Überschuldungsreport: Was sind die Gründe für finanzielle Not?

Nicht immer haben Menschen Einfluss auf die Ursachen

Für manche ist der Blick auf die eigene Finanzlage ernüchternd: Das Guthaben auf dem Konto ist im Minus, das Geld im Portemonnaie überschaubar. Dazu türmt sich ein Stapel unbezahlter Rechnungen auf. Für die Betroffenen ist das Stress pur, wie auch unlängst eine Umfrage der ING zeigte.

Doch obwohl finanzielle Probleme so stark belasten können, suchen die meisten Betroffenen nicht sofort eine Schuldnerberatungsstelle auf – erst einmal versuchen sie, alleine ihre Probleme in den Griff zu bekommen. Das geht aus dem aktuellen Überschuldungsreport hervor, den dasInstitut für Finanzdienstleistungen (iff) und die Stiftung Deutschland im Plus jüngst präsentiert haben.

  • Überschuldung – Definition: Von Überschuldung ist die Rede, wenn Einkommen und Vermögen dauerhaft nicht mehr ausreichen, um Rückstände auszugleichen.

Schuldnerberatung wird oft spät in Anspruch genommen

Wer in eine finanzielle Schieflage gerät, versucht zumeist erst einmal, beispielsweise die Konsumausgaben einzuschränken, Abos zu kündigen oder den Verdienst aufzustocken. Auch das direkte Umfeld, etwa Angehörige und der Freundeskreis, wird um Hilfe gebeten. Wie aus dem vorgelegten Report hervorgeht, nehmen Betroffene die Schuldnerberatung oft vergleichsweise spät in Anspruch: wenn sich psychische, physische und soziale Probleme zeigen.

  • Hinweis: Für den diesjährigen Überschuldungsreport werteten das iff und die Stiftung Deutschland im Plus stichprobenartig 185.592 Fälle von Ratsuchenden in 72 Beratungsstellen aus allen Bundesländern aus.

Ursachen für die Überschuldung

Nicht immer liegt es an einem ungebremsten Konsumverhalten, dass Menschen sich verschulden. Gründe für eine Beratung waren dem Report zufolge

  • Arbeitslosigkeit in fast 23 % der Fälle, gefolgt von
  • Krankheit (rund 11 %) sowie
  • Scheidung oder Trennung (knapp 10 %).

Im Berichtsjahr 2020 war demnach in rund 45 % der Fälle die Überschuldung auf Ursachen zurückzuführen, auf die Betroffene nur im eingeschränkten Umfang Einfluss hatten.

In fast 19 % der Fälle wäre die Überschuldung aber auch vermeidbar gewesen – hier lag es unter anderem an diesen Gründen:

  • Konsumverhalten (fast 9 %),
  • fehlende finanzielle Allgemeinbildung (etwa 4 %),
  • unwirtschaftliche Haushaltsführung (rund 3 %) oder
  • Straffälligkeit (rund 2 %).

Auch laut Statistiken: Arbeitslosigkeit häufigster Grund

Das Statistische Bundesamt nannte zuletzt für das Jahr 2020 ebenfalls Arbeitslosigkeit (19,7 %) als häufigsten Auslöser für Überschuldung, gefolgt von Erkrankung, Sucht oder Unfall (16,5 %).

Überschuldung mit immer geringeren Beträgen

Und mit welchen Summen stehen die Betroffenen in der Kreide? Die Höhe der Schulden ist vergleichsweise gering, wie der Report von iff und Stiftung Deutschland im Plus weiter zeigt.

  • Rund 38 % der Beratenen haben Schulden von weniger als 10.000 Euro.
  • Bei weiteren rund 22 % betragen die Schulden zwischen 10.000 und 20.000 Euro.
  • Etwa 20 % sind mit einem Betrag von mehr als 40.000 Euro verschuldet.

Im Schnitt betrug 2020 die Schuldenhöhe 15.858,57 Euro. „Bereits eine kleinere Schuldenhöhe reicht aus, um überschuldet zu sein“, sagt die Geschäftsführende Direktorin des iff, Sally Peters. Damit setze sich die seit zehn Jahren anhaltende Entwicklung einer sinkenden Schuldenhöhe bei ratsuchenden Überschuldeten weiter fort.

  • Übrigens: Den Hauptanteil der Ratsuchenden machten auch im Jahr 2020 weiterhin Personen zwischen 25 und 45 Jahren aus.

Corona-Pandemie könnte zu mehr Überschuldeten führen

Das Problem Überschuldung könnte sich aus Sicht von Peters in den kommenden Monaten noch verschärfen. Der Grund: die Corona-Pandemie und die daraus resultierenden wirtschaftlichen Probleme. „Es gibt Hinweise, dass die Pandemie die Probleme bei vielen verschärft hat“, so die iff-Direktorin. Die Schwierigkeiten zeigten sich häufig verzögert, da erst jetzt viele feststellten, dass sie ihre finanziellen Verpflichtungen nicht schultern könnten.

Übrigens, auch der Staat nahm 2020 durch die Coronakrise mehr Schulden auf. Ob diese womöglich bald den Steuerzahler oder kommenden Generationen belasten, erfahren Sie im F.A.Z. Podcast Finanzen und Immobilien.

Wichtig: Die im Podcast vertretenen Meinungen sind die der Redakteure der F.A.Z. und spiegeln keine Meinungen oder Empfehlungen der ING wieder.

Frühzeitig auf professionelle Hilfe setzen

Der Rat der Fachleute: Sobald sich finanzielle Schwierigkeiten abzeichnen, sollten Betroffene möglichst rasch Hilfe suchen. „Überschuldung ist nach wie vor ein Tabuthema“, beklagt Andrea Brinkmann, Vorständin der Stiftung Deutschland im Plus. Dabei gelte: Je eher die Probleme offen angesprochen und gelöst werden, desto besser.