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Coronakrise und Strukturwandel

Wie die Pandemie Deutschland verändert

Die Digitalisierung hat durch die Corona-Pandemie einen Schub erlebt. Ökonom Carsten Brzeski sieht in der Krise auch Chancen, die Deutschland nutzen kann.

Ende 2020 hat sich das Pandemie-Geschehen in Deutschland dramatisch verschlechtert. Die Politik reagierte entsprechend – bis hin zu den Maßnahmen für einen harten Lockdown vom 16. Dezember an. Die Ängste der Menschen vor den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise dürften steigen. Trotz all der düsteren Meldungen gibt es aber auch Positives: Die Digitalisierung erlebt einen Schub, der Staat fördert gezielt den Strukturwandel. Das schreibt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland, in einer Analyse.

Wirtschaftliche Unsicherheit steigt

Skiferien gestrichen, Restaurants, Kinos und Fitnessstudios geschlossen – bereits der „Lockdown light“ im November hat Deutschland hart getroffen. Vor allem auch die Unternehmen, die sich von den Schließungen im Frühjahr noch gar nicht erholen konnten. Laut Brzeski sind das die Bereiche, in denen immerhin zehn Prozent aller Arbeitnehmer hierzulande beschäftigt sind.

Mögliche Folgen: Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit dürften weiter steigen, Deutschland könnte 2021 zudem eine große Insolvenzwelle vor allem im Dienstleistungssektor erleben. Eine weitere Auswirkung des Lockdowns zeigt sich bei der ohnehin hohen Bereitschaft der Deutschen, Geld zu sparen. Denn durch den Lockdown kann weniger Geld ausgegeben werden.

Die wachsende Unsicherheit über die weiteren wirtschaftlichen Folgen der Pandemie könnte aus dem Nicht-Ausgeben aber ein vorsorgliches Sparen werden lassen, befürchtet Brzeski. Und wenn kein Geld ausgegeben wird, kann die Wirtschaft nicht wachsen.

Vom Sparweltmeister zum Ausgabenkönig

Während die Bürger sparen, steuert der Staat seit Beginn der Krise dramatisch um. Galt Deutschland in den vergangenen Jahren aufgrund der gesetzlich verankerten Schuldenbremse als Sparweltmeister, entpuppt sich die Regierung aufgrund des coronabedingten wirtschaftlichen Abschwungs als Ausgabenkönig: Sie startete das größte Konjunkturpaket alle europäischen Länder.

„Die Kehrtwende der deutschen Regierung in der Finanzpolitik ist das bemerkenswerteste Merkmal der Krise und sollte dazu beitragen, den notwendigen Strukturwandel im Jahr 2021 zu steuern“, sagt Ökonom Brzeski. Nach seiner Ansicht hat die Regierung in einigen Bereichen die richtigen Weichen gestellt. So wurden im Rahmen der Corona-Hilfen allein bis zu 60 Milliarden Euro bereitgestellt, um Investitionen in Nachhaltigkeit, Innovation, Digitalisierung und die Bekämpfung des Klimawandels zu fördern. Und die sind in einigen Bereichen auch dringend nötig

Chancen der Corona-Krise werden genutzt

Gerade das Thema Digitalisierung hat durch den Ausbruch der Pandemie einen erheblichen Schub bekommen. Zwar gibt es weiterhin klare Defizite im Bildungsbereich – das Homeschooling dürfte nur in wenigen Fällen gut organisiert gewesen sein. Aber der Unterricht zu Hause, Online-Lernen und das Arbeiten im Homeoffice haben noch einmal deutlich gemacht, wie dringend notwendig mehr und bessere Digitalisierung in Deutschland ist.

Brzeski: „Mit Blick auf die Investitionen in die Digitalisierung wird Covid-19 keine vergeudete Krise für Deutschland sein.“ Deutschland könne die Chancen der Krise nutzen. Zumal sich auch das Bewusstsein in vielen Unternehmen geändert habe. So dürfte das Arbeiten von zu Hause aus im Wechsel mit Anwesenheiten im Büro sicherlich zum „New Normal“ werden. Auch viele Dienstreisen dürften künftig – wie in der Krise gelernt – durch digitale Formate ersetzt werden.

Größter Wandel kommt im Herbst 2021

Für einen wichtigen Sektor der deutschen Wirtschaft sind die Aussichten indessen nicht sehr rosig. „Die Krise scheint die Notwendigkeit eines strukturellen Wandels im verarbeitenden Gewerbe noch verstärkt zu haben“, analysiert Brzeski. Dieser Bereich ist bereits seit längerem in Schwierigkeiten.
Gründe dafür liegen in den Handelsstreitigkeiten zwischen mehreren Ländern, einer stärkeren Konkurrenz aus Asien sowie dem Trend hin zu Dienstleistungen. Laut Brzeski gibt es bereits entsprechende Ankündigungen eines Stellenabbaus in dem Bereich.

Der endgültige Strukturwandel hierzulande wird aber politischer Natur sein. „Denn die Wahlen im Herbst 2021 werden das Ende der Amtszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel markieren. Wahrscheinlich“, sagt Brzeski.

Autor: ING