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Kampf um Prozente

Chart of the Month

Verbraucher freuen sich natürlich über stabile oder gar sinkende Preise, doch Notenbanker treibt beim Blick auf niedrige Inflationsraten vor allem die Angst vor einer deflationären Spirale um: Konsumenten und Unternehmen, die in der Hoffnung auf immer weiter sinkende Preise Anschaffungen und Investitionen verschieben und so die wirtschaftliche Entwicklung abwürgen. Die Inflationsrate in Deutschland und in der Eurozone sank im August auf den niedrigsten Wert seit Jahren.

 

Unser Chart des Monats zeigt den Harmonisierten Verbraucherpreisindex HICP, den die Europäische Zentralbank zur Messung der Inflation verwendet (die vom statistischen Bundesamt für Deutschland ermittelte Inflationsrate lag im August bei 0,0 nach -0,1 im Juli). Natürlich gibt es für diesen niedrigen Wert schlüssige Erklärungen – zum einen natürlich die verringerte wirtschaftliche Aktivität durch die Corona-Pandemie selbst, zum anderen Maßnahmen wie beispielsweise die temporäre Reduzierung der Mehrwertsteuer in der größten Volkswirtschaft der Eurozone. Ein weiterer Grund ist der wiedererstarkte Euro, der vor allem für niedrige Energiepreise sorgt – zu erkennen auch an der nicht ganz so deutlich eingebrochenen Kerninflation, die um stark schwankende Preise bereinigt ist. Dennoch kann es bei derart niedrigen Werten nicht überraschen, dass sich die Währungshüter fragen, welche Instrumente sie ihrem geldpolitischen Werkzeugkasten womöglich noch hinzufügen können, um ihrer Zielmarke wieder näher zu kommen.

Inflation und Kerninflation in Deutschland und der Eurozone (Veränderung zum Vorjahresmonat in Prozent)

Quelle: Eurostat

Fed-Präsident Jerome Powell verkündete kürzlich, dass die US-Zentralbank als eines der Ergebnisse des jüngst abgeschlossenen „Strategic Review“ ihr Inflationsziel künftig als Durchschnittswert formulieren wird – dass also als Ausgleich für eine lange Zeit sehr niedriger Preissteigerungen nach einem Erreichen der Zielmarke auch eine überschießende Inflation für eine gewisse Zeit toleriert würde. Dies soll die Inflationserwartungen der Marktteilnehmer beeinflussen. Die EZB durchläuft derzeit ihr eigenes „Strategic Review“. Ob dieser Prozess – voraussichtlich zum Ende des kommenden Jahres – auch in Frankfurt mit einer Neufassung des Inflationsziels endet, ist noch ungewiss.

 

Denkbar wäre eine Umstellung auf ein durchschnittliches Ziel wie bei der Fed – oder als kleinerer Schritt auch nur eine Überarbeitung der bisherigen Formulierung „unter, aber nahe zwei Prozent“, die ja nahelegt, dass ein Überschreiten der Zielmarke nicht toleriert würde. So oder so dürften aber Inflationszahlen in der Größenordnung von zwei Prozent fürs Erste weiterhin Zukunftsmusik bleiben. Womöglich sorgen Ölpreisschwankungen hier und da für ein Aufflackern der „Headline Inflation“; dass sich die Kerninflation, auf die die EZB schon lange ein besonderes Augenmerk legt, deutlich auf die Zielmarke zubewegt, ist aber weiterhin nicht abzusehen. Und so ist es unabhängig von einer möglichen späteren Neuformulierung des Inflationsziels wohl nur eine Frage der Zeit, ehe man in Frankfurt noch einmal nachlegt und das Anleihekaufprogramm ausweitet – das stärkste Werkzeug, das man derzeit im Kasten hat.

Autor: Sebastian Franke