Wirbel um Gamestop-Aktien

Darum ging die Aktie des Spieleverkäufers jüngst durch die Medien

Leerverkauf und Short Squeeze – die Aktien des Videospiele-Händlers Gamestop hatten jüngst für Kurskapriolen an der Börse gesorgt. Wir erläutern Begriffe und erklären den Hintergrund.

Vor kurzem geriet das Thema „Leerverkäufe“ wieder in die Schlagzeilen. Grund waren die Kurskapriolen der Aktien des Videospiele-Händlers Gamestop – eine US-amerikanische Einzelhandelskette, die Filialen auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz betreibt. Um nachvollziehen zu können, was an der Börse genau passiert ist, erläutern wir einige Begriffe.

Das ist eine Short Position

Die Börse in Frankfurt am Main definiert eine Short Position als eine „Anlagesituation, in der ein Investor Wertpapiere verkauft, die er noch nicht besitzt, mit der Absicht, diese zu einem späteren Zeitpunkt günstig einzukaufen.“

Das ist ein Leerverkauf

Ein Leerverkauf – auch „Short Selling“ – ist die Veräußerung von Vermögenswerten, die ein Anleger aktuell gar nicht besitzt.

Ein Beispiel: Mal angenommen, die Aktie eines Unternehmens ist derzeit 200 Euro wert. Ein Anleger geht nun davon aus, dass der Wert dieser Aktie in absehbarer Zeit an Wert verliert. Er leiht sich nun von einem Broker 100 Aktien und verkauft sie umgehend zum aktuellen Preis von 200 Euro. Wenige Tage später tritt das erhoffte Szenario ein: Der Kurs der Aktie fällt, und zwar auf 150 Euro. Der Anleger kauft nun 100 Aktien zurück und gibt sie dem Broker wieder. Der Gewinn des Anlegers: Die Differenz zwischen dem Preis zum Zeitpunkt der Aktienausleihe – 200 Euro multipliziert mit 100 = 20.000 Euro – und dem Rückkaufwert der Aktien (150 Euro multipliziert mit 100 = 15.000 Euro), in dem Fall also 5.000 Euro.

Allerdings: Die Entwicklungen an der Börse sind unkalkulierbar. Mit anderen Worten: Short Selling ist nicht ohne Risiko. Es kann nämlich alles anders kommen – der Kurs sinkt eben nicht, sondern steigt. Dann muss der Anleger Verluste hinnehmen.

Warum es Leerverkäufe gibt

Leerverkäufe sind nicht unumstritten. Mit Leerverkäufen können Firmen und andere Investoren versuchen, sich gegen Kursrisiken abzusichern.

Ein Beispiel: Ein Unternehmen muss in einigen Monaten Rohstoffe einkaufen. Es rechnet mit höheren Preisen. Für einen Ausgleich kann es durch einen erfolgreichen Leerverkauf in anderen Bereichen sorgen – wenn denn diese Rechnung angesichts des unkalkulierbaren Geschehens an der Börse aufgeht.

Das ist ein Short Squeeze

Die Bezeichnung besteht aus zwei Wörtern. „Short“ sind Personen oder Institutionen, die Aktien leer verkauft haben. Das englische Wort „to squeeze“ heißt übersetzt „ausquetschen“.

Beim Short Squeeze passiert folgendes: Der Kurs einer Aktie steigt über mehrere Tage hinweg rasant und überraschend. Das hat zur Folge, dass Anleger, die Leerverkäufe getätigt haben und somit short sind, massiv in finanzielle Bedrängnis geraten. Da der Kurs entgegen ihres Kalküls stark zulegt, drohen ihnen enorme Verluste – sie müssen ja die leer verkauften Aktien zurückkaufen und haben dafür in aller Regel Fristen zu beachten. Jetzt kommt es zum Short Squeeze, die Short Seller werden finanziell „ausgequetscht“.

Ein weiteres Beispiel: Die Aktie eines Unternehmens ist derzeit 200 Euro wert. Ein Anleger geht nun davon aus, dass der Wert dieser Aktie in absehbarer Zeit an Wert verliert. Er leiht sich nun von einem Broker 100 Aktien und verkauft sie umgehend zum aktuellen Preis von 200 Euro. Wenige Tage später tritt das Gegenteil des erhofften Szenarios ein: Der Kurs der Aktie steigt, und zwar auf 250 Euro. Der Anleger muss trotzdem 100 Aktien bis zum Fristende zurückkaufen und dem Broker wiedergeben. Der Verlust des Anlegers: Die Differenz zwischen dem Preis zum Zeitpunkt der Aktienausleihe – 200 Euro multipliziert mit 100 = 20.000 Euro – und dem Rückkaufwert der Aktien (250 Euro multipliziert mit 100 = 25.000 Euro), in dem Fall also 5.000 Euro.

Bekanntestes Beispiel für einen Short Squeeze in Deutschland: Zu einem Short Squeeze kam es bei den Kurskapriolen von Volkswagen im Zusammenhang mit der gescheiterten Übernahme durch Porsche im Jahr 2008. Der Kurs schoss innerhalb weniger Tage von etwa 200 auf rund 1.000 Euro, da nur wenige Anteilsscheine frei handelbar waren.

Das passierte im Fall der Gamestop-Aktien

Es begann am 12. Januar 2021. An dem Tag war die Gamestop-Aktie an der Frankfurter Börse etwa 16 Euro wert. Hedgefonds – das ist eine Form von Investmentfonds mit sehr spekulativen Anlagestrategien – hatten viele Aktien des Videospiele-Händlers geliehen, leer verkauft und spekulierten auf einen fallenden Kurs. Es kam anders. Kleinanleger organisierten sich im Internet und kauften massenweise Gamestop-Aktien. In der Folge stieg der Kurs rasant in die Höhe. Zwei Wochen nach dem 12. Januar 2021 war der Wert der Aktie zwischenzeitlich auf mehr als 400 Euro gestiegen.

Den Short Sellern der Hedgefonds blieb nichts anderes übrig, als die leer verkauften Aktien zu einem deutlich höheren Preis zurückzukaufen. Einige der Hedgefonds könnte dies finanziell an den Rand des Ruins getrieben haben.

Am Ende könnten durch die Kurskapriolen viele als Verlierer dastehen, warnte etwa der weltweite Hedgefonds-Verband Aima in einem Brief an seine Mitglieder.

Beim Verfassen des Textes lag der Wert einer Gamestop-Aktie bei rund 43 Euro.

Autor: ING