Konjunktur 2021: Zwischen Lockdown und Erholung

Wachstum mit unterschiedlicher Geschwindigkeit

Seit knapp eineinhalb Jahren nimmt das Coronavirus tiefgreifenden Einfluss auf das gesellschaftliche Zusammenleben und die Entwicklung der Konjunktur rund um den Globus. Die meisten Staaten verzeichneten 2020 einen starken Einbruch ihres Wirtschaftswachstums. In seinem Anfang April 2021 veröffentlichten World Economic Outlook (WEO) beziffert der Internationale Währungsfonds (IWF, engl. IMF für International Monetary Fund) den Rückgang der Weltwirtschaft im vergangenen Jahr auf -3,3 %. Das ist weniger als der im WEO vom Oktober 2020 erwartete Rückgang von -4,4 %. Ausschlaggebend dafür war ein dynamischeres Wachstum im zweiten Halbjahr 2020 nachdem es in vielen Regionen Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen gab und sich die Volkswirtschaften auf neue Arbeitsweisen eingestellt haben.

Ohne das massive Eingreifen von Politik und Notenbanken hätte der Einbruch der globalen Wirtschaft nach Schätzung der Ökonomen des IWF dreimal so groß ausfallen können. Die umfangreichen Hilfsmaßnahmen der großen Industrienationen zur Stützung ihrer Konjunktur sind zugleich ein wichtiger Baustein in den positiv stimmenden Wachstumsprognosen für 2021 und 2022. So rechnet der IWF im laufenden Jahr inzwischen mit einer stärkeren Erholung der Weltwirtschaft – das erwartete Wachstum von 6,0 % für 2021 und 4,4 % für 2022 liegt um 0,8 % bzw. 0,2 % über den Prognosen vom Januar 2021.

Biden-Boost für die US-Wirtschaft

Unter den führenden Volkswirtschaften wurden die Schätzungen für die USA besonders kräftig nach oben angepasst. Den aktuellen Prognosen zufolge wird die Konjunktur in den Vereinigten Staaten von Amerika 2021 um 6,4 % zulegen, für 2022 wird ein Wachstum von 3,5 % erwartet. Das sind 1,3 % bzw. 1,0 % mehr als noch im Januar prognostiziert. Ausschlaggebend für die starke Aufwärtsrevision ist unter anderem die Impfkampagne zum Schutz vor COVID-19, die maßgeblich von US-Präsident Joe Biden vorangetrieben wird. Im April 2021 war bereits mehr als ein Viertel der gesamten Bevölkerung in den USA vollständig geimpft. Bis Ende Mai sollen alle erwachsenen US-Bürger die Möglichkeit zur Impfung erhalten.

Das im März beschlossene Konjunkturpaket, dessen Volumen sich auf rund 1,9 Billionen US-Dollar beläuft, verleiht der Pandemiebekämpfung sowie der Erholung der US-Wirtschaft einen zusätzlichen Schub. Es beinhaltet unter anderem Finanzierungshilfen für Corona-Tests und die Impfkampagne. Die meisten US-Bürger erhalten zudem eine Zahlung in Höhe von 1.400 US-Dollar, womit der Konsum als wesentliches Rückgrat der US-Konjunktur angeregt werden soll. Trotz der optimistischen Prognosen signalisierte Fed-Chef Jerome Powell, dass er weiterhin Luft nach oben sehe und die Erholung noch ungleichmäßig sowie unvollständig sei. Die US-Notenbank werde daher an ihrer äußerst lockeren Geldpolitik festhalten.

Auch China unter Volldampf

China, zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, bekam als wahrscheinlicher Ausgangspunkt der Pandemie die negativen Auswirkungen des Coronavirus früher als alle anderen Länder zu spüren. Im ersten Quartal 2020 standen im Reich der Mitte viele Bänder still. Insbesondere in der Region rund um Wuhan fror ein strenger Lockdown das öffentliche Leben und die wirtschaftlichen Aktivitäten weitgehend ein. Zugleich stellte die Regierung in Peking finanzielle Mittel von mehr als 14 Mrd. Euro zur Verfügung, um die Pandemie zu bekämpfen und unter Kontrolle zu bringen.

Das strikte Vorgehen zeigte den gewünschten Erfolg und legte den Grundstein für eine rasche Erholung. Als einzige der großen Industrienationen konnte man 2020 ein Wirtschaftswachstum vorweisen, wenngleich dies mit 2,3 % für chinesische Verhältnisse relativ gering ausfiel. Im Rahmen der diesjährigen Tagung des Nationalen Volkskongresses gab Staatschef Xi Jinping für 2021 ein Wachstumsziel von mindestens 6 % aus. Der IWF rechnet dagegen mit einer dynamischeren Erholung und erwartet im laufenden Jahr ein Wachstum der chinesischen Wirtschaft von 8,4 % sowie 5,6 % im kommenden Jahr. Im Hinblick auf die Impfung der Bevölkerung liegt China gegenüber den USA indes deutlich zurück. Allerdings hat man das Virus aufgrund der bestehenden Einreise- und Quarantäneregelungen, die einer Abschottung nach außen gleichkommen, weitgehend im Griff.

Euroraum erholt sich langsamer

Für den Euroraum und die großen europäischen Länder hat der IWF die Erwartungen im Vergleich zum Ausblick vom Oktober 2020 dagegen gesenkt. Den neuesten Schätzung zufolge wird die Wirtschaft der Eurozone 2021 um 4,4 % wachsen (zuvor: 5,2 %). Der deutschen Wirtschaft, die derzeit mit der dritten Corona-Welle zu kämpfen hat, prognostizieren die Ökonomen ein Wachstum von 3,6 % im laufenden Jahr. Das sind 0,6 % weniger als noch im Oktober erwartet.

Diese Zahlen sind ein Fingerzeig darauf, dass sich die globalen Volkswirtschaften mit unterschiedlicher Geschwindigkeit erholen – je nachdem wie umfangreich die Hilfsmaßnahmen zur Bewältigung der Krise ausfallen und wie schnell die Länder mit der Immunisierung ihrer Bevölkerung vorankommen.

Entwicklungsländer im Nachteil

Noch deutlicher wird dies beim Blick auf die Schwellen- und Entwicklungsländer. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Viele Entwicklungsländer sind im Hinblick auf ihre limitierten finanziellen Möglichkeiten gegenüber Industriestaaten bei der Bewältigung der Pandemie im Nachteil – sei es bei der Beschaffung von ausreichend Impfstoff oder dem Schnüren von umfangreichen Konjunkturpaketen. Kommt dazu noch die Untätigkeit der Politik, verschlechtern sich die Perspektiven weiter.

Ein Beispiel hierfür ist Brasilien. Aufgrund der zögerlichen Haltung von Präsident Bolsonaro, Maßnahmen zum Schutz gegen das Coronavirus einzuleiten, ist das lateinamerikanische Land besonders hart von der Pandemie betroffen. Mit mehr als 389.000 Todesfällen belegt das Land in der Statistik einen traurigen zweiten Rang hinter den USA. Nach einem Konjunktureinbruch von 4,1 % im vergangenen Jahr sieht der IWF 2021 zwar eine Erholung der brasilianischen Wirtschaft um 3,7 %. Dieser Wert bleibt jedoch deutlich hinter der in 2021 für die Schwellen- und Entwicklungsländer insgesamt erwarteten Erholung von 6,7 % zurück.

Pandemie bedingt erhöhte Prognoseunsicherheit

Anlegerinnen und Anleger, die ihr Depot im Hinblick auf die Risikostreuung global aufstellen wollen, können die aktuellen Prognosen des IWF in ihre Investmententscheidungen einfließen lassen oder entsprechende Justierungen bei der Gewichtung einzelner Anlageregionen vornehmen. Dabei sollten die Prognosen jedoch nicht als alleiniges Entscheidungskriterium dienen. Der IWF selbst betont, dass der globale Ausblick von hoher Unsicherheit geprägt ist. So ist bei schnelleren Fortschritten in der Pandemiebekämpfung eine stärkere Erholung denkbar. Andererseits kann das Auftreten neuer Virusmutationen, gegen die Impfstoffe nicht wirken, die Krise verlängern und die Erholung ausbremsen. Auch die Effizienz politischer Maßnahmen zur Begrenzung der wirtschaftlichen Schäden sowie die Anpassungsfähigkeit der Volkswirtschaft werden das Tempo der Erholung in den jeweiligen Ländern bestimmen.

Autor: ING-DiBa AG