Immobiliensuche in Pandemie-Zeiten

Nach virtueller Besichtigung: Was gilt in der realen Welt?

Seit der Corona-Krise bieten immer mehr Vermieter und Makler digitale Wohnungsbesichtigungen an. Wofür solche Rundgänge durch das mögliche neue Zuhause geeignet sind – und wofür nicht.

Mehr Platz, ein Garten, eine leistungsstarke Internetverbindung für Homeoffice und –schooling – solche Kriterien sind seit der Corona-Krise für viele Menschen bei der Suche nach einem neuen Heim wichtiger geworden. Doch das perfekte Zuhause muss erst einmal gefunden werden. Dafür werden in Pandemie-Zeiten immer häufiger digitale Wege eingeschlagen.

Wie kann man sich eine Immobilie anschauen?

„Vermehrt werden derzeit online Besichtigungen angeboten”, berichtet Jutta Hartmann, Sprecherin beim Deutschen Mieterbund in Berlin. Sie weist allerdings auf die Nachteile hin. „Bei Online-Besichtigungen sieht der Mieter nur das, was ihm ausschnittsweise gezeigt wird”, gibt sie zu bedenken. Dennoch setzen Immobilienmakler immer häufiger darauf, online mehr Einblick in ihre Objekte zu bieten, etwa per Videoschaltung.

Und wenn es etwas zu bemängeln gibt?

Eine kontaktlose Vermietung sei grundsätzlich eine Möglichkeit, sagt Makler Roland Kampmeyer. „Die Mietsache sollte mit einem Protokoll bei Einzug übergeben werden, hierbei können dann im Fall von Mängeln diese vermerkt und gemeinsam Lösungen gefunden werden“, erläutert er. Wenn beide Seiten in maximaler Transparenz arbeiteten, funktioniere das auch.

Kampmeyer nutzt schon seit Jahren als Makler die Möglichkeit virtueller Besichtigungen. „Die Akzeptanz hat sich deutlich verbessert, weil mit Corona der praktische Nutzen stärker in den Vordergrund gerückt ist”, berichtet er.

Miet- oder Kaufvertrag nur nach echter Besichtigung unterschreiben?

„Insbesondere durch die Corona-Pandemie dient die virtuelle Tour sowohl Eigentümern als auch Interessenten vor allem dazu, nicht jeden Termin persönlich wahrnehmen zu müssen”, erklärt Dirk Wohltorf, Vizepräsident des Immobilienverbands Deutschland (IVD). Dabei gehe es aber darum, vorab valide auszusieben. „Nicht mehr und nicht weniger.” Der IVD, der Immobilienberater und Makler vertritt, gibt auf seiner Homepage auch Empfehlungen zum Umgang mit Wohnungsbesichtigungen während der Pandemie

Makler Wohltorf betont ausdrücklich: „Eine Online-Besichtigung kann nie die echte Besichtigung ersetzen.” Erst nach einer realen Inaugenscheinnahme sollten Interessenten einen Miet- oder Kaufvertrag unterzeichnen.

Wenn man nun doch einen Vertrag unterzeichnet?

Doch was, wenn man seine Traumwohnung in perfekter Lage gefunden hat und sie sich schnell sichern möchte? Wenn man nach dem Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst” nach der digitalen Besichtigung den Vertrag schnell unterzeichnet? In Metropolen wie Hamburg oder München ist die Wohnraumsuche schließlich beschwerlich und der Suchende muss sich gegen eine große Konkurrenz durchsetzen.

„Konnte der Mieter die Wohnung nur online besichtigen und schließt dann per Mail, Brief oder telefonisch einen Mietvertrag ab, steht ihm gegebenenfalls ein Widerrufsrecht zu, sollte die Wohnung nicht dem entsprechen, was sich der Mieter aufgrund der Online-Besichtigung vorstellen durfte”, erklärt der Deutsche Mieterbund auf seiner Website. Zwar schließe die Besichtigung der Wohnung vor Vertragsschluss ein Widerrufsrecht des Mieters aus – „allerdings ist der Deutsche Mieterbund der Auffassung, dass das nicht für reine Online-Besichtigungen gilt”.

Für Widerruf muss der Vermieter ein Unternehmer sein

Eine weitere Voraussetzung für ein mögliches Widerrufsrecht sei, „dass der Vermieter als Unternehmer handelt und einen für den Fernabsatz organisierten Betrieb unterhält”, heißt es beim Mieterbund. Wann ein Vermieter die Unternehmereigenschaft habe, sei aber umstritten: Einige Gerichte gingen schon bei der Vermietung von zwei Wohnungen davon aus, andere verlangten mindestens die Vermietung von sechs Wohnungen.

Ob nun mit Hilfe von 360-Grad-Rundgängen, Besichtigungsrobotern, Drohnen oder 3D-Brillen: Nicht nur die Corona-Krise dürfte den Trend zu solchen Besichtigungen verstärken, sondern auch die nunmehr gesetzlich verankerte Teilung der Maklerprovision beim Immobilienkauf. Zeit und möglicherweise auch Geld lassen sich so sparen. Welches Tool dabei verwendet wird, hängt auch vom Objekt ab. Bei der Standardmietwohnung kommen Drohnen wohl kaum zum Einsatz, bei der Luxusvilla dagegen schon eher.

Doch selbst wenn Sie nach einer virtuellen Tour durch die neuen Räume so schnell wie möglich einen Kauf oder eine Vermietung unter Dach und Fach bringen möchten, lautet der Rat der Experten: Verzichten Sie nicht auf eine persönliche Begehung! Schauen Sie sich das Wohnobjekt in der realen Welt an - und entscheiden Sie sich erst dann.

Autor: ING