Kolumne Juli 2017

Blindflug ohne Bruchlandung

Erste Anzeichen von Höhenangst? Die Finanzmärkte gehen unruhig in die Sommerferien. Auch wenn die großen spektakulären Ereignisse, wie die ewige Griechenland-Rettung oder ein Brexit-Referendum, fehlen, eine leichte Unruhe ist an den Finanzmärkten zu spüren. Das Ausbleiben von den erhofften Investitions- und Deregulierungsprogrammen von US Präsident Trump ist einer der Gründe für die aktuelle Enttäuschung. Spekulationen über eine straffere Geldpolitik in den USA und Europa der andere. Vor allem die Aussicht auf eine straffere Geldpolitik hat die Finanzmärkte verunsichert. Zu Unrecht.

Die Chefs der internationalen Notenbanken ähneln im Augenblick Piloten, die ihr Flugzeug demnächst landen wollen, aber nicht wissen, ob das Dashboard im Cockpit eigentlich die wirklichen Gefahren anzeigt oder wo im Nebel die Landebahn liegt. Inflation ist nämlich nicht mehr das, was sie mal war. Trotz wirtschaftlichen Aufschwungs und niedriger Arbeitslosigkeit (zumindest in einigen Ländern) bleibt die Inflation Fehlanzeige. Die Gründe hierfür sind vielfältig. So bleiben Lohnerhöhungen relativ niedrig aufgrund der sogenannten stillen Reserve im Arbeitsmarkt (Teilzeitjobs, langfristige Arbeitslose, Niedriglohnsektor), der Verschiebung von Jobs aus der Industrie in den Dienstleistungssektor, der Verschiebung von Einkommen aus Arbeit zu Einkommen aus Kapital und gestiegener Konkurrenz durch Globalisierung. Hinzu kommen die Folgen der Digitalisierung auf die Verbraucherpreise durch mehr Preistransparenz oder mehr Konkurrenz im Dienstleistungssektor.

Ohne traditionellen Inflationsdruck werden sich die internationalen Notenbanker in den kommenden Monaten auch grundlegenden Fragen zuwenden müssen. Ist die aktuelle Definition von Preisstabilität noch zeitgemäß? Muss man sich andere Indikatoren anschauen?

Bis die Notenbanker diese Fragen beantwortet haben und solange der gemessene Inflationsdruck so niedrig bleibt, wird die lockere Geldpolitik also nur vorsichtig und langsam zurückgefahren. Für die Finanzmärkte heißt das, dass die Angst vor einer strafferen Geldpolitik und dem damit verbundenen Abwürgen des Aufschwungs wohl überzogen ist.  

Geht die Rally also weiter und können wir uns auf einen endlosen Wirtschaftsaufschwung vorbereiten? Nicht unbedingt. Es sieht eher so aus, als ob die Märkte sich an ein neues Muster gewöhnen müssen: Geldpolitik ist nicht mehr der (wichtigste) Auslöser von Abschwüngen oder Rezessionen. Für die internationalen Notenbanken sind das nur teilweise gute Nachrichten, denn der Blindflug geht weiter, nur eine Bruchlandung ist unwahrscheinlich.