Kolumne August 2018

„Seit Monaten geht an den Finanzmärkten eine neue Angst um. Die Angst vor der negativen oder invertierten Zinskurve.“, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-DiBa. | 03.08.2018

Seit Monaten geht an den Finanzmärkten eine neue Angst um. Die Angst vor der negativen oder invertierten Zinskurve. Auch als Volkswirt muss man mit diesen Aussagen vorsichtig sein, aber die Angst scheint unberechtigt. Dieses Mal sollte es anders sein.

Vor allem in den USA ist die Zinskurve – die Differenz zwischen 2-jährigem und 10-jährigem Zins – in den letzten mehr als 60 Jahren ein ausgezeichneter, wenn nicht der beste, Frühindikator für eine bevorstehende Rezession gewesen. Genauer gesagt hat die negative Zinskurve alle Rezessionen seit 1955 vorhergesagt, mit einem Vorlauf von sechs bis 24 Monaten. Und da an den Finanzmärkten und in der Volkswirtschaft die Erfahrungen aus der Vergangenheit immer noch der beste Ratgeber für die Zukunft sind, machen sich viele Analysten Sorgen.

In den letzten fünf Jahren hat sich die Zinskurve in den USA stark abgeflacht und ist mit 30 Basispunkten aktuell auf dem niedrigsten Stand seit 2005. Ja, die Zinskurve ist immer noch positiv, aber je länger der Aufschwung in den USA dauert, um so schneller bekommen Anleger und Analysten Höhenangst. Die Diskussion um eine möglicherweise negative Zinskurve fällt nämlich zusammen mit zunehmenden Spekulationen über einen Abschwung der amerikanischen Wirtschaft. Der aktuelle Aufschwung ist jetzt schon der drittlängste der amerikanischen Geschichte. Ganz nach dem Motto „was hochsteigt, muss auch wieder herunterkommen“ malen daher immer mehr Experten ein düsteres Bild für die amerikanischen Konjunkturaussichten.

Aber was ist nun dran an den Rezessionsängsten? Mit oder ohne Zinskurve? Als allererstes fallen mir die weisen Worte von Janet Yellen ein: Konjunkturaufschwünge sterben nicht an Altersschwäche. Es gibt immer einen Auslöser für eine Rezession. Meistens sind das die Notenbanken, die zu schnell und zu stark die Zinsen anheben, und manchmal sind es Blasen, die platzen. Wenn Notenbanken den Zins zu schnell und zu stark erhöhen, führte das auch immer zu einer negativen Zinskurve. Daher ist nicht die Zinskurve der Auslöser einer Rezession, sondern nur die Illustration falscher geldpolitischer Entscheidungen. Die Gefahr, dass Notenbanken zu schnell auf die geldpolitische Bremse treten, scheint aktuell nun wirklich nicht gegeben.

Ja, es gibt ausreichend viele Gründe, die für eine Abkühlung der amerikanischen Konjunktur im nächsten Jahr sprechen: Die Effekte der Steuerreform verschwinden aus den Wachstumszahlen, die Staatsverschuldung erreicht neue Höhen, die Sparquote ist deutlich gesunken, der Dollar ist stark und über allem schwebt das Damoklesschwert eines Handelskrieges. Bei einer aktuellen Wachstumsrate von 4% gibt es allerdings genug Spielraum für eine Konjunkturabkühlung ohne auch nur in die Nähe einer Rezession zu kommen.

Spekulationen über eine mögliche negative Zinsdifferenz, die dann wiederum möglicherweise eine Rezession ankündigen könnte. Die Tatsache, dass die Märkte über so viele Eventualitäten spekulieren, zeigt, wie nervös man ist und wie groß die Höhenangst ist. Natürlich kommt irgendwann auch wieder eine Rezession. Durch die jetzige Form der Zinskurve wird sie allerdings noch nicht angekündigt.

Carsten Brzeski