Flaggen, Demos und bunte Löwen

Was es mit dem Pride Month auf sich hat

Rot, orange, gelb, grün, blau, violett – diese Farben begegnen uns im Juni häufiger als in den anderen Monaten des Jahres: Es sind die Farben der Regenbogenfahne, denn es ist Pride Month. Mit ihnen wird auf die Rechte von schwulen, lesbischen, bisexuellen, transgender, intersexuellen und queeren Menschen (LGBTIQ*) aufmerksam gemacht.

Regenbogen für die Vielfalt

Die erste Regenbogenfahne wehte wohl auf einer Demonstration für die Rechte von Homosexuellen am 25. Juni 1978 in San Francisco. Das Design entwarf der schwule Künstler Gilbert Baker; er sah im Regenbogen die „natürliche Flagge des Himmels“. Seitdem hat sich viel getan – 1978 wäre es noch unvorstellbar gewesen, dass etwa der Deutsche Fußball-Bund die Regenbogenflagge als Zeichen und Bekenntnis „für Diversität, Offenheit, Toleranz und gegen Hass und Ausgrenzung“ hisst.

Wichtige Meilensteine der LGBTIQ*-Bewegung

  • 1969: Am 28 Juni setzten sich bei einer Razzia in der Bar „Stonewall Inn“ in der New Yorker Christopher Street dort feiernde Trans*menschen, Lesben und Schwulen massiv gegen die Polizeiwillkür und -gewalt zur Wehr. Die mehrere Tage dauernden Auseinandersetzungen gelten als Ursprung des heutigen „Christopher Street Day“ und des Pride Months.
  • 1969: Die Bundesregierung unter Willy Brandt überarbeitet den von den Nazis verschärften Paragrafen 175, aufgrund dessen vor allem schwule Männern in der Nazizeit in Konzentrationslager kamen. Ab dem 1. September ist praktizierte männliche Homosexualität unter Erwachsenen nicht mehr strafbar. Endgültig gestrichen wird der Paragraf 1994.
  • 1971: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von Rosa von Praunheim wird uraufgeführt. Der Film kritisiert die bundesdeutsche Gesellschaft, aber auch die Schwulenszene und schlägt hohe Wellen.
  • 1972: In Münster findet die erste Schwulendemo in der Geschichte der Bundesrepublik statt.
  • 1979: In Bremen und Berlin finden erstmals Demos als Christopher Street Day (CSD) statt. In den 1980er-Jahren entstand auch in der DDR eine Homosexuellenbewegung
  • 1990: In der ARD-Serie „Lindenstraße“ küssen sich erstmals zwei Männer im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen. Bei RTL geht die Komikerin Hella von Sinnen bereits seit 1988 offen mit ihrem Lesbischsein um. Hape Kerkeling und Alfred Biolek werden von Rosa von Praunheim geoutet.
  • 2001: Die eingetragene Lebenspartnerschaft für Homosexuelle wird deutschlandweit eingeführt. Im gleichen Jahr outet sich der Spitzenkandidat der Berliner SPD, Klaus Wowereit, mit dem Satz „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“.
  • 2017: Der Deutsche Bundestag verabschiedet am 30 Juni die „Ehe für alle“. Damit steht die Ehe auch homosexuellen Paaren offen.

Ein detaillierter Überblick über die Geschichte der Bewegung in Deutschland findet sich auf den Seiten des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD).

Trotz Fortschritt: Diskriminierung und Gewalt nehmen zu

Der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (68), sieht im Kampf gegen Diskriminierung noch einiges zu tun. Mit Blick auf sein Coming-out vor 21 Jahren sagte Wowereit, es sei viel passiert, etwa bei der Ehe für alle oder Gleichstellungen im gesetzlichen Bereich. „Aber machen wir uns nichts vor: In unserer Gesellschaft gibt es noch so viel Diskriminierung, und dagegen müssen wir ankämpfen.“ Dabei beschränkt sich Diskriminierung nicht auf (schlimm genug!) Ausgrenzung und blöde Sprüche. Laut LSVD steigt auch die Zahl homo- beziehungsweise transphob motivierter Übergriffen. 2021 wurden insgesamt 1.051 Straftaten registriert, davon 190 Gewalttaten. Die Dunkelziffer dürfte, so schätzen es Verband und Polizei, noch deutlich höher sein.

Unternehmen gehen (nicht immer) mit gutem Beispiel voran

Gegen Diskriminierung von LGBTIQ* wenden sich nicht nur Verbände und Vereine. Auch viele Unternehmen schmücken sich – gerade im Pride Month – offensiv mit der Regenbogenflagge oder schicken eigens einen Wagen auf die CSD-Parade. Aber meinen sie es wirklich ernst? Kritische Stimmen sprechen bereits von „Pinkwashing“. Analog zum „Greenwashing“, wenn es um Umwelt- beziehungsweise Klimafreundlichkeit geht, würden einige Firmen eine Identifizierung mit LGBTIQ*-Personen vorgeben, um ihren Produkten oder Dienstleistungen einen fortschrittlichen und modernen Anstrich zu geben. „Man möchte da auf einer Welle mitschwimmen und diesen Eindruck erwecken, dass man das unterstützt, auch wenn es im Rest des Jahres gar nicht der Fall ist“ sagt Felix Beilharz, Experte für Social-Media-Marketing, dem SWR in einem Interview.

RainbowLions: Diversity als kulturelles Selbstverständnis

Bei der ING setzen sich dagegen bereits seit vier Jahren das Netzwerk RainbowLions für eine Unternehmenskultur ein, in der sich alle wohlfühlen – unabhängig von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität. „Die ING ist bunt und darüber sollten wir offen sprechen“, sagt Sonja Göbel, die seit 2018 dabei ist. Deshalb hat sie ein E-Learning-Programm zum Thema „LGBTIQ* Awareness“ entwickelt – nicht nur für die ING Deutschland, sondern ING-weit auf Deutsch und Englisch. „Ich möchte, dass sich irgendwann jede*r in der ING traut, von Wochenenderlebnissen mit dem Partner oder der Partnerin zu berichten oder gemeinsame Urlaubsfotos zu zeigen. Es soll sich bei uns niemand verstecken oder verstellen müssen. Dafür ist das E-Learning ein weiterer wichtiger Schritt“, sagt Göbel.

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