Prognosen zur Inflation

Inflation wird kräftig steigen – aber nur kurzfristig

Anfang 2021 wurde die Mehrwertsteuer erhöht, die neue CO2-Abgabe verteuerte fossile Kraft- und Heizstoffe - und mit dem Ende des Lockdowns könnten die Preise auf weiter Front steigen. Ist das jetzt das Comeback der Inflation?

Die Europäische Zentralbank (EZB) versucht seit Jahren, die Teuerungsrate in der Eurozone auf einen Zielwert von knapp unter 2% zu heben. Auf den ersten Blick scheint es, die Notenbank sei gescheitert. Denn die EZB erwartet für das vergangene Jahr eine Inflationsrate lediglich in Höhe von 0,2%.

„Ohne die EZB wäre die Inflation noch niedriger“

Aus Sicht von Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland, hat die Notenbank dennoch Erfolg gehabt: „Die EZB ist nicht gescheitert. Ohne die Maßnahmen der vergangenen Jahre wäre die Inflation noch viel niedriger.“ Und die EZB sei auch noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten, die Teuerungsrate dem Zielwert weiter näherzubringen. „Um noch mehr zu machen, könnte die EZB vor allem die altbekannten Instrumente weiter einsetzten: Anleihen kaufen, Zinsen senken. Außerdem könnte man an den Aufkauf von Wertpapieren denken, was allerdings politisch sehr umstritten wäre“, sagt Brzeski.

Wirkung von Helikoptergeld würde wohl verpuffen

Zudem könnte die EZB sogenanntes Hubschrauber- oder Helikoptergeld in die Wirtschaft pumpen. Brzeski: „Das müsste allerdings über die Geschäftsbanken laufen, da die Notenbank keinen direkten Zugang zu den Wirtschaftsakteuren hat.“

Helikoptergeld ist neues Geld einer Notenbank, das direkt an Unternehmen und Bürger ausgegeben würde, damit dadurch die Wirtschaft angekurbelt wird. Eine große Umfrage der ING Deutschland zum Helikoptergeld hingegen ergab 2016, dass „der Großteil aller Deutschen und Europäer“ den Geldsegen auf dem Konto belassen, anlegen oder damit bestehende Schulden reduzieren würde.

Globalisierung und Digitalisierung bremsen die Inflation

Bleiben noch die Fragen, warum die Inflation im Euroraum so niedrig ist und was überhaupt der Vorteil einer Teuerungsrate in Höhe von rund 2% wäre? Carsten Brzeski nennt zum einen die zu schwache wirtschaftliche Entwicklung im gemeinsamen Währungsraum, die nicht ausreichte, die Inflation anzukurbeln. „Zum anderen verhindern weltweite Faktoren wie die Globalisierung und auch die Digitalisierung, dass die Preise steigen“, sagt der Volkswirt. Theoretisch gebe es wenig gegen niedrige Inflationsraten einzuwenden. Selbst Mario Draghi, bis 2019 Präsident der EZB, brachte es einmal auf den Punkt, dass man sich mit niedriger Inflation mehr kaufen könne.

Deflation verhindert Investitionen

Laut Brzeski geht es bei der Geldpolitik der EZB aber vor allem darum, einen Sicherheitsabstand zur Deflation zu halten. Das bezeichnet eine Phase, in der die Preise nicht weiter steigen, sondern sogar eher zurückgehen. Und das kann verheerende Folgen für eine Volkswirtschaft haben: „Denn sobald die Preise aber sinken und die Wirtschaftsleistung insgesamt schwach ist, besteht die Gefahr, dass alle auf noch mehr fallende Preise warten und damit die Wirtschaft in eine Schockstarre fällt“, sagt der ING-Experte. Denn wer investiert schon in neue Maschinen oder den Aufbau eines Unternehmens, wenn er damit rechnet, dass Produkte oder Dienstleistungen aufgrund der Deflation künftig immer noch günstiger werden?

Deutsche Inflation in zweiter Jahreshälfte über EZB-Ziel

Zumindest am Anfang des Jahres haben sich die Preise in Deutschland wieder erhöht. Die Mehrwertsteuersätze stiegen von 5 auf 7 und von 16 auf 19 %, die CO2-Steuer verteuerte den Liter Benzin um sieben Cent, Diesel und Heizöl wurden gar um 7,9 Cent teurer.

Ist das jetzt der Anfang einer starken Zunahme der Inflation? Brzeski: „Es ist zumindest der Beginn einer starken Inflation im Jahr 2021. So wird in Deutschland die Teuerungsrate in der zweiten Jahreshälfte sehr wahrscheinlich über 2% liegen.“ Aber 2022 werde sich alles wieder beruhigen. Für das Gesamtjahr 2021 erwartet die ING Deutschland im Schnitt einen Wert von 1,5% - und auch für das kommende Jahr rechnet Experte Brzeski mit dieser Inflationsrate. Nach den niedrigen Werten der vergangenen Jahre nähert sich somit die Inflation zumindest wieder dem angestrebten Wert der EZB.

Autor: ING