Kolumne Juni 2017

Auf Zehenspitzen und mit Samthandschuhen

Kommt jetzt die Wende? Nachdem die Politik die Finanzmärkte in den ersten Monaten des Jahres in Atem gehalten hat, übernehmen die Zentralbanken jetzt wieder das Zepter. Vor allem in der Eurozone hat sich unter dem Schleier des drohenden Populismus eine ordentliche positive Konjunkturlage gebildet, die jetzt an die Oberfläche kommt und zu einer wahren Europhorie geführt hat. Mit diesem Aufschwung im Rücken hat die Spekulation über einen möglichen vorzeitigen Ausstieg der EZB aus der ultra-lockeren Geldpolitik wieder zugenommen. Vor allem in Deutschland jubeln viele Experten schon über die bevorstehende Zinswende. Soweit ist es allerdings noch lange nicht.

Auch wenn die EZB letzte Woche mit leichten verbalen Anpassungen den ganz, ganz langsamen Einstieg in den Ausstieg vorbereitet hat, wird diese Vorsicht und Zurückhaltung auch in den kommenden Wochen und Monaten so bleiben. Dafür gibt es zwei Gründe: einen inhaltlichen und einen historischen.

Zum inhaltlichen Grund. Ja, die Gefahr einer Deflation ist wohl mehr als gebannt. Die Wirtschaft der Eurozone gewinnt an Fahrt, die Arbeitslosigkeit sinkt und die Inflationsrate bewegt sich schon längere Zeit deutlich über Null. Das heißt allerdings nicht, dass es jetzt auch automatisch die Gefahr von Inflation gibt. Ganz im Gegenteil, eine deutlich beschleunigende Inflation kann nur über die sogenannte Lohn-Preis-Spirale entstehen und mit bleibender Unterbeschäftigung, hoher Jugendarbeitslosigkeit und vielen unfreiwilligen Teilzeitjobs ist diese weit und breit nicht zu entdecken. Hinzu kommt, dass strukturelle Faktoren wie demographischer Wandel, Globalisierung und Digitalisierung die Preise und Löhne in den kommenden Jahren wohl niedrig halten werden. Vor allem der Einfluss von Digitalisierung hat von Notenbanken bisher wenig Beachtung gefunden, aber Preistransparenz, mehr Konkurrenz bei Dienstleistungen und Arbeitsplatzverluste sind nur einige der möglichen Wirkungen auf Preise und Löhne.

Neben den inhaltlichen Gründen gibt es auch einen historischen Grund für die EZB, um die lockere Geldpolitik nur sehr behutsam zurückzufahren: die schlechten Erfahrungen der amerikanischen Notenbank. Als die Fed im Jahr 2013 überraschend ankündigte, ihr Anleihenprogramm zu stoppen, reagierten die Finanzmärkte mit Panik. Die Fed musste ihre Entscheidung revidieren. Die EZB kann und will auf diese Erfahrung gerne verzichten.

Ob man es mag oder nicht, die EZB wird ihre lockere Geldpolitik noch lange fortsetzen. Mit der Abwesenheit von wirklichem Inflationsdruck und den Erfahrungen der Fed mit einem zu frühen Ausstieg wird die EZB auf der Hut bleiben. Der Einstieg in den Ausstieg aus der ultra-lockeren Geldpolitik wird kommen, aber nur auf Zehenspitzen und mit Samthandschuhen.