Kolumne April 2018

„Der Weltwirtschaft könnte im kommenden Jahr etwas die Puste ausgehen und Kapitalmarkt- sowie Leitzinsen werden in den kommenden zwei Jahren nur wenig steigen“, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-DiBa. | 06.04.2018

In den letzten Monaten und Jahren haben sich Analysten (auch dieser hier) häufig mit den politischen Risiken für die Weltwirtschaft auseinandergesetzt. Griechenland, Euro-Krise, Brexit und Trump. Die Liste mit politischen Risiken war und ist nahezu endlos lang. Die tatsächlichen wirtschaftlichen Folgen waren dagegen letztendlich immer eher überschaubar. Viel Rauch, aber wenig Feuer.

So faszinierend die Weltpolitik aktuell auch bleibt, die Richtung der Weltwirtschaft und auch der Finanzmärkte entscheidet sich in den kommenden Monaten nicht so sehr im Weißen Haus, sondern an vier traditionellen makro-ökonomischen Fragestellungen: erstens, bringt Freihandel Wohlstand? Zweitens, wirken auf Pump finanzierte Steuererleichterungen? Drittens, funktioniert die Phillips-Kurve noch? Und, viertens, gibt es die Lohn-Preis-Spirale noch?

Spätestens seit den frühen neunziger Jahren werden Marktliberalisierung und Globalisierung von vielen Volkswirten als wachstums- und wohlstandserhöhend gepriesen. Der Abbau von Zöllen geht einher mit einer Zunahme des weltweiten Handelsvolumens, dem Aufmarsch von Schwellenländern und anziehenden Wachstumsraten. Sollte die Welt in den kommenden Monaten einen Handelskrieg mit steigenden Zöllen und Handelserschwernissen bekommen, müssten der Logik der letzten Jahrzehnte folgend auch weltweites Wirtschaftswachstum und Wohlstand zurückgehen. Oder doch nicht?

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts meinte David Ricardo, dass auf Pump finanzierte Steuersenkungen einfach nur die Steuererhöhungen von morgen sind und damit keine positiven Folgen auf das Wirtschaftswachstum haben. Kurzfristig wirken Konjunkturprogramme allerdings schon. Die große Frage bleibt allerdings, ob ein kurzfristiger Erfolg der aktuellen US-amerikanischen Steuerreform nicht nur ein Strohfeuer bleibt und die Staatsfinanzen in italienische Dimensionen bringt. Mit deren langfristigen paralysierenden Wirkungen für Wirtschaft und Gesellschaft. 

Die Phillips-Kurve hat Generationen von Wirtschaftsstudenten den Zusammenhang zwischen sinkender Arbeitslosigkeit und steigenden Löhnen beigebracht. Aktuell zerbrechen sich allerdings allerorts Notenbanker den Kopf, ob Digitalisierung, Globalisierung und Automatisierung diesen Zusammenhang nicht doch strukturell zerstört haben. 

Und was, wenn nicht? Und Länder mit niedriger Arbeitslosigkeit demnächst doch Lohnerhöhungen sehen werden? Dann bleibt die Frage, ob höhere Löhne wirklich zu höherer Inflation führen oder ob Menschen nicht einfach mehr sparen? Wenn Niedrigzins und demographischer Wandel die meisten Leute zum Sparen anhält, wäre auch dieses letzte volkswirtschaftliche Paradigma reif für die Tonne.

Makroökonomie ist keine Naturwissenschaft. Eher eine Sozialwissenschaft, in der es kein absolutes richtig oder falsch gibt. Vielmehr gibt es Zusammenhänge und Folgeketten, die jahrzehntelang in der Lehre als gegeben angenommen wurden und mit Theorien und Modellen ex post unterbaut wurden. In den kommenden Monaten werden mindestens vier dieser Theorien oder Paradigmen enorm auf die Probe gestellt. Dadurch werden Positionen und Meinungen extremer und sollte auch die Volatilität an den Märkten hoch bleiben. 

Laut meiner bescheidenen Meinung sollten sich die Theorien zu Freihandel und defizitfinanzierten Steuerreformen bewahrheiten, beim Zusammenhang zwischen Realwirtschaft und Arbeitsmarkt auf der einen und Löhnen und Inflation auf der anderen Seite sehen sich Notenbanker allerdings einer Zeitenwende ausgesetzt. Übersetzt heißt das: Der Weltwirtschaft könnte im kommenden Jahr etwas die Puste ausgehen und Kapitalmarkt- sowie Leitzinsen werden in den kommenden zwei Jahren nur wenig steigen.

Langweilig wird es auf jeden Fall nicht. Und das Gute ist, dass alle Hobby-Politologen sich auch endlich wieder ihrem Fach widmen können. Denn Makro ist zurück.

Carsten Brzeski