Jobwechsel in Krisenzeiten: Riskant oder ein guter Zeitpunkt?

Trotz Pandemie beruflich neu orientieren

Neun von zehn Arbeitgebern sind laut einer Umfrage der Jobplattform StepStone der Ansicht, es lohnt sich, einen neuen Job zu suchen - trotz Pandemie. „Viele Menschen glauben, es sei aktuell sinnlos, sich zu bewerben - auch diejenigen, die sich in ihrem aktuellen Job gar nicht wohlfühlen", sagt StepStone-Arbeitsmarktexperte Tobias Zimmermann in einer Mitteilung zur Umfrage. Doch: „Viele Unternehmen stellen gerade trotz des Lockdowns weiterhin ein”. Wer sich nicht mehr in seinem Job wohlfühle, sollte sich nicht entmutigen lassen, nach einer passenderen Arbeit zu suchen.

Die Chancen für flexible Jobwechsler

Die Studie habe gezeigt, dass die Neueinstellungen bei vielen Unternehmen auch während Corona nicht ins Stocken geraten seien. Für Jobwechsler bedeute das: „Sie haben vor allem gute Chancen, wenn sie flexibel sind. Denn in manchen Branchen wird die Situation erst einmal schwierig bleiben, zum Beispiel in den Bereichen Hotel, Gastronomie, Freizeit, Kultur, Sport sowie im klassischen Handel.“

Doch bei vielen Arbeitnehmern sorgt die Corona-Krise für Verunsicherung. Pläne zum Jobwechsel werden erst mal auf Eis gelegt, wie eine Umfrage von Statista und YouGov ergab. Demnach berichteten 43 % der Befragten ab 18 Jahren im Herbst 2020, dass sie ihren bereits vor der Corona-Krise geplanten Jobwechsel nun erst im Jahr 2021 umsetzen wollten; 9 % der Befragten hatten ihn damals bereits verwirklicht.

Den besten Zeitpunkt erkennen

Also lieber bleiben oder trotz Krise gehen? „Man sollte hier gut abwägen”, rät Martin Schweinsberg, Psychologe und Assistant Professor für Organizational Behavior an der privaten Hochschule ESMT in Berlin. Die Person sollte nicht nur schauen, wann es für sie gut sei zu gehen, sondern auch auf den richtigen Zeitpunkt für den Arbeitgeber achten. Es sei wichtig, das alte Team nicht hängen zu lassen. „Einerseits ist es einfach nicht die richtige Art, andererseits kann es auch immer sein, dass man den alten Job mal wieder haben möchte”, sagt Schweinsberg.

„In einer solchen Ausnahmesituation den Job zu wechseln ist riskant, der Arbeitsmarkt liegt nahezu in allen Branchen darnieder”, sagt Psychologin und Coach Kristine Qualen. Weniger riskant sei eine solche Entscheidung, wenn man sich in einer trotz Krise boomenden Branche bewege. Außerdem sei es vorteilhaft, wenn man Erfahrungen mitbringe, die der neue Arbeitgeber dringend benötige. „Daher meine Empfehlung: keine Kurzschluss- oder Weg-von-Entscheidungen.”

Die Expertin rät dazu, den Markt beobachten und das eigene Kompetenzprofil zu erarbeiten, zu analysieren und zu pflegen. „Solche Überlegungen setzten Energien und Ideen frei, und es geht nicht mehr nur darum, wegzukommen.”

Die Alternativen rechtzeitig checken

„Aus ungekündigter Position heraus bewirbt es sich sehr viel leichter und entspannter, als wenn man Hals über Kopf alles hinschmeißt und nach etwas Neuem sucht”, sagt Qualen. „Man läuft dann Gefahr, aus Ängsten heraus Kompromisse zu schließen, die wieder in eine Sackgasse führen.”

Stattdessen sollte man sich aus dem Job heraus nach Alternativen umsehen, empfiehlt auch Experte Schweinsberg. „Sich früh und regelmäßig auch nach Alternativen umzusehen, ist unglaublich wichtig.”

Den „verdeckten Arbeitsmarkt” entdecken

Auf Jobportalen oder über Stellenanzeigen etwa in Zeitungen können Suchende auf passende Angebote stoßen. Aber: „Oftmals finden sich die besten und interessantesten Möglichkeiten auf dem sogenannten verdeckten Arbeitsmarkt”, sagt Schweinsberg. Nicht alle freien Stellen landeten auf den gängigen Suchbörsen, schließlich werde auch „unter der Hand” besetzt.

„Der verdeckte Arbeitsmarkt bietet meiner Erfahrung nach sehr viel bessere Chancen”, sagt auch Qualen. Dazu zählen auch Initiativbewerbungen. Netzwerkpflege sei an dieser Stelle zentral, man könne etwa in Eigenregie Personalberater ansprechen, rät die Psychologin. „Dies aber nicht gießkannenförmig, sondern unter Berücksichtigung von deren Branchenschwerpunkt und mit einer klaren eigenen Ausrichtung.”

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Laut Bildungsinstitut LVQ basieren die Regeln des verdeckten Jobmarkts auf Vertrauen und Empfehlungen - und auch etwas auf Zufall und Glück. Bedeutet also auch, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Wer Kontakte in die Zielbranche bewusst pflegt, erhöht seine Chancen. Das funktioniert auch über Soziale Netzwerke, die sich vor allem Beruflichem widmen, etwa Xing oder Linkedin.

Autor: ING