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Starterlaubnis für die Hubschrauber?

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Die Europäische Zentralbank packt die „Big Bazooka“ aus: Unter der Bezeichnung „Pandemic Emergency Purchase Programme“ will die EZB zusätzlich zu den bisherigen Kaufprogrammen bis mindestens Ende 2020 Anleihen in einer Größenordnung von 750 Milliarden Euro erwerben. Durch die zusätzliche Liquidität soll die Wirkungsfähigkeit der geldpolitischen Transmissionsmechanismen sichergestellt werden. Es ist auch ein deutliches Signal Richtung Finanzmärkte: Alle erneuten Spekulationen über einen möglichen Zerfall der Eurozone sollen im Keim erstickt werden. Zum Auffangen der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise stand neben einer Ausweitung der Anleihekäufe zuletzt auch eine andere mögliche Maßnahme in der Diskussion: das sogenannte Helicopter Money. Aus Hubschraubern abgeworfenes Geld steht dabei natürlich nur sinnbildlich für Überweisungen oder Konsumgutscheine, aber die Kernidee ist klar: Es geht dabei nicht um Bankenliquidität oder Finanzierungsbedingungen, sondern um Geld, das den Bürgern direkt zur Verfügung gestellt werden würde.

 

Eine breite Diskussion zu diesem Thema gab es erstmals Mitte der 2010er Jahre, als sich die EZB vergeblich abmühte, die schwächelnde Inflation auch nur in die Nähe des Zielwertes von „nahe bei, aber unter 2 Prozent“ zu bekommen. Von Hubschraubergeld wollte man aber im Frankfurter Ostend nichts wissen – Mario Draghi wiederholte auf jeder Pressekonferenz, dass dieses Thema auf den Sitzungen des EZB-Rats nicht besprochen worden war. Die ING stellte 2016 im Rahmen einer repräsentativen Umfrage dennoch zur Debatte, wie die Konsumenten in Europa mit einem Betrag von 200 Euro monatlich umgehen würden, der ihnen ein Jahr lang ohne Rückzahlungspflicht zur Verfügung gestellt würde. Dabei zeigte sich, dass die Wirksamkeit einer solchen Maßnahme wohl begrenzt gewesen wäre: Nur rund ein Viertel der Befragten hätte das Geld überhaupt ausgegeben – und die Mehrheit davon hätte auch keine außerplanmäßigen Anschaffungen getätigt, sondern nur ohnehin anfallende Ausgaben wie Miete oder Lebensmitteleinkäufe damit bestritten.

Verwendung eines hypothetischen „Helicopter Money“ (200 Euro oder Äquivalent in Landeswährung, steuerfrei, monatlich über ein Jahr)

Quelle: ING International Survey

Etwas vielversprechender sahen die Ergebnisse dann bei einer Wiederholung der Umfrage anderthalb Jahre später aus: Als sich Ende 2017 die wirtschaftliche Erholung in Deutschland und weiten Teilen Europas zu einem soliden Aufschwung verfestigt hatte, saß den Konsumenten auch das Portemonnaie wieder lockerer. Immerhin rund ein Drittel der Befragten gab nun an, eine derartige Finanzspritze für konsumtive Zwecke verwenden zu wollen. Auch der Anteil, der nicht lediglich notwendige Ausgaben davon bestritten hätte, war spürbar gestiegen.

 

Daran zeigt sich aber auch das grundlegende Problem, mit dem geldpolitische Maßnahmen zur Ankurbelung von Konjunktur bzw. Inflation zu kämpfen haben: Diese sind oft Resultat einer unsicheren wirtschaftlichen Lage, die bei Unternehmen für Investitionszurückhaltung, bei Arbeitnehmern für geringen Lohndruck und bei Konsumenten für fehlende Kauflaune sorgt. Und genau diese Unsicherheit bewirkt dann auch, dass das zusätzliche Geld der Zentralbanken seinen Weg bestenfalls teilweise in die Realwirtschaft findet – und stattdessen oft lieber auf die hohe Kante gelegt wird und die Preise von Vermögenswerten wie Immobilien oder Wertpapieren auf neue Höhen treibt. Wäre das Hubschraubergeld also auch in der aktuellen Situation zum Scheitern verurteilt?

 

Nicht unbedingt, denn derzeit wäre die Zielsetzung eine andere: Es ginge nicht darum, eine schwächelnde Inflation wieder auf Normalniveau zu hieven, sondern den Absturz in eine deflationäre Spirale zu verhindern – indem Menschen geholfen würde, ihr bisheriges Konsumniveau wenigstens annähernd halten zu können. Vor diesem Hintergrund ist auch die Ankündigung der Bundesregierung zu sehen, mit einem 50-Milliarden-Euro-Sofortpaket aus Zuschüssen und Krediten den sogenannten Solo-Selbstständigen und Kleinstunternehmen unter die Arme greifen zu wollen. Eine sinnvolle Maßnahme – denn in der „Ich-AG“ gibt es bei ausbleibenden Aufträgen weder Lohnfortzahlung noch Kurzarbeitergeld. Und so können die Hubschrauber im Frankfurter Ostend weiterhin stehen bleiben. Die Starterlaubnis wurde diese Woche in Berlin erteilt. Die EZB sorgt nur für den nötigen Rückenwind.

 

Übrigens: Das Thema Helicopter Money haben wir auch in der aktuellen Folge unseres Podcasts Carsten’s Corner angesprochen.

Autor: Sebastian Franke