Wellen

November ist dieses Jahr der Monat der Wellen. Teilweise tosende, teilweise aber auch abflachende Wellen | 09.11.2020

Kolumne von Carsten Brzeski

© ING-DiBa AG

Mittlerweile ist Joe Biden zum vorläufigen Gewinner der amerikanischen Präsidentschaftswahlen ausgerufen worden. Die von vielen erwartete blaue Welle, ein Erdrutschsieg der Demokraten, gab es allerdings nicht. Für Europa mal wieder einer dieser vielen Fingerzeige, dass Donald Trump in den USA eine sehr stabile und hohe Wählerschaft hat. Auch wenn Joe Biden sich jetzt auf vier Jahre im Weißen Haus vorbereitet, gibt es immer noch das Risiko, dass die USA von einer anderen Welle erfasst werden. Die Welle der Neuauszählungen von Stimmen und die Welle von Gerichtsverfahren. Allerdings würde selbst das nicht zu einer langen Phase der Unsicherheit führen. Die amerikanische Verfassung sieht vor, dass der Präsident am 20. Januar sein Amt antreten muss. Gibt es bis dahin keinen offiziellen Gewinner, würde der Sprecher des Repräsentantenhauses ins Oval Office einziehen. Gehen wir mal davon aus, dass Joe Biden am 20. Januar sein Amt antreten wird. Dann wird nicht alles besser, aber der Ton könnte sich immerhin bessern und Europa müsste sich wohl weniger Sorgen um mögliche Strafzölle machen.

Europa wird gerade von einer ganz anderen Welle getroffen: die zweite Welle des Coronavirus und die zweite Welle der Lockdowns. Die Maßnahmen im Oktober waren nicht ausreichend, um einen starken Anstieg der Infektionen zu verhindern. Daher befinden sich mittlerweile viele europäische Länder im zweiten Lockdown. Mal wird dieser Lockdown als leicht, mal als intelligent beschrieben. Der Versuch, soziale Kontakte weiter runterzufahren wird nicht spurlos an der Wirtschaft vorbeigehen. Vor allem die Sektoren, die schon vom ersten Lockdown getroffen wurden, werden in den kommenden Wochen stark leiden. Für die Gesamtwirtschaft heißt das wohl ein erneuter Sturz in die Rezession. Für einzelne Unternehmen und Menschen steht die Existenz auf dem Spiel. 

Ich gehe davon aus, dass auf die zweite Welle der Lockdowns auch eine zweite Welle geldpolitischer Unterstützung und Konjunkturpakete folgen wird. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat diese Welle ja schon für Dezember angekündigt. Für Regierungen wird sich die Frage stellen, ob man bereit ist, Unternehmen und Menschen mit Schuldenerleichterungen und direkten Transfers noch weiter zu unterstützen.

Der einzige Fels in der Brandung ist aktuell Asien. Hier hat man eine zweite Welle des Virus (bisher) verhindern können. Die Gründe dafür sind vielfältig. Erfahrungen im Umgang mit Pandemien ist sicherlich ein großer Unterschied im Vergleich zu Europa oder den USA. Mundschutz, Social Distancing, Tests aber auch häufig resolutes Tracking von Infektionsfällen und Quarantäneauflagen gehören wohl auch zum asiatischen Rezept. Daher überrascht es nicht, dass vor allem China auch im vierten Quartal wirtschaftlich positive Nachrichten produziert.

Unterschiedliche Wellen mit unterschiedlicher Kraft und Länge. Für Anleger wird es nicht einfach, auf der richtigen Welle zum Jahresende zu reiten.

Autor: Carsten Brzeski


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