Anlagestrategien

Teil 5: Antizyklisch anlegen – Gehen Sie Ihren eigenen Weg! | 06.06.2017

Im fünften Teil unserer Serie über Anlagestrategien erfahren Sie, dass es durchaus von Vorteil sein kann, gegen den Strom zu schwimmen. Allerdings sollte man dabei einige Regeln beachten, um nicht vom Strom mitgerissen zu werden. Und ein gutes Nervenkostüm kann auch nicht schaden.

Für Kinder ist es scheinbar die einfachste Sache der Welt: Genau das Gegenteil von dem tun, was die Erwachsenen sagen. Für Erwachsene wiederum ist es alles andere als einfach genau das Gegenteil von dem zu tun, was alle anderen machen. Geht es um die Geldanlage, kann es jedoch durchaus vorteilhaft sein, sich vom Herdentrieb zu entkoppeln und nach Investmentalternativen zu suchen, die von der breiten Masse (noch) als hässliches Entlein verschrien werden.

Der antizyklische Ansatz geht davon aus, dass die Masse oftmals falsch liegt. Demzufolge sollte in Phasen, in denen z.B. jedermann bullisch für Aktien ist und die Stimmung unter Analysten, Wirtschaftsmedien und Investoren euphorisch wird, ein Verkauf von Aktien angestrebt werden. Umgekehrt bieten Phasen, in denen keiner etwas von Aktien wissen will (Finanzkrise, Eurokrise), für Antizykliker ein gutes Umfeld, um nach potenziellen Investmentkandidaten Ausschau zu halten. Dieses Vorgehen kann von Erfolg gekrönt sein, kann aber auch zu schmerzlichen Verlusten führen. Schließlich besagt eine wichtige Börsenregel „The Trend is your friend“. Wer gegen den vorherrschenden Trend handelt, sollte dafür gute Gründe haben und mentale Stärke besitzen.

Jeder Anleger muss ehrlich für sich selbst entscheiden, ob er das nötige Selbstvertrauen besitzt, in eine Aktie zu investieren, die eine starke Abwärtsbewegung hinter sich hat und für die die allgemeine Stimmung sowie die Einschätzung der Analysten negativ ist. Dieser psychologische Aspekt darf keinesfalls unterschätzt werden, insbesondere mit Blick darauf, dass antizyklische Investments in der Regel mit einem längerfristigen Anlagehorizont von einem oder mehreren Jahren verbunden sind. Es kann also durchaus einige Zeit dauern, bis die antizyklische Strategie Früchte trägt. Um sich von der negativen Einschätzung der Aktie durch Analysten und Medien nicht beeinflussen zu lassen, braucht man schon ein dickes Fell und eiserne Disziplin. Die gute Nachricht: Klar definierte Regeln helfen dabei, die Disziplin zu wahren. Sie stellen zugleich die geforderten guten Gründe dar, die es für ein antizyklisches Investment braucht.

Wann ist ein Einstieg sinnvoll?

In ihrem Buch „Antizyklisch Investieren“ stellen der Vermögensverwalter Anthony M. Gallea und der Wirtschaftsjournalist William Patalon entsprechende Regeln für eine antizyklische Investmentstrategie vor, die auf der Auswertung von Studien und wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema antizyklisch Investieren aus zwei Jahrzehnten beruhen.

Die wichtigste Regel für den Einstieg ist die 50-Prozent-Verlust-Regel. Sie besagt, dass eine Aktie infolge eines starken Kursverlustes mindestens 50 % unter dem Höchstkurs der vergangenen 52 Wochen notieren muss. Dies macht sie zu einem potenziellen Investmentkandidaten, der genauer untersucht werden sollte. Liegen die übrigen Kriterien für eine positive Investmentscheidung vor, ist darauf zu achten, dass die Aktie zum Kaufzeitpunkt noch immer mindestens 50 % unter dem 52-Wochen-Hoch notiert und während der Zeit, in der Sie das Unternehmen genauer untersucht haben, nicht deutlich an Wert gewonnen hat.

Ein starker Kursverlust allein ist aber noch kein Kaufsignal, denn oftmals resultieren die Verluste daraus, dass das Unternehmen sich in einer schwierigen Lage befindet. Daher sind weitere Kriterien erforderlich, die die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen sollen, dass das betreffende Unternehmen auch das Potenzial für einen Turnaround besitzt.

Davon kann ausgegangen werden, wenn bei dem Unternehmen in den zurückliegenden sechs Monaten Aktienkäufe durch Mitglieder des Vorstands, Aufsichtsrats oder Personen mit engen Verbindungen zur Unternehmensführung zu beobachten waren. Die Käufe sollten eine Größenordnung von mehr als 130.000 Euro haben, wobei gilt: je höher, desto besser. Auch die Ausübung von Aktienoptionen durch Mitglieder des Vorstandes erfüllt dieses Kriterium, sofern die Aktien nach der Ausübung nicht gleich wieder verkauft werden.

Aktienverkäufe durch Führungspersonen sollte es in den letzten Monaten jedoch nicht gegeben haben, da dies ein Zeichen von mangelndem Vertrauen in das Unternehmen sein kann. Informationen über die sogenannten Directors' Dealings finden sich auf Finanzportalen, z. B. finanzen.net unter Insiderdaten. Auch die BaFin stellt auf ihrer Homepage eine Datenbank mit allen gemeldeten und veröffentlichten Directors' Dealings zur Verfügung.

Für den Fall, dass es keine Aktienkäufe von dem Unternehmen nahe stehenden Personen gibt, haben Gallea und Patalon durch die Auswertung zahlreicher Studien von Wirtschaftswissenschaftlern und Vermögensverwaltern vier fundamentale Kriterien herausgearbeitet, deren Ziel es ist, sehr niedrig bewertete Aktien zu identifizieren. Danach ist eine Aktie ein potenzieller Kaufkandidat, sofern zwei der vier folgenden Kriterien vorliegen und somit eine niedrige Bewertung der Aktie anzeigen.

  • Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Basis des letzten Geschäftsjahres von weniger als 12. Da die Höhe des KGVs je nach Branche unterschiedlich ausfallen kann, gilt das Kriterium ebenfalls als erfüllt, wenn das KGV der Aktie weniger als 40 % des höchsten KGV in den letzten 5 Jahren beträgt.
  • Ein Kurs-Cash-Flow-Verhältnis (KCV) unter 10. Hier wird der freie Cashflow verwendet – das sind die freien finanziellen Mittel, die dem Unternehmen zur Ausschüttung von Dividenden, für Aktienrückkäufe oder für die Zahlung von Zinsen zur Verfügung stehen.
  • Ein Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) unter 1,0. Ein KBV kleiner 1,0 bedeutet, dass die Aktie unterhalb des Substanzwertes der Vermögensgegenstände des Unternehmens gehandelt wird.
  • Ein Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) unter 1,0. Die Umsätze bilden die Basis für Gewinne, die dem Unternehmen den Turnaround ermöglichen sollen.

Werden alle vier dieser Kriterien erfüllt, ist dies ein Zeichen für eine extrem niedrige Bewertung. Gallea und Patalon zufolge besteht in diesem Fall die Gefahr, dass das Unternehmen zu schwach ist, um einen Turnaround zu schaffen. Daher sollte zusätzlich geschaut werden, ob es zu Käufen von Führungspersonen kommt, die zeigen, dass bei dem Unternehmen mit einer Verbesserung der Geschäftslage gerechnet wird. Andernfalls sollte man nach Alternativen Ausschau halten.

Wann sollte man aussteigen?

Mit Blick auf den Verkaufszeitpunkt empfehlen Gallea und Patalon einen Stopp von 25 % unterhalb des Einstiegskurses. Dieser Stopp soll mögliche Verluste für den Fall, dass sich das Unternehmen nicht erholt und der Aktienkurs weiter sinkt, begrenzen. Sofern die Aktie nicht vorzeitig ausgestoppt wird, sollte sie verkauft werden, wenn ein Gewinn von 50 % erreicht wurde oder seit dem Kaufzeitpunkt 3 Jahre vergangen sind. Innerhalb dieser Zeit sollte sich die Einschätzung der breiten Masse zu der Aktie verbessert und immer mehr Investoren die Aktie „entdeckt“ haben. Falls nicht, ist es an der Zeit sich nach neuen Kandidaten für ein antizyklisches Investment umzusehen.


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