Was sind Chancen und Risiken des Digitalen Euro?

Experten sind überzeugt: Der digitale Euro wird kommen.

In unserer letzten Leserfrage haben Sie sich mehr Informationen gewünscht. Wir haben recherchiert: Alles rund um Chancen und Risiken der digitalen Währung.

Noch sind viele Fragen rund um das elektronische Zahlungsmittel offen. Doch der Wettlauf um die Einführung von digitalem Geld hat längst begonnen. Die Nase vorn haben bislang China und die USA. Peking testet seit März 2020 seine staatliche Digitalwährung Digital Currency Electronic Payment (DCEP). Der US-Konzern Facebook will seine Währung Libra Ende dieses Jahres einführen. Derweil hinkt die Europäische Zentralbank (EZB) hinterher. Nicht zuletzt in Deutschland werden die Rufe nach einer Einführung des digitalen Euro immer lauter, um in der globalisierten Welt vor allem für Industrie und Wirtschaft Wettbewerbsnachteile zu vermeiden. Doch eine universell zugängliche digitale Zentralbankwährung bietet nicht nur Chancen, sondern birgt auch Risiken.

Warum der digitale Euro dringlich ist

Seit 2018 ist die Debatte um das Thema Digitale Zentralbankwährung (englisch: Central Bank Digital Currency, CBDC) voll entbrannt. Nach einer im Januar dieses Jahres von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) veröffentlichten Studie planen 10 % der weltweiten Zentralbanken kurzfristig die Einführung einer CBDC für die breite Öffentlichkeit, 20 % haben das mittelfristig vor. Aus Sicht des Digitalverbands Bitkom könnte das vor allem folgende Bereiche treffen:

  • internationale Überweisungen
  • Handel
  • Transaktionen von Kleinstbeträgen in der Industrie
  • Abwicklung von Wertpapieren und anderen Finanzinstrumenten
  • private Überweisungen über Messenger und soziale Netzwerke.

Zwischen den beiden Großmächten China und USA befindet sich Europa in einem technologischen und finanziellen Spannungsfeld. Auch mit Blick auf digitale Souveränität führt kein Weg daran vorbei, beim digitalen Euro schnell Fortschritte zu erzielen. „Noch besser wäre es, wenn die EZB eine Vorreiterrolle einnehmen würde, um beim Zahlungsverkehr der Zukunft nicht in weitere Abhängigkeiten zu geraten“, sagt Patrick Hansen, Bereichsleiter Blockchain beim Digitalverband Bitkom. Der Verband hat ein Infopapier „Digitaler Euro auf der Blockchain“ veröffentlicht.

Digitaler Euro: Welche Risiken bestehen

Finanzielle Instabilität von Geschäftsbanken: Kritiker befürchten, dass mit der Einführung einer CBDC Geschäftsbanken finanziell instabiler werden. So wird nicht ausgeschlossen, dass es zu „Bank Runs“ kommen könnte, bei denen erhebliche Liquidität aus dem Bankensektor zur EZB transferiert wird. Würde sich ein solches Szenario bewahrheiten, wäre der Bankensektor nicht ausreichend mit Liquidität ausgestattet. In Zeiten, in denen Kunden mangelndes Vertrauen in das Bankenwesen haben, könnten sie ihr Geld nicht nur bar, sondern auch in digitaler Form von den Banken abheben. Es könnte schnell zu einer Liquiditätskrise im Bankensystem kommen, wenn verängstigte Einleger ihr Geld auf ein sicheres Konto bei der Zentralbank überweisen.

Möglicher Einbruch im Kreditgeschäft: Angenommen, es kommt tatsächlich dazu, dass bei der Einführung einer CBDC Guthaben auf Giro- oder Tagesgeldkonten von den Geschäftsbanken zur EZB abgezogen werden, könnte ein Einbruch im Kreditgeschäft die Folge sein.

Mit diesen Risiken hat sich die EZB auseinandergesetzt. In einem Anfang dieses Jahres veröffentlichten Konzeptpapier schlägt sie ein System vor, das die Geschäftsmodelle der Banken erhält und „Bank Runs“ verhindern soll. Vorgesehen ist, dass über ein zweistufiges Verzinsungsmodell die digitale Währung als Zahlungsmittel attraktiv, als Wertaufbewahrungsmittel über einen Schwellenwert hinaus aber unattraktiv gestaltet wird.

Eine andere Option: „Um Bank Runs zu verhindern, könnte es auch klassische Mengenbeschränkungen geben“, sagt Hansen. Alternativ könnte auch das „digitale Abheben“ von Giroguthaben in CBDC ganz ausgeschlossen werden.

Was der digitale Euro für den Verbraucher bedeutet

Nicht wenige befürchten, dass mit der Einführung eines digitalen Euro die Abschaffung des Bargelds einhergeht. „Das wird – zumindest mittelfristig – nicht der Fall sein“, sagt Hansen. „Beide Formen von Geld werden parallel existieren. Zudem könnten gerade die sehr geschätzten Eigenschaften von Bargeld, etwa die Anonymität beim Bezahlen, in einem entsprechenden Euro-CBDC-Design in die digitale Zukunft übertragen werden.“ Aber wie genau läuft das Bezahlen mit dem E-Euro ab? Der digitale Euro könnte zum Beispiel in der Wallet-App, einer Art elektronischen Brieftasche, verwaltet werden. Zugriff hat nur der Besitzer des Geldes. Auch kann nur er das Geld einsehen. Will der Besitzer eine Überweisung tätigen, benötigt er die Wallet-Nummer und einen Schlüssel.

Von Maschine zu Maschine:

Interessant ist der digitale Euro nicht zuletzt auch im automatisierten Bereich. Denkbar ist zum Beispiel, dass eines Tages ein autonomes Elektroauto selbstständig an eine Ladesäule fährt, um Strom zu tanken. Bezahlt wird bilateral – von Maschine zu Maschine.

CBDC: Wie steht es um den Datenschutz?

Viele Verbraucher befürchten, eine digitale Währung könnte dazu führen, dass die jeweilige Zentralbank (und damit die Regierungen) jede Transaktion nachvollziehen und verfolgen könnten. Auch auf diese Vorbehalte hat die EZB reagiert und im Dezember 2019 ein Arbeitspapier veröffentlicht. Darin präsentiert sie einen CBDC-Prototypen, der auch anonyme Zahlungen garantiert – vorausgesetzt, es werden bestimmte Geldbeträge unterschritten. „Technisch wird das durch sogenannte Anonymity Voucher umgesetzt: Jeder Kunde könnte dadurch bis zu einem gewissen Betrag anonyme Transaktionen durchführen, die Identität wird der Zentralbank dabei nicht preisgegeben“, erläutert Hansen.

Anonymity Voucher sind Gutscheine, die in einem noch zu definierenden Zeitraum und bis zu einem begrenzten Betrag anonyme Geldtransfers möglich machen. Jeder Bürger bekommt dann eine bestimmte Voucher-Menge. Sind alle Gutscheine eingelöst, erfolgen die weiteren Transaktionen nicht mehr unerkannt. Allerdings: Die Transaktionsdaten sind für die Geschäftsbanken zugänglich und damit nicht wirklich anonym. Bitkom-Experte Hansen sieht darin einen klaren Nachteil des Prototyps, den die EZB bei künftigen Modellen berücksichtigen sollte. In Sachen Datenschutz und digitaler Euro bleibt also noch einiges zu tun.

Autor: ING