sich in der deutschen Wirtschaft die Anzeichen für eine Rezession, also einer Konjunkturphase, in der das Wirtschaftswachstum negative Wachstumsraten aufweist. Nach der am meisten verbreiteten Definition sind die Kriterien einer Rezession dann erfüllt, wenn die Wirtschaft in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Quartalen jeweils im Vergleich zum entsprechenden Vorquartal eine negative Wachstumsrate aufweist.

Wenngleich Wirtschaft und Börse das „R“-Wort fürchten wie der Teufel das Weihwasser, gehört eine Rezession zu einem normalen Konjunkturzyklus dazu. In den volkswirtschaftlichen Modellen wird der klassische Konjunkturzyklus in die vier Phasen Aufschwung, Boom, Abschwung und Rezession aufgeteilt. Zahlreiche volkswirtschaftliche Daten und Indikatoren, zu denen auch Stimmungsbarometer wie Ifo-Index oder ZEW-Index gehören, signalisieren dabei regelmäßig, in welcher Konjunkturphase sich die Wirtschaft gerade befindet.

Kitchin- und Juglar-Zyklus

Die Länge und Dauer der jeweiligen Phasen können dabei sehr unterschiedlich ausfallen, kein Konjunkturzyklus gleicht exakt dem anderen. Und dennoch gibt es große Gemeinsamkeiten im Ablauf. In den vergangenen Jahrzehnten wurden verschiedene Zyklen beobachtet. Kürzere Zyklen werden dabei von langen Zyklen mit einer Dauer von bis zu 50 oder 60 Jahren überlagert. Der nach dem französischen Statistiker Clément Juglar benannte Juglar-Zyklus mit einer Dauer von sieben bis elf Jahren gilt als klassischer Konjunkturzyklus. Zu den wichtigsten Konjunkturmodellen zählt allerdings auch der Kitchin-Zyklus, der in der Regel nur einen Zeitraum von vier Jahren umfasst. Dabei ist die erste Hälfte des Kitchin-Zyklus von einem wirtschaftlichen Aufschwung, einer Produktionsausweitung und einem Lageraufbau gekennzeichnet, während es in den beiden nachfolgenden Jahren zu einem Abschwung und einem Abbau von Lagerbeständen kommt.

Da Konjunktur- und Wirtschaftszyklen einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Börsen haben, sollten Anleger die Wirtschaftsdaten regelmäßig im Blick haben und sich über den Antizipationsmechanismus der Aktienmärkte bewusst sein. Nicht selten laufen die Aktienkurse der realwirtschaftlichen Entwicklung um rund ein halbes Jahr voraus.

Autor: ING-DiBa AG


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Kommentare (1)


Kommentare

Tim Pellemeier

09.10.2019

Warren Buffet traut sich nicht zu, die konjunkturelle Entwicklung vorauszusehen (bzw. den Markt darin zu schlagen). Daher schenkt er der Konjunkturellen Entwicklung nur wenig Aufmerksamkeit. Im Artikel wird dem normalen Anleger aber empfohlen, die "Wirtschaftsdaten regelmäßig im Blick" zu haben.