Auszeit nehmen mit Kind

3 Monate Sabbatical. Unser Gastautor hat die richtigen Tipps! | 12.06.2018

Vater und Kind am See in Kanada

© Rainer Eidemüller

Unser Gastautor Rainer hat es gewagt: Gemeinsam mit Frau und Kind hat er sich 3 Monate Auszeit vom Beruf genommen, hat sich ein Wohnmobil gemietet und ist 3 Monate durch Kanada gereist. Für alle, die Ähnliches vorhaben teilt er hier seine Tipps.
 
Rainer ist Fotograf, freier User Experience Designer und Reisender.

Drei Monate reisen mit Kind. Ist das eine gute Idee?

Ein Monat bis zur Auszeit: Wir sind mitten drin in den letzten Vorbereitungen, bevor es raus geht aus dem Alltag, rein ins Abenteuer: Drei Monate Kanada und USA. Für ein Sabbatical vielleicht noch die kleine Variante, für uns genau richtig. Es ist Zeit für uns, den Alltag mal Alltag sein zu lassen und aufzubrechen. Sich drei Monate treiben lassen. Raus aus der Enge und auf neue Gedanken kommen.
 
Das kleine Abenteuer ist für uns ein ziemlich großes, denn wir sind zu Dritt. Ich nehme eine berufliche Auszeit, meine Frau nutzt das Ende der Elternzeit und Paul (2,5) packt Stifte für die Postkarten an seine Kita-Freunde ein. Ein Sabbatical mit Kind? Ja, mit Kleinkind. Wir haben viel darüber nachgedacht, ob das geht. Einen gemeinsamen Probeflug gemacht und dann noch einen. Rausfinden, ob wir cool bleiben, wenn der Kleine in 10.000 Metern Höhe ausflippt weil der „Falsche“ von uns Beiden ihm den Schuh an- oder ausgezogen hat.
 
Mit Paul ist es immer aufregend. Aber egal wo wir drei sind: der Kleine ist zufrieden, wenn wir zufrieden sind. Und wir sind zufrieden, wenn wir mutig sind. Das haben wir über uns in den letzten Jahren gelernt. Es kostet Überwindung, etwas wie diese Auszeit zu machen. Etwas, was vermeintlich nicht „normal“ ist. Aber dafür ist es nach der Überwindung einfach großartig. Von dem Sabbatical werden wir drei noch lange nach der Rückkehr zehren.

Vater und Kind im Wohnmobil in Kanada bei Regen

Darum Rundreise durch Kanada und die USA!

Die Liste unserer Wunschziele war lang, von Japan über Südostasien zu Süd- und Nordamerika. Ich wollte gleich die Panamericana runter fahren. Ein Jahr oder länger reisen? So ganz ohne Rückflugticket? Zu viel für uns. Wir wollen nicht alle Zelte hier abbrechen. Und als wir dann die Liste der Stechmücken und Krankheiten in Kolumbien durchgelesen hatten war klar – erst recht nichts für uns, nicht für jetzt. Wer schon mal ein Kind am ganzen Körper mit Insektenschutz einreiben wollte, weiß warum.
 
Kanada und die USA sind teure Reiseländer. Wir „erkaufen“ uns damit, dass wir die Sprache gut verstehen und gewisse Standards in Hygiene und Medizin vorfinden werden. Für uns ist es so der passende Weg für unser Sabbatical.

Sabbatical finanzieren

Noch drei Tage bis Abflug: Unsere dreimonatige Auszeit wird Geld kosten, keine Frage. Wir plündern dafür Erspartes. Dem einen oder anderen mag es nicht vernünftig erscheinen, eine fünfstellige Summe für eine Reise zu verwenden. Wir wollen zumindest vernünftig mit dem Reisegeld umgehen.
 
Deshalb haben wir ein Tagesbudget für unsere Rundreise festgelegt. Im Internet und in Reiseführern findet man viele Erfahrungen von Leuten, die vor uns schon ganz mutig eine Auszeit genommen haben. Für Essen, Schlafen, Spritkosten, Unterhaltung und ein extra Notpolster mit Kind kommt einiges zusammen. Unser günstiger Campervan inklusive Kochmöglichkeit sorgt dafür, dass auf unserer Rundreise auch Budget für Motel, Hotel und Ähnliches übrig bleibt.
 
Was wir fast vergessen hätten in der Auszeit-Rechnung: das Entertainment. Eintritt in Kanadas Nationalparks, vielleicht mal ein Museum. Ein Spielzeug für Paul, wenn wir mit sehr leichtem Spielgepäck reisen.
 
Wo kann man noch rechnen? Beim Flug haben eine leichte Verschiebung der Flugdaten und der Rückflug von Seattle statt Vancouver direkt ein paar hundert Euro gespart. Flüge mit Zwischenstopp wären noch günstiger gewesen, das wollten wir uns mit unserem Zweijährigen aber ersparen.

Sparen oder Leihen?

Das Tagesbudget steht – juhu, das Ersparte reicht! Sonst hätten wir einen Kredit aufnehmen können - oder das Sabbatical verschieben müssen. Freunde haben sich über ein Darlehen vor einigen Jahren ihren Reisetraum erfüllt oder besser gesagt: abgesichert, denn an das Kredit-Polster mussten sie am Schluss kaum ran. Da die Idee unserer Auszeit schon lange reifte, haben wir aber fleißig im Alltag darauf hin gespart. Angefangen dabei, Sachen für Paul aus dem Freundeskreis zu leihen. Neuanschaffungen dreimal zu hinterfragen. Im Vorfeld keine großen Urlaube machen, sondern mal wieder Freunde und Familie besuchen. Versicherungen und Handyverträge überprüfen und optimieren. Gerade solche vermeintlichen Kleinigkeiten verschaffen am Ende finanziellen Spielraum.

Mutter und Kind mit Wohnmobil bei Mammutbäumen

Reisekasse aufbessern

Drei Monate weg – und trotzdem Miete zahlen? Wenig verlockend. Also suchten wir Zwischenmieter während unseres Sabbaticals. Die Vorstellung, dass fremde Leute auf unserem Sofa sitzen, war erst mal ganz schön eigenartig. Bei uns kam Glück ins Spiel: Im Bekanntenkreis braucht eine Familie mit zwei Kindern eine Wohnung zur Überbrückung ihrer Renovierungsarbeiten, der Zeitraum passt nahezu perfekt. Nicht unterschätzen: Die Vermietung schafft natürlich zusätzliche Arbeit. Wir haben daraus eine Tugend gemacht. Denn wenn wir für die Zwischenmieter ohnehin ein wenig Platz schaffen wollen – warum nicht ein paar ungenutzte Dinge auf dem Flohmarkt oder online verkaufen und den Ertrag direkt ins Auszeit-Budget. Oder erst mal die vollen Küchenschränke plündern, bevor der nächste Großeinkauf ansteht. Jetzt wissen wir auch wieder, wie rote Linsen schmecken.

Das Budget auch während des Sabbaticals im Blick!

Halbzeit in der Auszeit: Wir sitzen gerade im südlichen British Columbia in Nelson, nahe der amerikanischen Grenze. Heute nicht in unserem ‚Francis’, wie wir unseren Campervan liebevoll getauft haben. Sondern in einem wunderschönen Haus mitten in der Natur. Eigentlich wollten wir hier nur ein Zimmer im Bed and Breakfast haben, die Gastgeberin hat uns spontan für den gleichen Preis in das Gästehaus gesteckt, in dem wir die einzigen Gäste sind. Nebensaison und B-Route sei dank.
 
Ob unser Budget reicht? Zur Zeit sieht es gut aus. Damit wir unsere Kosten im Blick behalten, haben wir uns für eine Budgeting App entschieden. Das geht auch per Tabellenkalkulation oder handschriftlich im Haushaltsbuch, aber es gibt für Smartphonejunkies auch einige gute Haushaltsbuch- oder sogar Reisebudgetapps. Bei letzteren kann man Währungen direkt hinterlegen. Budget in Euro, Ausgaben in kanadischen oder amerikanischen Dollar.
 
Was wir schon erwartet hatten – hier geht fast alles per Kreditkarte. In Kanada kann man fast überall per Tap bezahlen, also die Karte einfach dranhalten. Selbst kleine Cafés haben moderne Kassensysteme, oft mit einem Tablet gelöst. Das Trinkgeld kann man dann auch einfach am Gerät eingeben, super praktisch und fast anonym. Keine Verlegenheitssituation mit dem Kellner. Überhaupt ist einiges einfacher - oder wie man hier sagen würde „more convenient“. Wir haben zum Beispiel das kostenlose Wasser im Lokal und die schönen Kinderspielecken oder Buntstifte am Tisch zu schätzen gelernt.

Nach dem Sabbatical ist vor dem Sabbatical

Viel zu schnell kommt man im Alltag wieder an, wenn die Auszeit vorbei ist. Familie und Freunde wiedersehen ist wunderbar. Dennoch sehen wir uns zurück in unsere wunderbare Auszeit – und planen schon fürs nächste Mal! Diese Erfahrungen möchten wir nicht missen:

  • Mit Einheimischen sprechen. Mit anderen Reisenden aus Europa kommt man zwar auch schnell ins Gespräch, die haben aber keine Geheimtipps, sondern im Zweifelsfall den gleichen Reiseführer.
  • Sich nicht hetzen und verunsichern lassen. Lieber der Nase (oder dem Wetter) nach. Oder einfach mal die nächste Ausfahrt raus. Auf unserer Rundreise haben wir gemerkt: In Kanada ist es überall schön. Wenn man den einen hochgelobten Wasserfall nicht sieht oder den anderen See wegen kaltem Regenwetter auslässt hat man nichts verpasst, sondern etwas anderes Großartiges gesehen.
  • Merken was uns wichtig ist. Wir brauchen nicht viel und haben eher Freunde und Familie vermisst als materielle Habseligkeiten. Wir wären durchaus auch mit noch weniger Gepäck ausgekommen. Paul reichen seine fünf Spielzeugautos und die beiden Bilderbücher.
  • Zusammenwachsen. Wir haben so viel Zeit zusammen verbracht. Das ist großartig und manchmal auch echt anstrengend. Aber jeder Handgriff hat zum Schluss gesessen. Ein Projekt gemeinsam meistern und dabei Spaß haben – das ist schon ein großartiges Gefühl.
  • Draußen sein. Eine Auszeit, im wahrsten Sinne. Oft haben wir uns gefragt, welcher Tag gerade ist. Kein Handynetz oder Internet für mehrere Tage? Kein Problem. Wir haben so viel Zeit an der frischen Luft verbracht , wie es im Alltag gar nicht möglich ist. Das macht den Kopf frei. Das ist wohl unser wichtigstes Reisesouvenir, sich das ein Stück weit in den Alltag zu retten. Bis die nächste Reise oder Auszeit möglich ist.

Autor: Gastautor Rainer Eidemüller für ING-DiBa

Mutter und Kind dick angezogen am Strand in Nordamerika


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Kommentare (1)


Kommentare

notting

16.06.2018

Denke das mit der Miete für die Wohnung daheim wird für die meisten ein sehr großer Posten sein, wo man das Geld besser auf der Reise brauchen könnte und die Wohnung aber eben nicht braucht.
Meine Wohnung würde ich aber auch nur an Leute zwischenvermieten die ich gut kenne. Denke hier im Artikel war da ganz viel Glück dabei, was man nicht fest einkalkulieren kann.

"Ein Projekt gemeinsam meistern und dabei Spaß haben – das ist schon ein großartiges Gefühl."
Das kann man auch bei größeren Renovierungsarbeiten zu Hause haben.

"Versicherungen und Handyverträge überprüfen und optimieren."
Gerade letzteres mache ich regelm. bzw. vor allem wenn größere Veränderungen anstehen. Das Geld kann man meist auch ohne Sabatical brauchen.

"Kein Handynetz oder Internet für mehrere Tage? Kein Problem. Wir haben so viel Zeit an der frischen Luft verbracht , wie es im Alltag gar nicht möglich ist."
Mein Handy ist die meiste Zeit aus, Festnetz reicht meistens. Handy wird nur im "Notfall" eingeschaltet. Finde es traurig, dass viele Leute es nicht im Alltag gebacken kriegen sich so zu organisieren, dass "Ich muss jetzt ohne Vorwarnung sofort ganz dringend Bekannten XY anrufen" nur ganz selten vorkommt. Es ist wissenschaftl. erwiesen, dass die Leute defakto verblöden, wenn sie sich in gewissen Dingen zu sehr auf einen bestimmten Kollegen (obwohl sie das im Prinzip genauso gut machen dürfen und können) oder auf eine Websuche verlassen.

Man kann sich übrigens vielerorts auch größere Grundstücke pachten um ein "eigenes" Stück Fläche im Grünen zu haben.

Vllt. brauche ich genau deswegen kein Sabatical?

Aber schön dass es den Beteiligten im Artikel Spaß gemacht.

Was aber im Artikel fehlt: Wie lief der Berufswiedereinstieg? Ist ja immer wieder ein Thema, auch bei Elternzeit, längerer Krankheit & Co.

notting