Ist mehr auch immer besser?

Chart of the Week

Keinen Titel konnte Deutschland in den letzten 10 Jahren so häufig für sich gewinnen wie den des „Exportweltmeisters“. Auch wenn der Sieg dieses Kräftemessens zuletzt an China ging, bleiben die Leistungsbilanzüberschüsse hoch – 2020 wurde ein Plus von rund 237 Mrd. Euro erzielt. Andere Länder, wie die USA, verbuchen jährlich hohe Leistungsbilanzdefizite. Während mit einem hohen Leistungsbilanzüberschuss oft die Stärke einer Volkswirtschaft verbunden wird, wird ein erzieltes Defizit als Schwäche angesehen. Aber kann weniger auch manchmal mehr sein oder ist mehr immer besser?

In der Leistungsbilanz eines Landes werden alle Güter- und Dienstleistungstransfers mit dem Ausland verbucht. Den größten Anteil daran hält die Handelsbilanz. Prinzipiell lässt sich also sagen, dass eine Volkswirtschaft einen Leistungsbilanzüberschuss erzielt, wenn die Exporte die Importe übersteigen. Für eine Volkswirtschaft wie Deutschland, deren Wirtschaftsleistung so stark vom Exporthandel abhängt, klingt ein großer Überschuss also zunächst nach einem sehr erfolgreichen Jahr. In den USA verhält es sich genau andersherum. Hier verbucht man seit Jahren eine negative Leistungsbilanz. Aber ist das ein Zeichen einer schwachen Volkswirtschaft? Nicht zwangsläufig.

Dass ein Leistungsbilanzüberschuss ein Zeichen der Stärke ist, lässt sich genauso wenig pauschal sagen, wie dass ein Leistungsbilanzdefizit ein Zeichen der Schwäche ist. Während ein hoher Überschuss davon zeugen kann, dass die Sparneigung des Landes zu hoch ist oder keine Wachstumsmöglichkeiten im eigenen Land erkannt werden, kann das Defizit dafürsprechen, dass fremde Wirtschaften Potenzial im betreffenden Land sehen und die heimische Währung daher dort investieren möchten.

Im Falle Deutschlands zielt die Kritik gar nicht so sehr ab auf den Überschuss – niemand will deutsche Produkte weniger attraktiv machen –, sondern auf das, was mit dem Überschuss geschieht. Denn in den letzten Jahrzehnten wurden die erwirtschafteten Überschüsse leider nie sehr gewinnbringend angelegt. Ganz im Gegenteil. In der Subprime-Krise verpufften ganze Jahrzehnte von deutschen Leistungsbilanzüberschüssen. Alternativ wäre es sinnvoller gewesen, die Überschüsse im eigenen Land zu investieren, um so wieder das inländische Wachstum zu erhöhen.

Saldo der Leistungsbilanz Deutschland und USA

Quelle: Datastream; *Daten für USA bis inkl. Q3 2020

In der Europäischen Union wird übrigens ein Zielwert des Leistungsbilanzüberschusses von maximal 6 Prozent des BIP vorgegeben. Deutschlands Überschuss lag zuletzt bei etwa 8 Prozent des BIP. Die anhaltende Überschreitung des Zielwerts hat schon zu mehreren Ermahnungen aus Brüssel geführt. Zum Wohle der gesamten Eurozone, aber vor allem zum Wohle der deutschen Wirtschaft, die ja nun schon lange Zeit unter einem Investitionsstau leidet. Was die Leistungsbilanz des Landes betrifft, ist mehr nicht immer automatisch besser.

Autor: Franziska Biehl