Kolumne Juli 2018

„Ein Handelskrieg ist nicht schön zu reden. Es ist ein Krieg, den niemand gewinnt, ein Krieg, der nur Verlierer kennt.“, meint Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-DiBa. | 06.07.2018

Fußball-WM schauen ist für die meisten Fans in Deutschland ja mittlerweile nur noch etwas zum Abschalten oder einfach nur zum Genießen. Den anderen Mannschaften beim Spielen zuschauen, ganz ohne Nagelbeißen, Herzinfarktgefahr oder Schweißausbrüche, ist sowieso besser für die Gesundheit und gibt zudem die Möglichkeit, einfach mal die gebotenen Schauspiele auf dem russischen Rasen zu genießen. Einer der großartigsten (Schau-)Spieler dieser WM, Neymar Junior, nimmt es dabei mit dieser Doppelrolle von Fußball und Schauspiel etwas zu genau. Bei der leichtesten Berührung fällt er gerne um wie ein sterbender Schwan. Persiflagen von der letzten Showeinlage im Spiel gegen Mexiko gibt es im Internet en masse. Auch die Finanzmärkte haben in letzter Zeit immer häufiger ihre Neymar-Momente.
 
Sobald irgendwo das Wort „Handelskrieg“ fällt oder US Präsident Trump über mögliche Importzölle auf welche Produkte denn auch immer twittert, entsteht an den Finanzmärkten Panik. Ein drohender Handelskrieg bedeutet den sprichwörtlichen Anfang vom Ende des Aufschwungs und der Aktienrally, so jedenfalls die Logik vieler Finanzmarktakteure. Dabei wird nicht immer ein Unterschied gemacht zwischen Wirklichkeit und Theorie. In der Wirklichkeit stellen nämlich die aktuellen Zölle auf Aluminium und Stahl keine Gefahr dar. Zu klein ist ihr Anteil am weltweiten Handel. Eine weitere Eskalation, wie sie sich gerade zwischen den USA und China entwickelt, die auch die EU trifft, wäre allerdings eine ganz andere Hausnummer. Es könnte eine komplette Umkehr der Globalisierung und des Freihandels der letzten Jahrzehnte sein. Zwei Faktoren, die den meisten Ländern, wenn auch nicht immer allen Menschen, deutlich mehr Wohlstand gebracht haben.
 
Bei aller Schwarzmalerei sollte man die Kirche allerdings im Dorf lassen. Denn selbst die nächste Eskalationsstufe im Handelsstreit zwischen den USA und der EU, Importzölle auf Autos, ist noch zu verschmerzen. Eine weitverbreitete Meinung ist, dass amerikanische Importzölle auf europäische Autos vor allem in Deutschland großen Schaden verursachen könnten. Dieser Reflex lässt sich allerdings nicht mit Daten untermauern. Laut Berechnungen des Ifo Instituts würden Zölle in Höhe von 25% auf Autos die deutsche Wirtschaft nur gut 5 Milliarden Euro bzw 0,15% des BIP kosten. Für die gesamte Eurozone würde der Schaden wohl noch weniger als 0,1% des BIP ausmachen. Ein Schaden, den der aktuell schwache Euro mehr als wettmachen würde.
 
Ein Handelskrieg ist nicht schön zu reden. Es ist ein Krieg, den niemand gewinnt, ein Krieg, der nur Verlierer kennt. Eine sich immer weiter verschärfende Spirale von Protektionismus in allen Teilen der Welt ist eine schlechte Nachricht für die Weltwirtschaft. Aber so weit ist es noch lange nicht. Alle aktuellen Maßnahmen und Androhungen sind wie bei der Fußball-WM unschöne kleine Nickligkeiten gegen Neymar. Man möchte sie lieber nicht sehen, aber letztendlich sind sie viel harmloser als die Reaktionen von Neymar vermuten lassen. Bleibt zu hoffen, dass Konjunktur und Finanzmärkte nach dem ersten Reflex des sterbenden Schwans auch danach ihren Neymar-Moment haben: aufstehen, sprinten und das entscheidende Tor schießen.

Carsten Brzeski