Rohöl

Schmierstoff der Weltwirtschaft | 03.02.2016

Kaum ein Thema beherrschte die Wirtschaftsnachrichten in den letzten Monaten so sehr wie der fallende Ölpreis. Nun sind erhöhte Kursschwankungen an den Rohstoffmärkten keine Seltenheit. Doch der jüngste Preissturz lässt aufhorchen, denn er hat weitreichende Auswirkungen – sowohl positive als auch negative.

Seit Mitte 2014 finden sich die Preise für Rohöl der beiden wichtigsten Sorten WTI (West Texas Intermediate) und Brent (benannt nach dem gleichnamigen Ölfeld in der Nordsee) nahezu ungebremst im Sinkflug. Kostete ein 159 Liter fassendes Barrel (Fass) Brent Ende Juni 2014 noch rund 112 US-Dollar, waren es Ende Juli 2015 nur noch gut 63 US-Dollar. Im Januar 2016 rutschte der Preis schließlich unter die Marke von 30 US-Dollar. Welches kuriose Ausmaß der Preisverfall inzwischen angenommen hat, zeigt sich, wenn man den Preis für einen Liter Brent bestimmt. Ausgehend von 28 US-Dollar ergibt sich bei einem Wechselkurs von 1,09 USD je Euro ein Literpreis von rund 16 Cent. Das ist günstiger als ein Liter Mineralwasser bekannter Markenhersteller und erst recht deutlich preiswerter als ein Liter Olivenöl. Doch von Rohöl als alternativem Salatdressing ist aus gesundheitlichen Gründen abzuraten.

Des einen Freud, des anderen Leid

Nun ist es nicht so, dass Öl nicht benötigt wird. Im Gegenteil. Erdöl ist als fossiler Brennstoff noch immer einer der wichtigsten Energieträger und dient weiterverarbeitet zu Benzin und Kerosin Autos und Flugzeugen als Treibstoff. Stichwort Weiterverarbeitung, die chemische Industrie benötigt Öl zur Herstellung von Kunststoffen. Ein niedriger Preis für den Rohstoff kommt dieser Branche tendenziell zugute. Auch für Fluggesellschaften bedeuten niedrige Kerosinpreise Kosteneinsparungen, während sich die Automobilindustrie angesichts günstiger Benzin- und Dieselpreise über eine steigende Nachfrage nach sprithungrigen Geländewagen oder rassigen Sportwagen freut. Durch niedrige Treibstoff- und Heizölpreise sparen schließlich auch die Verbraucher Geld, das sie gerade in Zeiten niedriger Zinsen gerne für den Konsum verwenden.

Für Unternehmen aus der Ölbranche, die mit der Erforschung und Erschließung von Ölvorkommen sowie der Förderung, Raffinierung und dem Verkauf des Öls Geld verdienen, ist die aktuelle Situation weit weniger erfreulich. Große Ölkonzerne wie BP oder Total stellen angesichts des niedrigen Preises Investitionen in die Erschließung neuer Vorkommen zurück und versuchen die gesunkenen Einnahmen aus dem Verkauf des Öls durch Kostensenkungsmaßnahmen zu kompensieren. Dazu zählt auch der Abbau von Arbeitsplätzen. Kleinere Firmen, die sich speziell auf Erschließung von Schieferölfeldern mithilfe des Fracking spezialisiert haben, können zu den aktuellen Preisen jedoch nicht mehr rentabel arbeiten. Da sie nur über geringes Einsparpotenzial verfügen, droht ihnen die Insolvenz. Dies wiederum hat Auswirkungen auf die Banken, denn die Kredite, die die Firmen zur Finanzierung der Erschließung und Förderung aufgenommen haben, drohen dadurch auszufallen.

Angebot überwiegt derzeit die Nachfrage

Anders als die Preisentwicklung es vermuten lässt, ist die weltweite Nachfrage nach Erdöl in den letzten Jahren stetig gestiegen. So geht aus dem Oil Market Report der International Engery Agency (iea) vom Dezember 2015 hervor, dass der weltweite Ölbedarf 2014 bei 92,8 Mio. Barrel pro Tag (mb/d) lag und 2015 auf 94,6 mb/d gestiegen sein dürfte. Selbst in China wird 2015 mit einem Anstieg der Nachfrage gegenüber 2014 von 10,6 auf 11,3 mb/d gerechnet – trotz einer sich abschwächenden Wirtschaft. Für 2016 sagt die iea einen Anstieg des weltweiten Bedarfs um 1,3% auf 95,8 mb/d voraus.

Der drastische Kursrückgang ist daher auf das stark ausgeweitete Angebot zurückzuführen. Ausschlaggebend hierfür ist das zusätzliche Angebot an Öl, das vor allem in den USA und Kanada per Fracking aus Ölschiefer gewonnen wird und den USA dazu verhalf, vom Ölimporteur zum Ölexporteur aufzusteigen. Im Kampf um Marktanteile verzichtete die OPEC im Dezember 2015 auf eine Begrenzung der Fördermengen. Dass der Iran nach dem Ende der Sanktionen nun ebenfalls wieder verstärkt Öl exportiert, verschärft die Situation weiter.

Für Länder, die einen Großteil ihrer Einnahmen aus dem Verkauf von Erdöl beziehen, führen die gesunkenen Preise zu spürbaren Belastungen im Staatshaushalt. Venezuela hat bereits den Wirtschaftsnotstand ausgerufen und in Russland müssen die Minister - trotz einer Ölförderung auf Rekordniveau – eine Kürzung von 10% in ihren Ressorts vornehmen. Selbst das als Inbegriff für Reichtum stehende Saudi-Arabien hat Subventionen für die Bevölkerung gestrichen und zusätzliche Steuern erhoben, um das Loch im Staatshaushalt nicht weiter ausufern zu lassen.


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