Nach der Krise ist nicht vor der Krise

Kolumne von Carsten Brzeski

Vor einem Monat diskutierte Deutschland noch über Thüringen, den Green Deal oder Fan-Proteste in der Fußball Bundesliga. Mittlerweile scheinen diese Themen aus einer lang vergangenen Zeit zu stammen. Innerhalb weniger Wochen hat sich die gesamte Welt komplett verändert. Die Weltwirtschaft hat in großen Teilen eine Vollbremsung hingelegt. Von 100 auf Null.

Das Virus trifft alle. Auch wenn man sich nicht angesteckt und alle Angehörigen und Freunde gesund bleiben. Home Office, leere Regale im Supermarkt, Abstandhalten, Mundschutz. Für alle ganz neue Erfahrungen. Nur für die Filmliebhaber nicht. Denn wer 2011 schon den Film “Contagion” gesehen hat, wusste, was auf uns zu kommt. Es ist eine neue Wirklichkeit mit noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Folgen. Was vor einem Monat noch aussah wie eine auch schon leicht neue Kombination von Nachfrageausfall aus China und Verzögerungen bei Lieferketten ist mittlerweile ein kompletter Stillstand der meisten westlichen Ländern geworden.

Rezession ist daher nicht die richtige Bezeichnung. Krise oder Wirtschaftseinbruch passen besser. Durch den Stillstand wird die deutsche Wirtschaft in der ersten Jahreshälfte wahrscheinlich so stark schrumpfen wie während der gesamten Finanzkrise 2008 und 2009. Wie es danach weitergeht, steht noch in den Sternen. Der Aufschwung wird kommen, aber er wird abhängig sein von wann und wie der Lockerung der bisherigen Vorsichtsmaßnahmen. Die aktuellen Ankündigungen aus Österreich zeigen, dass sich so ein Prozess über etliche Monate hinziehen kann.

Wie viel bleibender Schaden durch diesen Stillstand entsteht, kann man jetzt noch nicht sagen. In Deutschland haben wir das Glück, dass die Bundesregierung schneller als die meisten anderen Länder mit weitgreifenden, und bisher unvorstellbaren, Maßnahmen reagiert hat. Mit dem Programm aus Garantien, Liquiditätshilfen, Soforthilfen und Kurzarbeit sollte die Fallhöhe der deutschen Wirtschaft begrenzt werden. Wahrscheinlich wird es sogar noch mehr geben und sollten wir uns auf weitere Konjunkturpakete einstellen. Nachdem Wirtschaftsexperten die Bundesregierung jahrelang wegen dem Festhalten an der Schwarzen Null und dem Widerstand gegen neue Investitionen kritisiert haben, ist es jetzt Zeit für ein bedingungsloses Kompliment.

Es bleibt also zu hoffen, dass Corona sich am Ende einfach einreiht in die Liste anderer Pandemien, wie der Spanischen Grippe, der Asiatischen oder Chinesischen Grippe. Am Ende der Pandemien kam die Wirtschaft immer wieder zurück. Es folgte keine lange Phase der Stagnation.

Ja, es gibt eine Zeit nach der Krise. Ob diese Zeit allerdings eine einfache Rückkehr zur Normalität wird, ist eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist es, dass die Krise strukturelle Spuren hinterlassen wird. Bleibt Abstandhalten im Alltag? Werden wir strukturell mehr im Home Office arbeiten? Gibt es eine Abkehr von den flexiblen Arbeitsplätzen? Sehen wir eine Renaissance des eigenen Autos und ein Ende der Sharing Economy? Setzt sich der Trend der De-Globalisierung fort und bekommen wir noch mehr nationalistische Reflexe? Ganz zu schweigen von den Fragen, wie Notenbanken und Regierungen aus den aktuellen Notprogrammen wieder aussteigen wollen? Es ist deutlich, dass wir auch nach dem Ende der Corona-Krise nicht so schnell wieder über Politik in Thüringen oder Fan-Proteste in der Bundesliga diskutieren werden.

Autor: Carsten Brzeski