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Die schwierige Rückkehr zur Normalität

Chart of the Week

Seit beinahe einem Jahr begleiten uns Social-Distancing-Maßnahmen und Lockdowns durch den Alltag. Mit der Zulassung der ersten Impfstoffe in der EU, dem Start der Impfkampagnen für Risikogruppen und den langsam abflachenden Infektionszahlen ist die Rückkehr zur Normalität ein wenig greifbarer geworden. Diese Rückkehr gestaltet sich allerdings schwieriger als noch vor ein paar Wochen erhofft. Lieferengpässe bei den Impfstoffen und Virus-Mutationen verlängern Lockdowns und trüben damit auch die Konjunkturaussichten.

Nach vorne schauen, ein bisschen in die Glaskugel sehen – das war selten so schwierig wie in der aktuellen Krise. Denn neue Entwicklungen gibt es nicht quartalsweise oder monatlich, sondern tägliche Veränderungen und Erkenntnisse bestimmen das wirtschaftliche Geschehen und das soziale Leben. Selbst hochgeschätzte Frühindikatoren bieten immer nur eine Momentaufnahme, denn während die Umfrageergebnisse ausgewertet werden, können positive oder negative Nachrichten schon für ein völlig anderes Bild gesorgt haben. Was diese Krise braucht, ist daher eine andere Art, die wirtschaftliche Aktivität und die Entwicklung des Geschehens abzubilden. Hochfrequente Daten, also täglich zur Verfügung stehende Informationen, stehen seit dem letzten Jahr hoch im Kurs. Und das zu Recht. Denn sie liefern nicht nur ein umfassendes Bild über die Auswirkungen der Eindämmungs-Maßnahmen auf das alltägliche Leben, sondern eignen sich zusätzlich extrem gut als Indikator für BIP-Wachstumszahlen.

Unser Chart of the Week zeigt den ING Nowcast Indikator für die gesamte Eurozone. Dieser Aktivitätstracker ermöglicht es, die wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone auf wöchentlicher Basis zu beurteilen. Möglich ist dies durch eine Komposition von Mobilitätsdaten, wortbasierten Daten, Daten zu Energieverbrauch und NO2-Ausstoß sowie den durch LKWs zurückgelegten Kilometern auf Autobahnen (letzteres nur für Deutschland). Genaue Informationen zur zugrundeliegenden Methodik sind hier zu finden.

ING Nowcast Indikator zur Erfassung wöchentlicher wirtschaftlicher Aktivität

Quelle: ING Economic and Financial Analysis

Für die vergangene Kalenderwoche 3 zeigt der Indikator eine leichte Aktivitätsabnahme. Im Vergleich zur Vorwoche ist er von 94,5 auf 91,4 gefallen, was hauptsächlich auf die starke Abnahme des NO2-Ausstoßes und einen geringeren Energieverbrauch zurückzuführen ist. Bis zu einem gewissen Grad können beide Komponenten mit der Industrieproduktion in Verbindung gebracht werden. Auch andere Indikatoren zeigten Anzeichen für eine anhaltende wirtschaftliche Schwäche: Die Mobilitätsdaten deuten auf weniger Fahrten zum Arbeitsplatz und zu Supermärkten und Apotheken hin. Aufgrund der anhaltenden Lockdowns in der gesamten Eurozone ist es wenig überraschend, dass die Mobilität insgesamt nach wie vor unterhalb des Niveaus der letzten Monate des Jahres 2020 liegt.

Wir wollen einen Blick nach vorne wagen: die aktuellen Startschwierigkeiten das Impfen betreffend sowie anhaltende Einschränkungen des wirtschaftlichen Lebens mögen die sowieso schon tristen Monate Januar und Februar noch etwas grauer erscheinen lassen, dennoch sind wir optimistisch, dass sich mit dem Anstieg der Temperaturen auch die Impfkampagnen warmgelaufen haben sollten. Zudem zeigen die bestehenden Maßnahmen erste Erfolge. Eine schnelle vollständige Rückkehr zur Normalität mag zwar zu viel Wunschdenken sein, aber die ersten Schritte dahin sollten spätestens gemacht worden sein, wenn der Frühling offiziell beginnt.

Autor: Franziska Biehl