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Krisenkosten

Chart of the Week

Im Laufe des heutigen Freitags hat die Zahl der weltweit bestätigten COVID-19-Erkrankungen die Marke von einer Million überschritten – knapp ein Viertel davon in den Vereinigten Staaten. Lässt man China, wo die Fallzahlen nur noch sehr langsam steigen, außen vor, sind die nächsten vier Länder auf der Liste Italien, Spanien, Deutschland und Frankreich. Vier Länder, die stark miteinander und als Industrieländer auch international vernetzt sind – beste Voraussetzungen für die Verbreitung des hochansteckenden Coronavirus. Diese Vernetzung ist wohl auch der Grund dafür, dass das Wirtschafts- und Finanzzentrum New York mit dem umliegenden US-Bundesstaat gleichen Namens alleine schon mehr Fälle als ganz Deutschland aufzuweisen hat.

 

Auch die Anzahl der Todesfälle liegt dort bereits höher als in Deutschland, jedoch noch deutlich unter den Zahlen in Frankreich, Spanien und Italien, wo SARS-CoV-2 bislang insgesamt fast 20.000 Opfer gefordert hat. Angesichts derartiger Zahlen haben die Regierungen der betroffenen Länder drastische Maßnahmen zur Beschränkung sozialer Kontakte ergriffen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen – unter denen natürlich auch die wirtschaftliche Aktivität leidet. So entstehen den Staaten nicht nur Kosten durch die Bekämpfung des Virus im engeren Sinn, also im medizinischen Bereich. Eine noch höhere Belastung entsteht durch den Versuch, mit Hilfe von Zuschüssen und Garantien die ökonomischen Auswirkungen der Maßnahmen auf Menschen und Unternehmen abzufedern.

 

Diese finanzielle Belastung bei gleichzeitig sinkenden Steuereinnahmen treibt den Stand der öffentlichen Verschuldung nicht nur in absoluten Zahlen nach oben: Die Schuldenquote, also das Verhältnis der Schulden zum Bruttoinlandsprodukt, klettert sowohl durch einen steigenden Zähler als auch durch einen sinkenden Nenner, nämlich die schrumpfende Wirtschaftsleistung. Da die Schuldenquote den Investoren als wichtiger Anhaltspunkt für die Tragfähigkeit der Verschuldung gilt, könnten diese von den betroffenen Ländern bald einen Risikoaufschlag in Form höherer Zinsen für die ins Haus stehende Neuverschuldung verlangen. Das würde die Staatshaushalte vor allem der bereits höher verschuldeten Länder weiter belasten – auch wenn aktuell die EZB mit ihrem Anleihekaufprogramm die Zinsen auf Staatsanleihen, auch von Staaten mit höherer Verschuldung, deutlich nach unten drückt.

Corona und Staatsverschuldung

Quelle: Johns Hopkins Coronavirus Resource Center, Eurostat, U.S. Bureau of Economic Analysis

Um die Lasten in der Eurozone besser zu verteilen, werden daher verschiedene Instrumente diskutiert. Diese reichen von einer speziellen Kreditlinie des Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM über gemeinsam aufgenommene Schulden, sogenannte Euro- oder in diesem Fall Coronabonds, bei denen höher verschuldete Länder von der Kreditwürdigkeit anderer Staaten profitieren würden, bis hin zu direkten Transferzahlungen. Die politische Diskussion erinnert dabei zwar inhaltlich, aber zum Glück (noch) nicht im Tonfall an die, die im Rahmen der Staatsschuldenkrise Anfang des letzten Jahrzehnts geführt wurde.

 

Mit derartigen Erwägungen müssen sich die USA trotz eines im Vergleich höheren Schuldenbergs als Spanien oder Frankreich zumindest derzeit noch nicht ernsthaft befassen. Einer der Vorteile, die man genießt, wenn man die größte Volkswirtschaft der Welt ist und die internationale Leitwährung stellt: Das Kriterium der Schuldentragfähigkeit wird von den Anlegern sehr viel großzügiger interpretiert. Auch die theoretische Begrenzung der Staatsschulden durch die sogenannte „debt ceiling“ diente zumindest in jüngerer Vergangenheit meist eher als Anlass für politische Kuhhandel im Vorfeld einer Anhebung der Deckelung, als dass sie den Anstieg der Verschuldung effektiv gebremst hätte. Aktuell ist die „debt ceiling“ ohnehin ausgesetzt. So wird wohl auch die fiskalische Handlungsfähigkeit der USA in der Coronakrise nicht spürbar leiden – trotz der von vielen Experten kritisierten späten Reaktion der US-Regierung auf die Bedrohung durch das Virus.

 

Die unterschiedliche fiskalische Leistungsfähigkeit der betroffenen Eurozonenländer und verschiedene Instrumente zu ihrem Ausgleich, die derzeit diskutiert werden, sind auch Thema in der aktuellen Folge unseres Podcasts Carsten’s Corner.

Autor: Sebastian Franke