Relative Stärke

Anlagestrategien mit Relativer Stärke | 06.12.2017

Das Jahresende ist traditionell der Zeitpunkt, um Bilanz zu ziehen. Nicht nur für Unternehmen. Auch Anleger schauen dann, wie sich das Depot entwickelt hat. Welche Aktien haben an Wert gewonnen? Welche Aktien mussten Werteinbußen hinnehmen? Oftmals wird dabei auch der Vergleich zum DAX oder einem anderen Index gezogen, um herauszufinden, ob sich eine Aktie besser als der Index entwickelt hat oder Indexinvestment die bessere Alternative gewesen wäre.

Relative Stärke gegenüber einem Index

Die Kennzahl Relative Stärke vergleicht die Wertentwicklung einer Aktie mit ihrem jeweiligen Index für einen bestimmten Zeitraum miteinander. Hierbei wird davon ausgegangen, dass Aktien, die in der Vergangenheit eine deutlich bessere Performance als der Index aufweisen, diese Relative Stärke gegenüber dem Index beibehalten und somit interessante Kandidaten für ein Investment darstellen.

Um die Relative Stärke zu berechnen, wird der aktuelle Schlusskurs einer Aktie durch den Schlusskurs des zugrunde liegenden Index geteilt. Das Ergebnis wird anschließend durch das Ergebnis der Division des Schlusskurses der Aktie von n Tagen durch den Schlusskurs des Index vor n Tagen geteilt. Auf diese Weise erhält man eine Kennzahl, deren Wert um 1,0 schwankt. Werte über 1,0 signalisieren dabei, dass die Aktie eine höhere Wertentwicklung aufweist, als der Index. Werte unter 1,0 zeigen an, dass die Aktie eine schlechtere Wertentwicklung gegenüber dem Index aufweist. Ein Wert von 1,000 weist auf eine gleiche Wertentwicklung hin. Der Zeitraum für n ist frei wählbar und kann entsprechend dem Anlagehorizont angepasst werden. Gebräuchlich sind beispielsweise 20 Tage oder 60 Tage.

Hierzu ein Beispiel: Die Aktie der Fantasia AG ist Mitglied im Index HEX und notiert aktuell bei 53,00 Euro, der HEX notiert aktuell bei 1.675 Punkten. Vor 60 Handelstagen stand die Aktie der Fantasia AG bei 45,50 Euro, während der HEX bei 1.550 Punkten notierte. Daraus lässt sich eine Relative Stärke für 60 Tage mit dem Wert von 1,078 ermitteln (RS= 53,00/1.675 geteilt durch 45,50/1.550) Der Wert liegt über 1,00 und besagt, dass sich die Aktie der Fantasia AG in den vergangenen 60 Handelstagen deutlich besser entwickelt hat als ihr Index. Der Blick auf die konkrete Wertentwicklung bestätigt dies: Während die Aktie einen Kursanstieg um 16,5% verbuchte, belief sich das Plus beim Index auf rund 8,1%.

Relative Stärke nach Robert Levy

Einem etwas anderen Ansatz folgte Robert A. Levy. Er untersuchte in den 1960er Jahren die Entwicklung zahlreicher Aktien und stellte fest, dass es innerhalb des von ihm betrachteten Zeitraums von fünf Jahren immer wieder Aktien gab, die stärkere Kursanstiege verzeichneten als andere Titel. Dabei zeigte sich, dass vor allem Aktien, die in den letzten sechs Monaten deutlich gestiegen waren, ihre überdurchschnittliche Entwicklung häufig auch in den folgenden sechs Monaten fortsetzten.

Um Aktien zu finden, die vor der Fortsetzung einer überdurchschnittlichen Entwicklung standen, also eine hohe Relative Stärke aufwiesen, setzte Levy die Kursentwicklung einer Aktie innerhalb des letzten halben Jahres in Bezug zum aktuellen Aktienkurs. Dazu teilte er den aktuellen Wochenschlusskurs durch den Durchschnitt der letzten 27 Wochenschlusskurse. Auf diese Weise erhielt er eine Kennzahl, deren Wert ebenfalls um 1,0 schwankte. Je deutlicher der Wert über 1,0 liegt, desto größer ist danach die Relative Stärke der Aktie bzw. desto höher notiert der aktuelle Aktienkurs über dem Durchschnitt der letzten 27 Wochen. Umgekehrt deuten Werte unter 1,0 auf eine geringe Relative Stärke hin.

Levy erstellte für die beobachteten Aktien eine Rangliste, in der er sie anhand der Relative-Stärke-Kennzahl absteigend sortierte. Die Aktien, die sich unter den ersten 5% bis 7% auf der Liste fanden, waren für Levy Kandidaten für ein Investment. Einmal investiert hielt Levy die Aktien so lange, bis sie auf der Rangliste zu den 30% der schwächsten Aktien zählten. Dazu aktualisiert und überprüft er seine Rangliste wöchentlich. Wurden Aktien verkauft, konnte das Geld in die neuen Spitzenreiter investiert werden.

Tipps im Umgang mit der Relativen Stärke

Anlagestrategien, die auf Relativer Stärke basieren, wollen bestehenden Trends folgen. Diesem Ansatz liegt der Gedanke zugrunde, dass Trends lange anhalten können und die Tendenz aufweisen sich fortzusetzen. Allerdings sind die Daten der Vergangenheit, auf die die Strategien für die Berechnung der Relativen Stärke zurückgreifen, kein verlässlicher Indikator für künftige Entwicklung. Zudem lässt sich nicht abschätzen, wie lange sich ein bestehender Trend fortsetzt. Insbesondere wenn das Marktumfeld rauer und die Kursschwankungen größer werden, drohen abrupte Trendwechsel, was bei Trendfolgestrategien zu unbefriedigenden Ergebnissen führen kann.

Auf der anderen Seite weisen Unternehmen, deren Aktienkurs über einen längeren Zeitraum hinweg steigt, in der Regel auch einen erfolgreichen Geschäftsverlauf auf. In diesem Zusammenhang sollten Anleger ein Auge darauf haben, wie sich die aktuelle Geschäftsentwicklung darstellt und wie der Vorstand die weiteren Aussichten einschätzt. Informationen dazu finden sich in den Geschäfts- und Quartalsberichten der Unternehmen.


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