Phänomen Zyklen und Trends

Zuverlässiger Fahrplan für Wirtschaft und Börse?

Immer wieder lassen sich an den Finanzmärkten wiederkehrende Trends beobachten. Diese Zyklen können Anlegern bei der Ausrichtung des Depots eine wichtige Unterstützung bieten.

Schon in der Bibel haben Zyklen die Menschheit bewegt, als Joseph, der Sohn Jakobs, einen Traum des Pharaos als sieben gute und sieben schlechte Erntejahre deutete. Vor 90 Jahren wurde im Rahmen einer Dissertation des deutschen Agrarwissenschaftlers Arthur Hanau erstmals der Schweinezyklus beschrieben und analysiert, demzufolge eine Preissteigerung zunächst zu weiteren Investitionen und schließlich zu Überkapazitäten führt, wodurch die Marktpreise letztlich wieder gedrückt werden. Niedrigere Preise ziehen wiederum weniger Investitionen und den Abbau von Kapazität nach sich, wodurch das Angebot schrumpft und die Preise wieder steigen – der Zyklus beginnt von vorne.

Kitchin- und Juglar-Zyklus

In den vergangenen Jahrzehnten wurden verschiedene Zyklen beobachtet, kürzere Zyklen (Kitchin-/ Juglar-Zyklen) werden dabei von langfristigen Zyklen mit einer Dauer von bis zu 50 oder 60 Jahren (Kondratieff-Zyklus) überlagert. Zu den wichtigsten Konjunkturzyklen zählt dabei der Kitchin-Zyklus, der in der Regel einen Zeitraum von vier Jahren umfasst. Wie beim Schweinezyklus ist die erste Hälfte des Kitchin-Zyklus von einem wirtschaftlichen Aufschwung, einer Produktionsausweitung und Lageraufbau gekennzeichnet, während es in den beiden nachfolgenden Jahren zu einem Abschwung mit einer Drosselung der Produktion und einem Abbau von Lagerbeständen kommt.

Der nach dem französischen Statistiker Clément Juglar benannte Juglar-Zyklus mit einer Dauer von sieben bis elf Jahren gilt als klassischer Konjunkturzyklus, in dem die Wirtschaft die Phasen Aufschwung, Boom, Abschwung und Rezession durchläuft, bevor der Zyklus von Neuem beginnt. Innerhalb der Aufschwungphase des Juglar-Zyklus kommt es oftmals zu konjunkturellen Dellen, in denen die Wirtschaft etwas an Wachstumsdynamik verliert. Dies ist auf die Überlagerung mit dem Kitchin-Zyklus zurückführen. So kann ein Juglar-Zyklus je nach Ausprägung zwei bis drei Kitchin-Zyklen umfassen. Die konjunkturellen Dellen entstehen, wenn sich der Juglar-Zyklus in einem Aufschwung befindet, der kürzere Kitchin-Zyklus aber gerade in einer Abschwungphase steckt. Treffen die Abschwungphasen des Kitchin-Zyklus und des Juglar-Zyklus zusammen, kann dies zu einer größeren Rezession der Wirtschaft führen.

Einfluss der Zyklen auf die Börsen

Konjunktur- und Wirtschaftszyklen haben damit auch Einfluss auf die Entwicklung der Börsen, wobei die Aktienkurse der realwirtschaftlichen Entwicklung in der Regel ein halbes Jahr vorauslaufen. So ging in der Vergangenheit beispielsweise einer Rezession der deutschen Wirtschaft des Öfteren eine schwächere Kursentwicklung des DAX voraus. Zuletzt war dies in den Jahren 2008/2009 der Fall.

Der vierjährige US-Präsidentschaftszyklus der in das Wahljahr, das Nachwahljahr, das 2. Nachwahljahr und das Vorwahljahr unterteilt wird, hat ebenfalls Einfluss auf die Kapitalmärkte, insbesondere auf amerikanischen Aktienmarkt. In der Vergangenheit ließen sich vor allem im Wahljahr und im Vorwahljahr überdurchschnittliche Kursanstiege beobachten. 2016 wurde die Erwartung, dass Jahre mit US-Präsidentschaftswahlen gute Börsenjahre sind, in denen die Kurse vor allem gegen Jahresende meist deutlich zulegen können, mit neuen Allzeit-Hochs an den US-Börsen einmal mehr bestätigt.

Immer wieder auftretende Kursmuster haben nicht nur etwas Faszinierendes, sie können Anlegern auch wertvolle Informationen für die Ausrichtung des Depots und Hinweise auf möglicherweise günstige Einstiegs- und Ausstiegszeitpunkte liefern. Anhaltspunkte, in welcher Phase sich ein Zyklus befindet, können volkswirtschaftliche Daten wie das Bruttoinlandsprodukt oder die Kapazitätsauslastung bzw. Lagerbestände in der Industrie geben. Legen die Unternehmensinvestitionen und privaten Ausgaben zu und steigt die Kapazitätsauslastung an, spricht vieles für einen laufenden Aufschwung. Sinkende Unternehmensergebnisse, stagnierende Löhne sowie eine Abnahme der Kapazitätsauslastung und Investitionstätigkeit sind hingegen ernstzunehmende Hinweise auf einen Abschwung.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Allerdings ist auf die Zyklen, die letztlich nur Durchschnittswerte verschiedener Zeiträume darstellen, nicht immer Verlass. Muster aus der Vergangenheit können zukünftige Entwicklungen nicht garantieren. Besondere Umstände und Marktgegebenheiten wie z. B. eine extrem expansive Geldpolitik der Notenbanken über einen längeren Zeitraum hinweg, können für Abweichungen von den Zyklusmodellen sorgen und die üblicherweise zu beobachtenden Mechanismen außer Kraft setzen. So erklärt sich auch, dass in der Literatur die Dauer des Juglar-Zyklus mit 7 bis 11 Jahren angegeben wird.


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