Kolumne Mai 2018

„Magische Zahlen oder Grenzen erfreuen sich an den Finanzmärkten immer wieder einer großen Beliebtheit“, meint Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-DiBa. | 04.05.2018

Magische Zahlen oder Grenzen erfreuen sich an den Finanzmärkten immer wieder einer großen Beliebtheit. Die 12.000-Grenze beim DAX, die Nullgrenze beim Leitzins oder Parität von Euro und US-Dollar. Jede dieser Grenzen versetzt Finanzmärkte in Spannung. Werden sie erreicht oder nicht? Dabei sind all diese magischen Grenzen eigentlich komplett arbiträr und mit keinem einzigen Automatismus verbunden. Man könnte diese magischen Grenzen daher eigentlich ziemlich schnell ins Reich der Fabeln verbannen, wären Finanzmärkte rational. Sind sie aber nicht.
 
Aktuell richten sich die Augen der Finanzmärkte auf die 3%-Grenze der 10-jährigen Umlaufrendite auf amerikanische Staatsanleihen. Vor kurzem wurde diese Grenze zum ersten Mal seit vier Jahren wieder überschritten. Jetzt geht die Angst um, dass nach dem Überschreiten der magischen 3 Kapitalmarktzinsen nur noch eine Richtung kennen: nach oben, und zwar stark und schnell. Diese Angst ist übertrieben. Genauso wie die Hoffnung, dass der DAX nach der 12.000er-Grenze nur noch steigt, negative Zinsen zu einem Kollaps der Finanzindustrie führen oder Euro-Dollar-Parität das Ende der Währungsunion einleiten würde.
 
Die lange Talfahrt der Kapitalmarktzinsen, die bereits 1982 einsetzte, ist schon lange zu Ende. Im August 2016 erreichten 10-jährige US-Renditen ihren niedrigsten Stand mit 1,35%. Seitdem ging es fast stetig bergauf. Ende April sogar kurzfristig über 3%. Das Ende der lockeren Geldpolitik mit Leitzinserhöhungen der Fed und seit Oktober 2017 auch einem Abbau der Bilanzsumme der Notenbank, eine gut laufende Konjunktur sowie zunehmende Sorgen über aus dem Ruder laufende amerikanische Staatsfinanzen haben nicht nur zu dem aktuellen Anstieg gesorgt, sondern auch die Angst vor weiter steigenden Zinsen geschürt.
 
Dabei spielt Inflation beim Zinsanstieg interessanterweise gar keine Rolle. Und so lange das auch so bleibt, sollte sich der Anstieg der Kapitalmarktzinsen in Grenzen halten. Nach drei weiteren Leitzinserhöhungen der Fed in diesem Jahr sollte die Geldpolitik langsam bremsend wirken. Niedrigeres Wachstum, weniger bis gar keine Zinserhöhungen im nächsten Jahr und sinkende Kapitalmarktzinsen wären die Folge. Ob höhere Haushaltsdefizite in den USA wirklich die Zinsen in die Höhe treiben, steht auch in den Sternen. Solange die Zinsdifferenz zwischen den USA und anderen westlichen Ländern nicht abnimmt, sollte es genug Investoren geben, die Herrn Trump seine Schulden auch gegen 3,3% finanzieren. Das Beispiel von Japan zeigt zusätzlich, dass stetig steigende Staatsschulden nicht automatisch mit höheren Zinsen einhergehen müssen. Obwohl dort zwischen 2008 und 2018 die Verschuldung von 170% des BIP auf knapp 230% des BIP stieg, sanken die 10-jährigen Renditen in der gleichen Periode von gut 1,5% auf unter 0,5%.
 
Auch nach dem Knacken der 3%-Hürde ist mit einem Ausverkauf an den Anleihenmärkten nicht zu rechnen. Ohne Inflationsdruck sollte jeglicher Zinsanstieg milde ausfallen. Mit magischen Marken an den Finanzmärkten verhält es sich ein bisschen so wie mit den Magiern aus Las Vegas: die Grenze zwischen Magie und Illusion ist fließend.

Carsten Brzeski