Kolumne Februar 2017

Keine Zeit für Buhmänner

In Deutschland haben Medien, Politik und viele Experten einen neuen Buhmann gefunden: die EZB. Die Tatsache, dass die Inflation im Januar auf 1,9% gestiegen ist, hat die Kritik an der EZB weiter beflügelt. Der immer wieder aufflammende Streit zwischen Deutschland und der EZB geht in die nächste Runde. Ein Streit, in dem es nur Verlierer gibt.

Kritik an der EZB gibt es in Deutschland schon lange. Ob aus Wissenschaft, Politik oder Bundesbank, die sogenannten unkonventionellen Maßnahmen der EZB haben der Kritik in den letzten zwei Jahren noch eine neue Dimension gegeben. Spötter könnten sagen, dass deutsche Kritik mittlerweile zur EZB gehört wie Tomatensauce zu Spaghetti. Momentan hat die Kritik aber eine neue Qualität und der deutsche Druck auf die EZB, das Anleihenprogramm zurückzufahren, nimmt deutlich zu. Auch Bundesbank-Präsident Weidmann und das deutsche Mitglied im Board der EZB, Sabine Lautenschläger, machen ihre Forderungen immer öffentlicher. Dabei gibt es im Augenblick wenig Gründe, vor der steigenden Inflation Angst zu bekommen.

Die größte negative Auswirkung der steigenden Inflation ist ein weiter sinkender Realzins für Sparer. Man muss schon bis in siebziger Jahre zurückgehen, um einen vergleichbar niedrigen (und negativen) Realzins in Deutschland zu finden. Der Anstieg der Inflation ist allerdings ausschließlich das Resultat von höheren Preisen für Energie und Nahrungsmittel. Die sogenannte Kerninflation ist im Januar sogar wieder gesunken. Man kann der EZB viel vorwerfen, Preise für Energie und Nahrungsmittel kann sie aber wirklich nicht beeinflussen. Hinzu kommt, dass die EZB ihre Geldpolitik auf die gesamte Eurozone ausrichten muss. Da Deutschland im aktuellen Konjunkturzyklus am weitesten fortgeschritten ist, kann es nicht anders sein, als dass die deutsche Inflation höher liegen muss als in den meisten anderen Euro-Staaten. Wenn die EZB ihr Ziel von einer Inflation knapp unter 2% für die gesamte Eurozone erreichen will, ist es eine mathematische Notwendigkeit, dass die deutsche Inflation über 2% liegt. Kurz gesagt: es gibt in Deutschland aktuell kein Inflationsproblem und selbst wenn es eins gäbe, könnte die EZB nur sehr eingeschränkt darauf reagieren. Das Schicksal des Klassenstrebers ist, dass sich der Lehrer meistens nicht um ihn kümmert.

Die Kritik an der EZB wird also weitergehen. Dabei gäbe es einen einfachen Kompromiss. Wenn die Wirtschaft der Eurozone so weiter wächst wie bisher, kann EZB-Präsident Draghi im Sommer den langsamen Einstieg in den Ausstieg aus der ultra-lockeren Geldpolitik für 2018 ankündigen. Deutschland hätte damit im Wahlkampf das Ende der ärgerniserregenden Geldpolitik vor Augen und die Eurozone bekäme noch genug Unterstützung, um den Aufschwung stabil zu halten. Zu dieser „win-win-Situation“ wird es allerdings nicht kommen, wenn die aktuellen Grabenkämpfe und das deutsche Schlammwerfen nicht aufhören. Dann bleibt es bei einer „lose-lose-Situation“, bei der die gesamte Eurozone beschädigt werden könnte. Europa hat besseres zu tun als sich mit fiktiven Buhmännern zu beschäftigen.